Die internationalen Finanzmärkte wirken trotz der Krisen in den vergangenen Wochen unerschütterlich. Weder der im April als Auftakt des weltweiten Handelskriegs apostrophierte „Liberation Day“ von US-Präsident Donald Trump noch die jüngsten militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten haben einen Finanzmarktcrash ausgelöst. Die Aktienmärkte notieren vielfach so hoch wie noch nie in ihrer Geschichte, die Investoren geben sich als Optimisten trotz des Krieges und des Zollstreits. Motto: Es wird schon alles gut gehen. Doch führende Fachleute sind beunruhigt.
„Diese Einschätzung birgt eindeutig ein gewisses Risiko. Wir sprechen hier von geopolitischen Risiken als Hauptrisikotreiber. Das birgt natürlich eine Menge Unbekannte“, sagte der Vorsitzende des Financial Stability Board (FSB, Finanzstabilitätsrat), Klaas Knot, im Interview mit der SZ und anderen europäischen Zeitungen. „Wir reden hier nicht nur über klassische Finanzrisiken von Krediten und Märkten, sondern auch über eine große Abhängigkeit der Finanzinstitute von US-Softwareanbietern“, sagte Knot und entwickelte folgendes Szenario: „Angenommen, der Handelskrieg würde sich auch auf den Bereich der Dienstleistungen oder der digitalen Dienstleistungen ausdehnen. Man weiß nicht, welche neuen Risiken das für das Finanzsystem mit sich bringen würde.“
Abhängigkeit von US-Software eine Gefahr für Bankensektor
Das FSB (deutsch: Finanzstabilitätsrat) ist das zentrale internationale Gremium zur Koordinierung der Aufsicht und Regulierung der globalen Finanzmärkte, um dort weltweit für Stabilität zu sorgen. Es wurde während der globalen Finanzkrise 2009 gegründet. Mitglieder sind unter anderem die G-20-Staaten, die Europäische Kommission, die EZB und andere wichtige internationale Institutionen. Knot führt das Gremium seit 2021, bereits seit 2011 steht der Ökonom auch an der Spitze der niederländischen Zentralbank. Er gibt beide Ämter an diesem Montag turnusgemäß ab. Neuer FSB-Vorsitzender wird der britische Zentralbankchef Andrew Bailey, bei der niederländischen Notenbank übernimmt der 54-jährige Ökonom Olaf Sleijpen das Ruder.
Der 58-jährige Knot, der 2027 auch als möglicher Nachfolger von Christine Lagarde an der EZB-Spitze gilt, sieht aber auch Verbesserungen in der Finanzarchitektur. „Positiv zu vermerken ist, dass das Bankensystem als Kern des Finanzsystems heute viel widerstandsfähiger ist als im Jahr 2008“, sagte der Niederländer und verwies auf die Resilienz des Bankensektors bei Mini-Krisen wie „Dash for Cash“ und „Archegos“.
Im „Dash for Cash“-Börsenchaos 2020 versuchten Investoren, schnell liquide Mittel zu beschaffen, indem sie sogar sichere Vermögenswerte wie Staatsanleihen in großem Umfang verkauften. Ziel war es, wegen der Unsicherheit durch die Corona-Pandemie Bargeldreserven aufzubauen. Es folgten hohe Verluste an den Börsen. Auch der Zusammenbruch des US-Investmentfonds Archegos im März 2021 löste ein Beben aus. Archegos konnte die von den Banken geforderten Sicherheiten („Margin Calls“) nicht mehr nachschießen. In der Folge liquidierten die beteiligten Banken ihre Wertpapiere in Notverkäufen, was zu massiven Kursverlusten führte. „Das waren alles Krisen, die auf den Kapitalmärkten stattfanden, aber nicht auf das Bankensystem übergriffen. Hier war das Bankensystem eher ein Schockneutralisierer als ein Schockverstärker“, sagte Knot.
Trump habe einen„ Interessenkonflikt“ bei Stablecoins
Der scheidende FSB-Vorsitzende sieht den wachsenden Markt für Stablecoins kritisch. Hier handelt es sich um eine spezielle Form von Kryptowährungen, deren Wert an Währungen oder Rohstoffe gekoppelt ist. Immer häufiger werden US-Staatsanleihen mit Stablecoins wie Tether bezahlt, der Gesamtmarkt ist auf rund 200 Milliarden Dollar angewachsen. US-Präsident Trump lockert die Regulierung für Kryptowährungen und möchte dadurch auch die Nachfrage nach US-Staatsanleihen ankurbeln. Er und seine Familie haben sogar einen eigenen Stablecoin lanciert.
„Es ist klar, dass hier ein Interessenkonflikt besteht. In einer soliden Public-Governance-Struktur sollte eine Regierung eine regulierende Rolle einnehmen und Beamte sollten nicht aktiv Finanzinstrumente besitzen, die sie auch regulieren“, sagte Knot und warnte, Europa müsse sich vor möglichen Spillover-Effekten schützen. „Sollten sich Stablecoins zu schwach regulierten Instrumenten zur Finanzierung von US-Staatsanleihen entwickeln, würde mich das beunruhigen, da der Rückzahlungsdruck schnell zu Turbulenzen auf den Anleihemärkten führen könnte“, sagte Knot. „Das ist ein potenzielles Finanzstabilitätsrisiko für den Rest der Welt, einschließlich Europas“.
Schattenbanken bleiben ein großes Risiko
So ausreichend reguliert die Banken derzeit wirken, so schwach ist die gesetzliche Klammer bei sogenannten „Non-Bank Financial Institutions“ (NBFI), manche sprechen auch von Schattenbanken. Darunter versteht man Unternehmen, die Finanzdienstleistungen anbieten, aber keine herkömmliche Banklizenz besitzen und meist nicht von einer Bankenaufsichtsbehörde beaufsichtigt werden. Dazu gehören Hedgefonds, Versicherungsgesellschaften und Investmentfonds.
„Die NBFI sind stark angewachsen und machen jetzt etwa 50 Prozent aller Finanzanlagen weltweit aus. Das ist eine positive Entwicklung, aber sie bringt auch neue Risiken mit sich“, sagte Knot. Man könne mit Fug und Recht behaupten, dass der Grad der Widerstandsfähigkeit im Nichtbankenbereich nicht mit dem Grad der Widerstandskraft im Bankensystem vergleichbar sei. Resilienz im Nichtbankenbereich, so Knot, habe ein anderes Konzept: Im Bankenbereich gehe es im Wesentlichen um Kapital und Liquidität. Im Nichtbankenbereich gehe es um „Liquiditätsinkongruenzen“. Das sind Situationen, in denen Zahlungsströme aus Vermögenswerten und Verbindlichkeiten nicht deckungsgleich sind, was dazu führen kann, dass zu bestimmten Zeitpunkten nicht genügend liquide Mittel zur Verfügung stehen, um fällige Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen.
Die „Archegos“- und „Dash for Cash“-Krisen hatten hier ihren Ursprung. Das FSB habe an der Stärkung der Widerstandsfähigkeit des Nichtbankenfinanzsektors gearbeitet, so Knot. Doch ob dieses Marktsegment jemals so resilient sein wird wie der Bankensektor, stehe in den Sternen. „Wir haben nicht die gleiche Transparenz. Es fehlt oft an guten und aktuellen Daten, und der Nichtbankensektor bleibt undurchsichtig“, sagte Knot.
