Alexandra Widmer:"Wie geht es denn Ihnen, Frau Widmer?" - "Beschissen"

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Alexandra Widmer, Alleinerziehende und Therapeutin und Bloggerin

Alexandra Widmer ist Therapeutin und Bloggerin.

(Foto: Manuel Geiger/PR)

Alexandra Widmer ist alleinerziehend und bloggt darüber. Im Interview erzählt sie, wie es ist, plötzlich alleine dazustehen - und welchen Rat ihr die Therapeutin gegeben hat.

Von Hannah Wilhelm

Alexandra Widmer, 41, ist alleinerziehend. Was das wirklich heißt, darüber machen sich die meisten Menschen keine Gedanken: Arbeiten, sich um zwei kleine Kinder kümmern, alle Entscheidungen alleine treffen und auch finanziell das meiste alleine stemmen. Ein Jahr nach der Trennung von ihrem Lebenspartner war Widmer, die selbst Ärztin und Therapeutin ist, sehr wütend und mit den Nerven am Ende. "Was das für einen Menschen in dieser Lebensphase bedeutet, plötzlich alleine dazustehen. Das Ausmaß der Konflikte, der Erschöpfung, der Überlastung war riesig", sagt sie. "Gleichzeitig wurden psychologische Grundbedürfnisse wie Anerkennung, Sicherheit, Wertschätzung nicht mehr erfüllt."

Auf Suche nach Hilfe googelte sie "alleinerziehend" und stieß auf - nichts. Ähnlich ging es ihr in ihrer Heimat Hamburg, wo sie nach Angeboten von Kirchen und sozialen Stellen suchte. "Alleinerziehende schämen sich und mischen sich hier unter die anderen Eltern", bekam sie da zu hören. Unglaublich, fand sie, und wurde noch wütender. Also fing sie an zu bloggen. Heute ist ihr Blog sehr erfolgreich, und sie hat ein Buch geschrieben. Mittlerweile hört sogar Familienministerin Manuela Schwesig ihr zu. Sie lud Widmer im März zum Demokratie-Kongress als Referentin nach Berlin ein.

Alexandra Widmer geht es mittlerweile viel besser. Auch weil sie, wie sie selbst sagt, einen Hebel umgelegt habe. Kein anderer werde Lobbyarbeit für Alleinerziehende machen, kein anderer werde sich kümmern - das müsste man schon selbst übernehmen, sagt sie.

Jede müsse auf sich selbst aufpassen. Ein harter Lernprozess. "In der Anfangszeit wollte ich immer wissen, was kann ich tun, damit es meinen Kindern besser geht. Dass die nicht so traurig sind. Eine Therapeutin sagte zu mir: 'Wie geht es denn Ihnen, Frau Widmer?' - 'Beschissen', hab ich gesagt. Da ist mir klar geworden: Nur wenn es mir gut geht, geht es meinem Kind gut", sagt sie. Das sei wie im Flugzeug: Erst selbst die Maske aufsetzen, dann aufs Kind gucken. "Das Kind hat nichts davon, wenn ich umkippe."

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