Strukturierte Fonds:US-Justiz setzt Allianz gehörig unter Druck

Allianz

Konzern unter Druck: Fahnen der Allianz wehen vor der Olympiahalle in München (ein Bild aus dem Jahr 2018).

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Die Konzern hat Investoren in den USA strukturierte Fonds angeboten, die starke Ausschläge der Kapitalmärkte dämpfen sollten. Doch die taten das Gegenteil - und sorgten für Milliardenverluste.

Von Herbert Fromme und Nina Nöthling, Köln

Die Lehrer im US-Bundesstaat Arkansas und die U-Bahn-Fahrer in New York sind zurzeit nicht gut auf den deutschen Allianz-Konzern zu sprechen. Denn ihre Pensionsfonds haben Milliardenverluste mit Spezialfonds der Allianz-Tochter Allianz Global Investors (AGI) erlitten. Das kostet viele Dollar bei der Altersversorgung jedes Einzelnen. Auch andere große Anleger und Privatpersonen haben Geld verloren. Insgesamt sechs Milliarden Dollar verlangen sie vor Gericht von dem Versicherungskonzern.

Bislang plätscherten die Prozesse so vor sich hin, ebenso wie eine Untersuchung der Börsenaufsicht SEC. Die Klageschriften seien "unwahr und ohne Grundlage", hatte die Allianz vor einem Jahr erklärt und eine "robuste Verteidigung" angekündigt. Doch jetzt hat das US-Justizministerium Department of Justice (DOJ) den Druck auf den Münchener Konzern erheblich erhöht. Die oberste Strafverfolgungsbehörde der USA kündigte eine Untersuchung der Vorgänge an.

Das ist ungefähr so, als wenn der Generalbundesanwalt erklären würde, er werde sich die Geschäftspraktiken einer Firma genauer ansehen. Alarmstufe rot für die Allianz und Konzernchef Oliver Bäte.

Am Sonntag musste das Unternehmen deshalb mitteilen, dass der Vorgang "erhebliche Auswirkungen auf künftige Finanzergebnisse" haben könnte. "Die Allianz kooperiert vollumfänglich mit der SEC und dem DOJ bei deren Ermittlungen und hat umgehend eine eigene Überprüfung der Angelegenheit eingeleitet", hieß es in der Mitteilung weiter. Statt angeblich unwahrer Klageschriften ohne Grundlage plötzlich eine eigene Untersuchung - 17 Monate nach dem Börsencrash, um den es geht.

Die Allianz hat keine Rückstellungen gebildet - mit einem interessanten Argument

Darum geht es: Die Allianz-Tochter AGI hatte den betroffenen Investoren in den USA so genannte Structured Alpha Fonds verkauft. Sie sollten gerade in Phasen deutlicher Marktunruhe Stabilität in den Bestand bringen und trotzdem gute Erträge liefern. Doch die starken Schwankungen der Aktienmärkte zu Beginn der Corona-Krise Anfang 2020 brachten die Alpha-Fonds in Not. AGI musste Ende März zwei der Hedgefonds sogar ganz schließen. Andere wiesen hohe Verluste auf. Die Kläger behaupten, AGI habe damals entgegen den selbst aufgestellten Investmentregeln der Fonds agiert und so die Verluste erhöht.

Der Pensionsfonds der Lehrer im Bundesstaat Arkansas, das Arkansas Teacher Retirement System, hatte nach dem Crash seine Fondsanteile verkauft und damit Verluste von 774 Millionen Dollar gemacht. Für den Pensionsfonds mit 15 Milliarden Dollar unter Verwaltung sind das immerhin fünf Prozent seiner Anlagen: kein Pappenstiel.

Besonders spannend ist, dass die Münchener bislang keine Rückstellungen für mögliche Verluste aus diesen Klagen gebildet haben - obwohl der Vorstand der Allianz SE glaubt, dass sie "erhebliche Auswirkungen" auf die Finanzergebnisse haben könnten. Der Konzern begründet seine Zurückhaltung mit einem interessanten Argument: Es sei derzeit nicht möglich, den Ausgang der Untersuchungen und der Gerichtsverfahren vorherzusagen. Aber das ist bei vielen unsicheren wirtschaftlichen Vorgängen so, auch bei vielen Versicherungsschäden. Trotzdem stellt die Allianz für sie Geld zurück.

Offenbar wollte sich Konzernchef Bäte die Börsenstory der Allianz nicht kaputtmachen lassen, die er eigentlich am kommenden Freitag bei der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen wiederholen wollte: Ob Covid, Flut, Klimawandel oder andere Krisen - die Allianz liefert stabil und zuverlässig Gewinne ab.

Jetzt wird die Allianz-Führung nicht umhinkommen, zu dem Vorgang in den USA Stellung zu nehmen. Die möglichen Schadenersatzzahlungen und Geldstrafen in Milliardenhöhe wirken sich bereits negativ auf den Aktienkurs aus: Das Allianz-Papier war am Montag zeitweise mehr als 7 Prozent im Minus. Anleger mögen solche Unsicherheit nicht. Die Allianz-Aktie werde in nächster Zeit volatiler sein, erwarten die Analysten der Nord/LB. Sie haben die Allianz-Aktie von "kaufen" auf "halten" heruntergestuft.

Auch die Ratingagentur Standard & Poor's hat reagiert. Die künftigen Finanzergebnisse der Allianz könnten durch die Untersuchung des US-Justizministeriums "wesentlich beeinflusst werden". Das könnte dazu führen, dass die Agentur ihre Sicht auf das Ergebnis und die Kapitalisierung überdenkt, schreibt Standard & Poor's. Eine Herabstufung durch eine Rating-Agentur - und das nicht wegen Covid, nicht wegen eines verwegenen Versicherungsangebots oder wegen Verlusten der eigenen Kapitalanlagen. Nein, wegen eines strukturierten Fondsangebots in den USA. Das wäre wirklich bitter für die Allianz.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB