Kfz-Policen:Auch autonome Fahrzeuge brauchen eine Versicherung

Kfz-Policen: Spitznahme "Glühwürmchen": Bei autonom fahrenden Autos wie dem "Waymo Firefly" kommt es für Versicherer jetzt verstärkt auf die Übertragung digitaler Daten an.

Spitznahme "Glühwürmchen": Bei autonom fahrenden Autos wie dem "Waymo Firefly" kommt es für Versicherer jetzt verstärkt auf die Übertragung digitaler Daten an.

(Foto: Robert Haas)

Die Allianz erwartet einen viel höheren Einfluss von Daten auf die Frage, wie teuer künftig eine Kfz-Versicherung ist. Erst recht bei autonomen Autos und beim automatisierten Fahren. Damit die Versicherer kalkulieren und sich an der Entwicklung beteiligen können, sollen die Hersteller ihre Daten offenlegen.

Von Christian Bellmann, München

Carsharing, Elektroantriebe, Assistenzsysteme und autonomes Fahren - beim Thema Mobilität ist vieles im Umbruch. Diese Megatrends treiben nicht nur Autohersteller und Zulieferer um, sondern auch die Autoversicherer. Bislang nutzen sie für die Kalkulation ihrer Policen vor allem herkömmliche Faktoren. Dazu gehören die persönlichen Daten der Kunden, die schadenfreien Jahre, die Fahrleistung und die Typklasse des Autos.

Christoph Lauterwasser, Chef des Allianz Zentrum für Technik, erwartet jedoch einen tiefgreifenden Wandel. "Wir werden in den nächsten zehn Jahren immer mehr Einfluss der Technologie auf die Autoversicherung haben", sagte er auf dem Allianz Autotag in der vergangenen Woche.

Mit den Telematik-Policen haben eine Reihe von Anbietern bereits einen ersten Schritt in Richtung einer daten- und technologiebasierten Kfz-Versicherung gemacht. Bei diesen Tarifen messen Geräte oder Apps die Fahrweise, davon hängt die Höhe des Versicherungsbeitrags ab. Dabei wird es nicht bleiben. "Wir werden mit dem autonomen Fahren und Fahrerassistenzsystemen auch einen erheblichen Einfluss auf die Versicherung haben, weil sukzessive bestimmte Schäden deutlich reduziert werden können", erwartet Lauterwasser.

Echtes autonomes Fahren, bei dem die Fahrzeuginsassen nur noch Passagiere sind, ist noch Zukunftsmusik. Im Massenmarkt angekommen ist schon das assistierte Fahren, also die Unterstützung des Fahrers durch Assistenzsysteme. Eine Zwischenstufe ist das automatisierte Fahren. Hier übernimmt das Fahrzeug die Kontrolle in einem festgelegten Betriebsbereich. Der Fahrer darf sich zwar zeitweise vom Verkehrsgeschehen abwenden, muss aber in der Lage sein, bei Bedarf sofort wieder die Kontrolle zu übernehmen.

Der deutsche Gesetzgeber hat in diesem Jahr mit dem Gesetz zum autonomen Fahren bereits den Rahmen für führerloses Fahren gesetzt. Während beim automatisierten Fahren der Fahrer weiterhin in der Pflicht bleibt, überwacht beim autonomen Fahren eine sogenannte "technische Aufsicht" das Fahrzeug. Sie kann das Fahrzeug von außen deaktivieren und in schwierigen Situationen Fahrmanöver freigeben - beispielsweise, wenn eine Ampel aufgrund eines technischen Defekts dauerhaft rot ist und so das Auto permanent an der Weiterfahrt hindert.

Künftig wird nicht nur wie bisher der Fahrer und sein Auto Versicherungsschutz brauchen, sondern auch die technische Aufsicht. Die Allianz hält das nicht für ein Problem. "Wir werden auch den 'autonomen Fahranfängern' und der 'technischen Aufsicht' Versicherungsschutz bieten und sie in der Kfz-Haftpflichtversicherung versichern", verkündet Klaus-Peter Röhler, Chef der Allianz Deutschland. Genauso wie herkömmliche Fahranfänger am Anfang unsicher sind und an Erfahrung gewinnen, werde auch die im Rahmen des autonomen Fahrens eingesetzte Technologie mit der Zeit besser, sicherer und verlässlicher, erwartet er.

Die Allianz plädiert dafür, dass die Ergebnisse und Erkenntnisse von Herstellern, Zulieferern, Technologiefirmen und Versicherern beim Thema autonomes Fahren international gesammelt und auf einer unabhängigen Plattform untereinander ausgetauscht werden - und zwar sowohl Fahrzeug- und Systemdaten als auch Unfalldaten.

Keine neue Technik ist fehlerfrei, deshalb gibt es künftig Unfälle vor allem im Zusammenspiel von herkömmlichen und autonomen Fahrzeugen, erwartet die Allianz. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in automatisierte und autonome Systeme sei aber nur dann gewährleistet, wenn Unfallursachen und auch "Beinahe-Unfälle" korrekt aufgeklärt werden können.

Nach den Vorstellungen des Versicherers sollte zum Schutz der personenbezogenen Daten ein europaweiter, unabhängiger Treuhänder die Auto- und Unfalldaten verwalten. Er soll prüfen, ob ein berechtigtes Interesse an der Unfallaufklärung besteht und die dafür erforderlichen Daten den jeweiligen Parteien zur Verfügung stehen.

Die Vorschläge sind nicht uneigennützig. Die von den Autos erfassten und übermittelten Daten dürften nämlich schon bald der Schlüssel für die Autoversicherung sein. Die Versicherer sorgen sich seit Jahren um die Verfügbarkeit solcher Daten. Sie fürchten, dass die Autohersteller ihnen hier das Wasser abgraben und sie selbst stark davon abhängig werden, welche Informationen die Hersteller mit ihnen teilen - und wie teuer das für sie wird.

Die Versicherer machen sich auch Gedanken über die technische Umsetzung des autonomen Fahrens, vor allem mit Blick auf grenzüberschreitenden Verkehr. Die Allianz, hierzulande zweitgrößter Kfz-Versicherer hinter der HUK-Coburg, spricht sich für ein europaweit koordiniertes Vorgehen aus. "Wir müssen unsere Straßen europaweit fit machen für autonomes Fahren", fordert Röhler. "Denn bei einem Grenzübertritt müssen diese Autos nicht nur Beschilderungen und Markierungen erkennen und Verkehrsregeln einhalten, sondern es muss auch klar sein, wer haftet, wenn ein Unfall passiert."

© SZ
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