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Start-ups:Ohne Frauen an die Börse

Pressebilder Hellofresh, Kombo SZ

Dominik, Christian, Thomas und Edward. Das Management von Hello Fresh.

(Foto: Hellofresh/oh)

Der neue Durchschnittschef heißt Christian und trägt T-Shirt. Modern ist er aber nicht: Unter den Neulingen an der Frankfurter Börse ist der Frauenanteil im Vorstand besonders gering.

Von Kathrin Werner

Die neuen Chefs tragen keine Schlipse und dunkle Anzüge, sondern hellblaue Hemden mit offenem Kragen oder gleich ein cooles T-Shirt. Sie verschränken auf den Porträtfotos ihre Arme voller Tatendrang. Sie sind 1973 geboren, haben BWL studiert, wahrscheinlich an der WHU in Koblenz, und danach ein Start-up gegründet. Und sie heißen Christian.

Das Durchschnitts-Vorstandsmitglied eines Unternehmens, das es in den vergangenen fünf Jahren neu an die Frankfurter Börse geschafft hat, ist so ein Durchschnitts-Christian. Und definitiv keine Christiane. Im April dieses Jahres lag der Frauenanteil in den Vorständen der Börsenneulinge in den Indizes Dax, M-Dax und S-Dax bei nur 10,2 Prozent - deutlich geringer als im Durchschnitt aller deutschen Börsenunternehmen. Bei Start-ups, die im Verlauf der vergangenen 15 Jahre gegründet wurden, liegt der Frauenanteil sogar bei nur 5,4 Prozent. Das hat die deutsch-schwedische Allbright-Stiftung ermittelt, eine politisch unabhängige und gemeinnützige Stiftung, die sich für mehr Frauen und Diversität in den Führungspositionen der Wirtschaft einsetzt.

"Die neuen Unternehmen präsentieren sich jung und dynamisch, aber sie wiederholen exakt denselben Fehler, mit dem die Unternehmensgeneration vor ihnen jetzt kämpft: Sie rekrutieren extrem homogene Mannschaften", sagt Stiftungs-Geschäftsführerin Wiebke Ankersen. In den Vorständen der 30 Börsenneulinge gibt es mehr Christians und Stefans, nämlich 13, als Frauen insgesamt - es sind nur elf. Elf von 109 Vorstandsmitgliedern.

Nur Männer im Vorstand - ein Wettbewerbsnachteil

Man könnte erwarten, dass die jungen Unternehmen mehr auf Diversität setzen, schließlich präsentieren sie sich gern als frisch und trendig, stellen Tischkicker auf und ziehen junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an. Und schließlich sind sie in einer Zeit gegründet worden, in der es durch zahllose Studien belegt ist, dass Unternehmen mit Frauen in der Führung und insgesamt vielfältigeren Perspektiven auch bessere Ergebnisse erzielen. Doch die Realität sieht anders aus.

Delivery Hero ist eines der letzten Dax-Unternehmen mit einem rein männlichen Vorstand und der "Zielgröße null", es hat sich also noch nicht einmal vorgenommen, Frauen in das oberste Führungsgremium zu berufen. Stattdessen hat das Unternehmen im April stolz verkündet, ein "Diversity & Inclusion Advisory Board" zu gründen, das für mehr Vielfalt im Unternehmen sorgen und "wegbereitend für die gesamte Industrie" sein soll - der Vorstand blieb allerdings unerwähnt. Der Vorstand von Hello Fresh setzt sich zusammen aus einem Dominik, Thomas, Edward und natürlich einem Christian, alle in hellblauen Hemden oder schwarzen T-Shirts auf den Firmenfotos. Die Börsenneulinge Corestate Capital, Verbio und S&T haben jeweils fünf- oder sechsköpfige Vorstände, alle sind Männer.

"Die notwendige Erneuerung der deutschen Wirtschaft bleibt aus, wenn die jungen Unternehmen Vielfalt in der Führung nicht von Anfang an in ihre DNA einbauen", klagt Ankersen. "Diese fehlende Veränderungsfähigkeit ist ein Wettbewerbsnachteil für den Standort Deutschland, das sehen wir bei der Diversität genauso wie bei der Digitalisierung."

Die fehlende Diversität bringt gleich zwei Nachteile mit sich: Zum einen entgehen den Unternehmen die Impulse, die Frauen im Top-Management bringen. Eine mehrfach wiederholte Studie der Unternehmensberatung McKinsey zeigt zum Beispiel, dass die Firmen mit der größten Vielfalt im Vorstand über Jahre hinweg eine deutlich höhere Kapitalrendite und auch höhere Betriebsergebnisse erzielen als diejenigen mit der geringsten Diversität. Zum anderen ist es deutlich schwerer, nachträglich die Unternehmenskultur so zu ändern, dass sie inklusiver wird, als am Anfang, wenn man klein und flexibel ist. "Es kostet später dann wertvolle Ressourcen, um falsch gewachsene Strukturen und Kulturen wieder zu ändern", sagt Ankersen.

Irgendwann steigt der Druck, sich zu verändern

Gerade Start-ups geben oft den großen Wachstumsdruck als Grund an, anfangs nicht auf Diversität achten zu können, sagt Ankersen. Vor allem Wagniskapitalgeber ließen keine Pause zu, um zu reflektieren, weil sie möglichst schnell ihr Geld zurückhaben wollen. Deshalb rekrutieren die Gründer ihre Führungsmannschaft aus ihrem eigenen Umfeld - und die sieht dann eben so aus wie sie selbst, ist so alt wie sie selbst, hat das Gleiche an der gleichen Uni studiert und ist meist ebenso männlich wie sie selbst. Der Frauenanteil unter den Gründern liegt in Deutschland nur bei 15,7 Prozent.

Von den Start-ups, die sehr viel Geld von Wagniskapitalgebern bekommen, haben sogar noch weniger eine Frau im Gründungsteam. Wagniskapitalgeber sind ebenfalls sehr männerdominiert und tendieren dazu, Managementteams ihrer Portfolio-Firmen aus ihrem Netzwerk zu besetzen. Rocket Internet etwa, einer der wichtigsten Risikokapitalgeber in Deutschland, hat bis heute keine Frau im Aufsichtsrat oder Vorstand beschäftigt.

Wenn Unternehmen eine Zeit lang an der Börse notiert sind, ändern sie meist ihre Haltung zur Diversität und holen sich Frauen in die Vorstände. Das liegt zum einen daran, dass Investmentbanken wie Goldman Sachs, die Börsengänge begleiten, und zunehmend auch institutionelle Investoren wie Blackrock Wert auf Vielfalt legen - wenn auch die meisten von ihnen sich bislang mit Frauen im Aufsichtsrat zufriedengeben.

Zum anderen steigt mit der Transparenz-Pflicht an den Börsen auch das öffentliche Interesse und die Medienaufmerksamkeit. Die Kritik an den Christian-Vorständen wächst, was gerade für Unternehmen ein Problem ist, die Konsumgüter verkaufen. Ein Beispiel dafür ist Zalando. Der Online-Modehändler, ebenfalls einst ein Start-up aus der Schmiede von Rocket Internet, war lange enorm männerdominiert. Doch als das Unternehmen an die Börse ging, stieg der Druck von außen. Im Herbst 2019 änderte Zalando daraufhin die Zielsetzung für den Vorstand und alle anderen Führungsebenen und strebt nun statt null Frauen mindestens 40 Prozent bis 2023 an. Inzwischen ist mit Cristina Stenbeck eine Frau Aufsichtsratsvorsitzende. Gerade hat das Unternehmen zudem mit Astrid Arndt eine erste Frau in den Vorstand berufen.

© SZ
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