Alitalia Sinkflug einer ganzen Nation

Seit 70 Jahren unterwegs: Die ersten Alitalia-Flugzeuge waren von Rom nach London unterwegs.

(Foto: dpa)

Die Geschichte Alitalias ist beispielhaft für die barocke, oft folgenschwere Vernetzung von Staat und Wirtschaft im Land. Und für Italiens Mühe, sich zu reformieren.

Von Oliver Meiler, Rom

Vielleicht hätten die neuen Uniformen ein Alarmsignal sein sollen. Als Alitalia im vergangenen Sommer ihre Flugbegleiterinnen frisch einkleidete, gab es viel Hohn und Kritik. Diese grünen Strümpfe. Dieser großmütterliche Schnitt. Diese Hütchen, die wie missratene Törtchen aussehen.

Die neue Uniform wirkte so angestrengt altmodisch, so überdreht retro, dass man den Eindruck gewann, die Fluggesellschaft glaube nicht mehr an ihre Zukunft, sie schwelge nur noch in ferner, sehr ferner Glorie.

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Doch außer diesem modischen Fehlgriff ließ wenig erahnen, dass Alitalia auf Schwierigkeiten zusteuerte. Nun, es ist alles noch viel schlimmer: Alitalia steht vor dem Aus. Sechs Monate Zeit gibt sich die italienische Regierung, um einen Käufer zu finden. Wählerisch ist man nicht.

Nachdem die Belegschaft in einem Referendum einen recht milden Sanierungsplan abgelehnt hat, der dem Unternehmen ein Fortleben garantiert hätte, geht es nur noch um die Frage: Kann Alitalia ganz oder nur in Teilen verkauft werden?

Alitalia versprach, das Land auf Flügeln zu tragen

Es ist ein Jammer mit Ansage. Schon lange befindet sich Alitalia im Niedergang, ein Rettungsplan, der stets der letzte sein sollte, folgte dem anderen. Acht Milliarden Euro an Steuergeldern hat das bisher gekostet. Und es wurden viele Fehler gemacht. Die Geschichte Alitalias ist auch beispielhaft für die barocke, oft folgenschwere Vernetzung von Staat und Wirtschaft im Land. Und für Italiens Mühe, sich zu reformieren.

Ihren ersten Flug operierte Alitalia vor genau siebzig Jahren, am 5. Mai 1947, von Turin über Rom nach Catania. Der Name der Gesellschaft ist eine hübsche Wortschöpfung: "Ali" ist das Wort für Flügel. Alitalia versprach also, das Land zu tragen. Die Nachkriegsdekaden waren eine gute Zeit, eine Zeit des Wirtschaftswunders, des "Miracolo economico", wie anderswo in Europa auch. Italien hob ab, schaffte den Sprung in die industrialisierte Welt. Und war plötzlich sexy.

Mit ihrem Sinn für Stil und Schönheit, mit dieser scheinbaren Leichtigkeit des Seins eroberten die Italiener die Welt. Alitalia flog bald überall hin, eine Ikone der Modernität, die Nationalfarben am Heckflügel. Und wenn dann und wann auch noch Filmstars wie Sophia Loren oder Gina Lollobrigida über die Treppen schwebten, herangezoomt von den Paparazzi, oder Päpste im weißen Gewand, da war das Bild perfekt. Schöne Werbung, ohne Anstrengung.

Bis heute nennen die Italiener ihre Fluggesellschaft "Compagnia di bandiera", Gesellschaft der Flagge, als wäre sie noch staatlich. Was sie längst nicht mehr ist. Doch man ist stolz darauf, trotz allem.

So war Alitalia auch immer ein Spielball der Politik. Die nationale Eigenständigkeit der Airline war vielen Regierenden so wichtig für den Machterhalt, dass sie auch den Absturz in Kauf nahmen. 2008 schlug der damalige Premierminister Silvio Berlusconi ein Angebot von Air France aus und verkaufte stattdessen die Mehrheit an zwei italienische Großbanken.