Allianz-Skandal:Verluste schöngerechnet

Lesezeit: 2 min

Allianz-Skandal: Wegen Problemen mit der Tochter Allianz Global Investors muss die Allianz Milliarden an Schadenersatz zahlen.

Wegen Problemen mit der Tochter Allianz Global Investors muss die Allianz Milliarden an Schadenersatz zahlen.

(Foto: TILMAN BLASSHOFER/REUTERS)

Weil eine Tochterfirma der Allianz gelogen und betrogen hat, muss die Muttergesellschaft nun dafür geradestehen. Das kostet sie Milliarden. Und: Die Allianz darf in den USA zehn Jahre lang keine Fonds mehr anbieten.

Von Herbert Fromme, Köln

In den USA hat die juristische Aufarbeitung des Structured Alpha-Skandals der Allianz begonnen. Die Tochter Allianz Global Investors (AGI) hat jahrelang Investoren belogen und so die hohen Risiken von Structured Alpha verschleiert. Das werfen das US-Justizministerium und die Wertpapieraufsicht SEC dem Münchener Versicherungskonzern vor. Der Konzern muss Milliarden an Geldstrafen zahlen. Und: Die AGI US darf zehn Jahre lang keine Investmentfonds in den USA anbieten.

Zwei besonders dreiste Beispiele für den Betrug: In einem Risikobericht an große Anleger berechnete AGI das Verlustpotential bei einem Aktiencrash. Es betrug 42,15 Prozent des angelegten Geldes. Aber dieser Wert erschien den Managern offenbar zu hoch. Sie ließen in der Mitteilung an die Anleger einfach die Ziffer zwei weg, so wurden daraus 4,15 Prozent, ein durchaus verschmerzbarer Wert. An einem Tag Anfang 2020 verlor ein Fonds 18,3 Prozent. Auch das passte nicht ins Bild, sie machten daraus 9,3 Prozent.

Jetzt hat der Skandal weitreichende Konsequenzen. Die AGI hat sich für schuldig erklärt und wurde US-Justizministerium mit einer Geldstrafe von 2,33 Milliarden Dollar belegt. Außerdem beschlagnahmt die US-Regierung 463 Millionen Dollar.

Als Entschädigung für Anleger hat die Allianz 3,24 Milliarden Dollar zugesagt. Auch die Wertpapieraufsicht SEC hat hohe Geldstrafen verhängt. Damit dürften die 5,6 Milliarden Euro, die der Konzern bislang für die Belastungen zurückgestellt hat, kaum ausreichen. Drei frühere Allianz-Manager müssen sich vor Gericht verantworten.

Die Structured Alpha-Fonds boten Großkunden besonders hohe Renditen bei angeblicher Krisensicherheit. In ihren besten Zeiten hatte die Allianz elf Milliarden Dollar an Anlagen in den Structured Alpha-Fonds, der Konzern verdiente 550 Millionen Dollar an Gebühren.

Die Fonds wurden von 2016 bis 2020 an 114 institutionelle Anleger verkauft, darunter Pensionsfonds für Lehrer, Krankenkassenmitarbeiter und U-Bahnfahrer. "Allianz Global Investors hat zugegeben, Anleger über mehrere Jahre hinweg betrogen zu haben, Verluste und Abwärtsrisiken einer komplexen Strategie zu verbergen und es versäumt zu haben, wichtige Risikokontrollen durchzuführen", teilte der SEC-Vorsitzende Gary Gensler mit.

Das System sei von Anfang an hoch riskant gewesen, wirft die SEC der Allianz vor. Das sei im Aktiencrash zu Beginn der Pandemie Anfang 2020 ans Licht gekommen. Die drei verantwortlichen Manager hätten laut SEC systematisch Finanzberichte manipuliert. Nachdem der Crash 2020 das hohe Risiko der Investmentstrukturen offengelegt hatte, versuchten die drei, ihr Verhalten zu verschleiern, so der Vorwurf.

Schon vor den Betrugsvorwürfen hatten Investoren die Allianz beschuldigt, die eigenen Anlageregeln nicht eingehalten und sie falsch informiert zu haben. In mehr als 20 Verfahren haben sie den Konzern auf Schadenersatz verklagt, mit einer Reihe von ihnen hat er sich geeinigt.

Die Allianz hatte die Vorwürfe zunächst zurückgewiesen. Doch als im vergangenen Jahr das Justizministerium seine Ermittlungen aufnahm, änderte sich die Tonlage. Vorstandsmitglied Jacqueline Hunt, die für das Asset Management verantwortlich war, verließ den Vorstand im September 2021.

Konzernchef Oliver Bäte hat immer jede direkte Verantwortung bestritten. Allerdings muss er sich den Vorwurf der mangelnden Aufsicht über den Konzern gefallen lassen. 2020, als der Structured Alpha-Skandal kulminierte, musste sich die Allianz mit zwei weiteren, wenngleich kleineren Betrugsvorwürfen auseinandersetzen.

In Australien wurde der Konzern wegen irreführender Werbung zur Zahlung von 0,9 Millionen Euro verurteilt. In Bermuda hatte die Aufsicht eine Geldstrafe von 1,4 Millionen Euro gegen die Allianz Life Bermuda verhängt, weil sie ihr Verstöße gegen Vorschriften zur Geldwäsche und Terrorfinanzierung vorwarf.

Bäte konnte sich bislang der Unterstützung großer Anleger sicher sein, die er mit garantiert hohen Dividenden und Aktienrückkäufen verwöhnt. Allerdings könnte die Tatsache, dass die AGI über fünf Jahre unentdeckt tricksen konnte, diese Treue ins Wanken bringen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB