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Aldi:Herr Albrecht spricht - ausnahmsweise

ALDI Nord Filiale Eine Leuchtreklame des Discounters ALDI Nord aufgenommen am Samstag 30 03 2013

Seit der Gründung blieben interne Vorgänge bei Aldi Nord im Dunkeln. Jetzt hat Theo Albrecht junior das erste Interview gegeben.

(Foto: Felix Abraham/imago)
  • Über Jahrzehnte wusste man über die Aldi-Eigner fast nichts. Das ändert sich gerade, denn im Konzern gibt es gerade viel Streit.
  • Vor allem geht es um die Frage, wer künftig wie viel Macht im Unternehmen hat.

Von Varinia Bernau und Michael Kläsgen, Essen

Die Aldis reden, plötzlich und unvermittelt. Über Jahrzehnte galt eine goldene Regel im Reich des Discounters: äußerste Zurückhaltung! Die beiden Gründer Karl und Theodor Albrecht senior hatten sich diese Regel selbst auferlegt - und sie mit dem Erbe an ihre Kinder und Kindeskinder weitergereicht. Sie hielten an dieser Regel fest, nachdem sie 1962 in Dortmund den Discounter erfunden und aus dem kleinen Lebensmittelladen ihrer Mutter in Essen ein milliardenschweres Handelsunternehmen geschaffen hatten. Vielleicht weil sie ihre Unabhängigkeit wahren wollten. Vielleicht auch, weil sie 1971 nach der Entführung von Theodor Albrecht senior gesehen hatten, was im schlimmsten Falle geschehen kann, wenn andere zu viel über sie wissen.

Das Gebot zur äußersten Zurückhaltung gilt nun nicht mehr. Theodor Albrecht junior, einer von zwei Söhnen von Theodor senior, bricht das Schweigen. Denn unter den Erben des Milliardenkonzerns ist ein Streit ausgebrochen, der in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird. Zunächst gab es Verhandlungen vor Gericht. Dann wurden Gerüchte über die Presse gestreut. Und nun hat Theo junior erstmals ein Interview gegeben. Darin wirft er der Witwe seines im Jahr 2012 verstorbenen Bruders Berthold vor, dass sie mit ihrem Versuch, mehr Einfluss auf die Familienstiftung zu gewinnen, gegen den letzten Willen ihres Mannes handele. "Mein Bruder würde sich im Grabe rumdrehen, wenn er wüsste, was hier abläuft", sagte er dem Handelsblatt. Und über sich selbst: "Ich verteidige das Testament meines Bruders und die Satzung der Stiftung." Der Sinn der Familienstiftung sei es, das Unternehmen vor einem zu großen Einfluss der Familie zu schützen. "Dafür kämpfe ich."

28 Milliarden Euro Umsatz allein in Deutschland

Die Stiftung, um deren Besetzung so erbittert gestritten wird, ist eine von drei Gesellschaftern von Aldi Nord - damit entscheidet sie über die Zukunft von Deutschlands großem Discounter. Im Jahr 2001 brachte Berthold Albrecht sein Vermögen in die Jakobus-Stiftung ein. Sie hält seither 19,5 Prozent am Kapital des Konzerns - ebenso viel wie die von Theodor Albrecht junior gegründete und mit seinem Vermögen ausgestattete Lukas-Stiftung. Die restlichen 61 Prozent der Unternehmensanteile von Aldi Nord hält die Markus-Stiftung von Theodor Albrecht junior und seiner Mutter Cäcilie.

Der jährliche Umsatz, den Aldi Nord und Aldi Süd gemeinsam machen, liegt bei etwa 28 Milliarden Euro allein in Deutschland - so hoch wie bei keinem anderen Discounter. Doch während im Süden der Republik die Filialen modernisiert werden, wirken viele Märkte im Norden eher trostlos. Hier, aber auch im Ausland, vor allem in Frankreich und Dänemark, müsste in den nächsten Jahren dringend investiert werden. In Ostdeutschland steht dagegen die Schließung vieler Filialen an, was auch Geld kostet. Die wichtigen Entscheidungen darüber, wo schlecht besuchte Läden geschlossen und wo andere neu ausgestattet werden, müssen alle drei Stiftungen einstimmig treffen. Auch Posten in der Chefetage von Aldi Nord, die das Alltagsgeschäft regelt, können nur besetzt werden oder bleiben, wenn sich alle drei Stiftungen einig sind. Doch all das steht wegen des Rechtsstreits über die Machtverhältnisse in der Jakobus-Stiftung infrage.

Zwei Seiten stehen sich in dem Machtkampf feindlich gegenüber: Theodor Albrecht junior, seine Mutter Cäcilie sowie ihr Anwalt Emil Huber, der in die Führung von Aldi Nord seit 42 Jahren eingebunden ist. Sie betonen, das Unternehmen bewahren zu wollen - ganz im Sinne des verstorbenen Berthold Albrecht. Dieser hatte etwa zwei Jahre vor seinem Tod den Einfluss seiner Nachfahren in der Stiftung mithilfe einer Satzungsänderung beschränken wollen. Ob diese Änderung rechtskräftig ist, wird derzeit vor Gericht verhandelt.

Babette Albrecht und ihre fünf Kinder hingegen sehen in der Satzungsänderung einen Trick, mit dem ihr Schwager sie aus dem Unternehmen drängen will. Zu Beginn des Jahres erstritt Babette Albrecht vor dem Verwaltungsgericht Schleswig einen Teilerfolg. Das Gericht kippte aus formalen Gründen die Satzungsänderung, die Berthold Albrecht im Dezember 2010 angeordnet und die wenige Tage später von der Stiftungsaufsicht bestätigt wurde. Das Verfahren liegt nun in zweiter Instanz beim Oberverwaltungsgericht. Es muss darüber entscheiden, wer künftig wie viel Einfluss in der Stiftung und damit bei Aldi Nord hat. Einen Termin für die Entscheidung gibt es noch nicht.

Bislang gibt es allerdings auch noch kein Anzeichen, dass der Familienzwist unternehmerische Entscheidungen der Familienstiftung behindert, diese wurden bis zuletzt einvernehmlich getroffen. Doch die Heftigkeit, mit der um die Macht in der Jakobus-Stiftung gerungen wird, zeigt, dass diese Einigkeit nur Fassade ist - eine Fassade, die immer tiefere Risse bekommt. Der Streit zwischen den Erben des Unternehmensgründers Theodor Albrecht senior hat das Potenzial, den nördlichen Teil von Deutschlands größtem Discounter zu zerreißen. Aldi Süd bleibt von den Vorgängen unberührt.

Theodor Albrecht junior ist überzeugt: Wenn er den Machtkampf verliert, "könnten die Kinder von Berthold zusammen mit ihrem Anwalt das Unternehmen am Nasenring durch die Manege führen". Über ihren Anwalt lassen Babette Albrecht und ihre Kinder dagegen ausrichten, dass sie in keiner Weise nachvollziehen können, worin der Schaden bestehe, den sie dem Unternehmen zufügen sollten. Sie würden doch nur die Mitsprache einfordern, die ihnen die Satzung in der Stiftung und damit auch im Unternehmen zugesteht.

© SZ vom 03.06.2016/hgn

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