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Aldi Nord:Zum Seminar nach Eggersdorf

Der Berater, den der Aldi-Konzern verdeckt finanzierte, bietet noch immer Schulungen für die Arbeitnehmerfunktionäre an.

Klaus Ott und Uwe Ritzer

Über Arbeitszeitmodelle soll referiert werden und über "Mitbestimmung bei Arbeitszeitfragen". Drei Tage sind für das Seminar vorgesehen, zu dem die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) Betriebsräte des Handelskonzerns Aldi von diesem Mittwoch an nach Eggersdorf bei Berlin einlädt.

560 Euro kostet die Seminarteilnahme pro Person, plus 220 Euro für das Hotel. Früher, als er noch AUB-Bundesvorsitzender war, hätte womöglich Wilhelm Schelsky gezahlt. Das hat er in ähnlichen Fällen öfter getan; die vielen Millionen Euro, die Siemens ihm für den Aufbau der AUB als Gegengewicht zur IG Metall gezahlt hat, ermöglichten es.

Auch von Aldi Nord hat Schelsky Geld kassiert, um die AUB als arbeitgeberfreundlichere Alternative zur Gewerkschaft Verdi voranzubringen.

Geldströme sind versiegt

Doch seit Schelsky vor mehr als einem Jahr in Untersuchungshaft gesperrt wurde, sind die Geldströme versiegt. Geblieben aber ist der Mitarbeiter, den Aldi Nord ihm einst für die AUB-Arbeit überlassen und bezahlt hat.

Mike B. ist immer noch im Namen der AUB tätig. Die Einladung zum Eggersdorfer Seminar trägt seine Unterschrift. Früher war Mike B., der für die SZ nicht zu sprechen ist, Betriebsratsvorsitzender bei Aldi Nord in Hoyerswerda.

Vor Nürnberger Ermittlern sagte Schelsky aus, er habe etwa ein Dutzend Betriebsräte von Aldi Nord betreut. Der AUB-Boss stellte Mike B. bei seiner Unternehmensberatungsfirma an. Tatsächlich habe sich B. ausschließlich für die AUB um den Bereich Handel gekümmert, so Schelsky.

Grenzenloses Vertrauen

So sei das mit Emil Huber besprochen gewesen, dem langjährigen Essener Aldi-Nord-Anwalt, über dessen Kanzlei auch alles abgewickelt wurde. 120.000 Euro pro Jahr ließ der Discounter Schelsky bis 2006 zukommen. Aldi habe nie wissen wollen, was Mike B. für dieses Geld mache, sagte Schelsky. Das gegenseitige Vertrauen muss wohl grenzenlos gewesen sein.

Die Aldi Einkauf GmbH in Essen bestätigte auf SZ-Anfrage, "die Personalkosten des von Herrn Schelsky angestellten Herrn B. übernommen" zu haben, "um der AUB durch ihn Schulungen, insbesondere in Ostdeutschland, zu ermöglichen".

Ein ehemaliger Angestellter von Aldi Nord aus Ostdeutschland erzählt, dort habe der Lebensmittel-Discounter gezielt versucht, Verdi in den neuen, nach der Wiedervereinigung errichteten Supermärkten erst gar nicht Fuß fassen zu lassen.

Meldung, wenn Verdi-Funktionäre vorstellig werden

In mehreren Niederlassungen habe es sogar die Anweisung gegeben, sofort Meldung zu erstatten, falls Verdi-Funktionäre vorstellig würden. Aldi äußerte sich dazu am Montag nicht.

Vor ein paar Tagen hatte der Handelskonzern noch mitgeteilt, Mike B. halte jetzt als Selbständiger Schulungsveranstaltungen ab. Die Frage, ob man B. für diese Schulungen bezahle, ließ Aldi am Montag unbeantwortet.

Den Verdacht, dass Aldi-Nord-Manager versuchen, die AUB und deren Betriebsräte bei Bedarf für Unternehmenszwecke einzuspannen, nährt ein internes Strategiepapier aus dem Dezember 2005.

Das Schreiben war für mehrere Aldi-Manager bestimmt und stammte aus jener Anwaltskanzlei in Essen, über die auch die verdeckten Zahlungen des Discounters an Schelsky abgewickelt worden waren.

Streit um Arbeitszeiten

Anlass war damals ein Streit um Arbeitszeiten bei Aldi in Schwelm. Man müsse vom Betriebsrat "die Meinungsführerschaft zurückgewinnen", heißt es in dem Papier. Dazu solle zunächst "eine Gruppe von vier bis fünf loyal zum Unternehmen stehenden Filialleitern" den amtierenden Betriebsrat "innerbetrieblich als Störer darstellen".

Ziel müsse die Abwahl des Betriebsrates sein, um mit dem neuen Gremium "die gewünschte Arbeitszeitänderung herbeiführen zu können". Die Punkte 4 und 5 des Strategiepapiers enthielten Ideen, wie das Aldi-Nord-Management die AUB einspannen könne. "(Evtl.) Unterstützung durch AUB für die Filialleiter", steht dort zu lesen, und: "Übernahme aller Aktivitäten direkt durch die AUB."

Dieses Planspiel sei nie umgesetzt worden, teilte Aldi mit. Das Papier gehöre in die Kategorie "brainstorming", Rückschlüsse auf das Verhalten von Aldi könnten daraus nicht gezogen werden.

"Absprachen sind uns nicht bekannt"

Die neue AUB-Führung will von der Kooperation mit Aldi nichts gewusst haben. "Die vermutlichen Absprachen zwischen Herrn Schelsky und Aldi Nord sind uns nicht bekannt", erklärte AUB-Chef Rainer Knoob am Dienstag.

Der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske entgegnete, die AUB habe die Interessen von Konzernen wie Siemens und Aldi vollstreckt und jede Glaubwürdigkeit verloren.

© SZ vom 08.04.2008/pak
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