Kommentar:Anleger sind gefährlich sorglos

Harald Freiberger, 16:9

Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Aktienkurse steigen seit zwölf Jahren fast ununterbrochen. Das hat dazu geführt, dass viele Anleger zu hohe Risiken eingehen.

Von Harald Freiberger

Die Börsen in den USA und Deutschland stellten in der vergangenen Woche neue Rekorde auf, doch eine große Neuigkeit war das nicht. Man nimmt es kaum mehr wahr, weil man sich daran gewöhnt hat. Das SZ-Börsenbüro hat nachgezählt, an wie vielen Tagen der Deutsche Aktienindex (Dax) seit 2013 seinen vorherigen Höchststand überboten hat. Die Zahl liegt bei exakt 157.

157 Rekordtage in acht Jahren, da kann man schon mal abstumpfen. Viele nehmen es mittlerweile als etwas Selbstverständliches hin, dass Kurse eben klettern. Eine ganze Generation, die heute unter 30-Jährigen, hat in ihrem Leben fast ausschließlich boomende Börsen gesehen. Es gab zwar Rückschläge wie in der Euro-Krise 2010 oder im Corona-Crash 2020, doch die waren schnell wettgemacht. So ist bei vielen der Eindruck entstanden, dass sich an der Börse scheinbar risikolos Geld verdienen lässt. Diese Haltung ist extrem gefährlich.

Es gibt einige Indizien dafür, dass sich bei Anlegern große Sorglosigkeit breitgemacht hat. Am auffälligsten wurde dies vor einem halben Jahr beim irrationalen Hype um sogenannte Meme-Aktien wie Gamestop, AMC oder Blackberry. Vor allem junge Anleger, auch in Deutschland, verabredeten sich auf Internet-Plattformen, den Kampf gegen verhasste Großinvestoren aufzunehmen. Dass sie im Fall von Gamestop dabei auch noch erfolgreich waren, hat den Hype umso mehr angefacht.

Ein anderes Indiz ist die Zockerei mit einzelnen Aktien, die zuletzt besonders gut gelaufen sind. Die Kunden deutscher Direktbanken und Broker setzen bevorzugt auf US-Technologieunternehmen wie Apple, Amazon oder Tesla. Auch die VW-Aktie gehört inzwischen zu den meistgehandelten Wertpapieren, weil Anleger darauf wetten, dass die eingeschlagene Elektrostrategie des Konzerns aufgeht.

Aktienmarkt

Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse. Sparer sollten langfristig denken.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Die Diskussionen über solche Aktien in Chatforen hören sich manchmal an, als gehe es um ein Computerspiel, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis man das nächste Level erreicht. Besonders gefährlich wird das, wenn unerfahrene Anleger dazu verleitet werden, zu viel Geld auf solch riskante Papiere zu setzen oder sie gar auf Kredit zu kaufen. Denn geht es einmal in die andere Richtung, fallen gehypte Aktien besonders tief.

Ein drittes Indiz lässt sich sogar bei vermeintlich vernünftigen Anlegern beobachten, die nicht auf einzelne Unternehmen setzen, sondern ihr Geld an der Börse breit streuen; nicht zu Unrecht werden ETFs, die Aktienindizes eins zu eins abbilden, immer populärer. Doch man kann sich auch mit ETFs übernehmen, dann nämlich, wenn man damit mehr Risiko eingeht, als man in der Lage ist zu tragen. Auf dem Aktienmarkt sollte nur Geld investiert werden, das Anleger mindestens zehn Jahre lang nicht anrühren müssen. Nur dann lassen sich längere Schwächephasen aussitzen.

Die Kunst des Anlegens besteht darin, gerade in Dürreperioden durchzuhalten

Dies soll kein Plädoyer dafür sein, dass Anleger sich auf einen Einbruch einstellen müssen. Manche Rattenfänger betreiben mit Prophezeiungen wie "Der Crash kommt" ein unseriöses Geschäftsmodell, weil sie an eigenen Fonds verdienen, die Anleger angeblich davor schützen. Ob und wann ein Crash kommt, lässt sich niemals vorhersagen.

Gerade in der aktuellen Lage sieht es eher nicht danach aus. Der wichtigste Grund für den Börsenboom der vergangenen Jahre war die Politik des billigen Geldes durch die Notenbanken, und sie denken nicht daran, diese so bald aufzugeben, auch jetzt nicht, da die Inflation in den USA und Europa deutlich anzieht.

Und trotzdem müssen Anleger auf die Risiken achten, die die Börse generell in sich birgt. Es ist bei vielen in Vergessenheit geraten, dass Aktienkurse um 50, 60 oder sogar 70 Prozent fallen können und dass es Jahre dauern kann, bis sie ihr vorheriges Niveau wieder erreichen. Bevor die Börsen zu ihrer jüngsten Rekordjagd ansetzten, waren es einmal 13 Jahre, von 2000 bis 2013.

Wer an der Börse investiert, sollte das so tun, dass er Dürreperioden durchstehen kann und nicht in Panik, aus Geldnot oder wegen Ernüchterung aussteigen muss. Viele Anleger, die heute meinen, gegen Risiken gewappnet zu sein, haben es noch nicht erlebt, wie es ist, wenn das Risiko richtig zuschlägt. Die Kunst des Anlegens besteht darin, gerade dann durchzuhalten. Denn so riskant die Börse ist, so sicher war es bisher auch immer, dass sie nach Einbrüchen - und wenn sie Jahre dauern - neue Rekorde aufstellt.

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