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Aktienmarkt:Verfluchte Rekorde

Parkettexperten unter sich: Aktienhändler und eine Raumpflegerin arbeiten im Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse.

(Foto: imago)

In Deutschland und anderswo gehen die Aktienindizes steil nach oben. Doch viele Anleger sehen den Kursaufschwung mit gemischten Gefühlen. Sie haben keine Alternative mehr - und die Fallhöhe steigt mittlerweile gefährlich an.

Als die amerikanischen Aktienindizes Anfang vergangener Woche neue Rekordhochs erklimmen, da ist kaum jemand so nah am Geschehen wie Torsten Sløk. Der Chefökonom der Deutschen Bank soll in einer Liveschalte vom New Yorker Börsenparkett eigentlich erklären, warum die Kurse in diesen Tagen immer höher jagen. Hinter dem schlaksigen Sløk blinken die Computerbildschirme, durch den Saal weht das Geschrei der Händler. Das Fernseh-Set-up ist perfekt für eine Lobeshymne auf die Märkte, aber der Chefökonom der Deutschen Bank denkt gar nicht daran. Er sagt: Die Kurse trügen.

Denn die Anleger haben gerade viele Sorgen: Der Handelsstreit schwelt, die weltweite Verschuldung steigt rasant, und rund um den Globus brechen von Hongkong bis Ecuador plötzlich Unruhen aus. Das Ergebnis: Bei den Chefs der großen Unternehmen in den USA schwindet das Vertrauen, ihre Zuversicht wird von Monat zu Monat kleiner.

Doch während Sløk die Gemütslage der wichtigen Konzernlenker kritisch seziert, zeigen die Weltbörsen ein ganz anderes Bild. Sløk muss sich nur umdrehen und auf die flimmernden Bildschirme hinter sich deuten: Anfang November treiben die Anleger die weltweiten Börsenindizes in Richtung neuer Rekorde. Der amerikanische S&P 500 hat aufs Jahr gesehen bereits mehr als 23 Prozent zugelegt. Der Dow Jones beendete den Handel am Freitagabend auf einem neuen Rekordschluss. Und der deutsche Leitindex Dax hat vorige Woche die Marke von 13 000 Punkten durchbrochen, ging gar mit 13 229 Punkten aus der Woche. "Er läuft und läuft und läuft", sagt Martin Chmaj vom Brokerhaus GKFX. Woher nur kommt der wundersame Lauf bei S&P 500, Dax und Dow?

Trump wandelt sich vom Börsenschreck zum Kurstreiber

Den vielleicht größten Einfluss haben in diesem Jahr die einflussreichen Notenbanker rund um den Globus gehabt. Pünktlich zu Jahresbeginn 2019 haben sie einen Gezeitenwechsel vollzogen: von einer strafferen Geldpolitik hin zu wieder lockeren Zügeln. So hat die amerikanische Notenbank ihre Zinsen in diesem Jahr bereits mehrfach gedrückt, und auch die EZB senkte ihren Einlagensatz zuletzt von -0,4 auf -0,5 Prozent. Dazu kommen neue Anleihekäufe in Europa wie auch in den USA. Die Geldflut der Notenbanken strömt an die Börsen - und hebt dort die Kurse.

Auch US-Präsident Donald Trump wandelt sich derzeit in den Augen vieler vom Börsenschreck zum Kurstreiber. Das überrascht, denn wie kein anderer hat Trump weltweit Lieferketten zerschlagen, Unternehmen seit Monaten in Schockstarre versetzt. Doch im Handelsstreit mit China ließen die Offiziellen in Washington zuletzt Optimismus erkennen. Strafzölle auf europäische Autos? Die könne man sich möglicherweise sparen, deutete US-Handelsminister Wilbur Ross in der abgelaufenen Woche an. Manche Börsianer unken sogar, Trump könnte zumindest im kommenden Jahr gar zur Versicherung für den Aktienmarkt werden: Im Wahljahr 2020 werde er Kursstürze schon zu vermeiden wissen, der eigenen Wähler wegen. "Das Getwitter-Risiko sollte sich in Grenzen halten", resümiert Chefvolkswirt Uwe Burkert von der Landesbank Baden-Württemberg.

Zu Trump und den Notenbanken kommen erstaunlich gute Zahlen aus den Unternehmen. Keine "kometenhaften" Zahlen, wie es in der Sprache der Börsianer heißt. Aber viele Unternehmensberichte aus dem dritten Quartal sehen zumindest besser aus als erwartet. Nur acht Prozent der Ergebnisse in Deutschland haben die Erwartungen laut Commerzbank deutlich verfehlt. Und in den USA übertrafen dem Datenanbieter Factset zufolge bislang 76 Prozent der Unternehmen die Gewinnschätzungen der Anlageprofis. Dazu kommen positive Arbeitsmarktdaten aus den USA und überraschend gute Exportdaten bei den deutschen Unternehmen für September. "Durch die unerwartete Erholung der Exporte könnte Deutschland eine Rezession in letzter Minute vermieden haben", meint ING-Volkswirt Carsten Brzeski.

Trotzdem ist die Rekordjagd an den Börsen die wohl meistgehasste in der Geschichte. Es ist ein Kursrekord ohne Applaus, eine Aufwärtsjagd in Angst. Denn die Anleger wissen genau: Ja, die Kurse haben sich erhöht. Aber mit ihnen ist auch die Fallhöhe gefährlich gestiegen.

US-Unternehmen haben ihre Kurse künstlich aufgepumpt

Manche Aktienexperten glauben deswegen: Die meisten Profianleger hätten in den vergangenen Monaten nicht aus Überzeugung investiert, sondern schlicht aus Alternativlosigkeit. "Man kommt an Aktien derzeit nicht vorbei, um noch Renditen zu erwirtschaften", meint Ulrich Kater, der Chefvolkswirt der Deka-Bank. Wer anstatt Aktien lieber Anleihen kaufen und bis zum bitteren Ende halten will, macht dabei schließlich oft schon keine Rendite mehr - sondern muss aufgrund von Negativrenditen draufzahlen. Im Vergleich zu solchen garantierten Kapitalfressern sind Aktien das geringere Übel. An den Börsen regiert das Tina-Prinzip: There is no alternative. Zu Deutsch: Es gibt keine Alternative.

Doch Alternativlosigkeit ist kein guter Ratgeber, unter dem Strich steht die Weltwirtschaft immer noch an einem Kipp-Punkt. Gerade in der neuen Woche stehen zwei wichtige Termine an, die Anleger fürchten. So entscheidet sich wohl spätestens am Mittwoch, ob die USA Strafzölle auf deutsche Autos verhängen. Und am Donnerstag verkünden die Statistiker, ob Deutschland im dritten Quartal offiziell in eine Rezession gerutscht ist. Manche fürchten, dass die Börsen der realen wirtschaftlichen Entwicklung inzwischen enteilt sind.

Denn in den USA haben viele Unternehmen ihre Börsenkurse in der vergangenen Zeit gewissermaßen gedopt. Indem sie eigene Aktien am Markt zurückkaufen, haben sie die Kurse aufgebläht. Prognosen der Investmentbank Goldman Sachs zufolge könnte dieses Eigenkursdoping im kommenden Jahr jedoch abflauen. In Europa wiederum bekommen viele Anleger Höhenangst, denn in Sachen Brexit oder Handelsstreit kann es nach einigen guten Nachrichten schnell auch wieder Enttäuschungen geben. Wie viel Kraft die Europäische Zentralbank zumindest mit konventionellen Mitteln der Geldpolitik noch hätte, um schützend einzugreifen, ist umstritten.

Zu solch düsteren Bildern will die Aktienprognose des bekannten US-Investors Ron Baron auf den ersten Blick so gar nicht passen. Er glaubt, dass sich der Dow Jones gar verfünfundzwanzigfachen dürfte - wohlgemerkt in den kommenden 50 Jahren. Wie Baron zu einer solch gewagten Schätzung kommt? "Die nächsten 50 Jahre dürften so werden wie die vergangenen 50 Jahre", sagt der Investor. Gerade für Privatanleger ist die Prognose von Baron ein guter Rat: Sie sollten sich nicht von politischen Tagesschlagzeilen kirre machen lassen, sondern in langen Linien denken und auf Jahrzehnte investieren. Dann können sie beim kurzfristigen Zucken der Aktienkurse selbst mit den Schultern zucken.