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Deutscher Leitindex:Warum der Dax ausgerechnet jetzt einen neuen Höchststand erreicht

DAX steigt auf neues Allzeithoch

An der Börse braucht man gute Nerven. Doch wer warten kann, wird oft belohnt. Der Dax ist am Montag auf einen Höchststand geklettert.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Der deutsche Leitindex notiert so hoch wie nie, und das mitten in der Corona-Pandemie. Eine kurze Geschichte des Auf und Ab an den Börsen.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Der Bankier Nathan Mayer Rothschild gab Spekulanten den martialischen Rat, man solle investieren, wenn das Blut auf den Straßen fließt. Nun steht Europa nicht im Krieg, aber inmitten einer Virus-Pandemie und wirtschaftlichen Rezession, die kollektive Angst erzeugt hat. Und siehe da: Der deutsche Aktienindex Dax hat am Montag mit knapp 13 800 Punkten einen neuen Höchststand erreicht. Dabei lag das Barometer im März noch bei 8000 Zählern, eine Folge des Kurseinbruchs zu Beginn der Corona-Krise. Doch die Furcht der Anleger legte sich schnell. Weder das Schrumpfen der Wirtschaftsleistung noch die Pleiten vieler Firmen konnten die Investoren bremsen. Sie steckten ihr Geld in Aktien und wurden mit steigenden Kursen belohnt.

"Nach jeder Pandemie kam ein Boom", sagte Christian Kahler, Chefstratege bei der DZ-Bank mit Blick auf die Börsengeschichte. Nun stehe noch ein halbes Jahr mit Unsicherheiten bevor, bis ein Corona-Impfstoff breit eingesetzt werden könne und die Pandemie überwunden sei. Die aktuelle Börsenrally gilt vielen als Zeichen der Hoffnung. Motto: Wenn Menschen bereit sind, ihr Geld zu investieren, dann glauben sie an bessere Zeiten. Die Börse ist der Ort, wo die wirtschaftliche Zukunft ge- und verhandelt wird.

Nun gibt es einen wichtigen Akteur, der den Boden geebnet hat für diese Hausse: die Europäische Zentralbank. Seit Jahren hält sie die Zinsen niedrig. Sparbücher werfen daher deutlich weniger ab als früher, und das Geschäft mit Anleihen ist deutlich komplizierter geworden. Die Finanzbranche spricht deshalb vom Anlagenotstand. Vor allem die Aktienmärkte gelten als der Ort, wo man noch Geld verdienen kann. Auch während einer Pandemie.

"Wir werden alles tun, um den Euro-Raum zu unterstützen."

Im März, nach dem Kursrutsch, öffnete die EZB ihre Geldschleusen erneut. Sie bewahrte die Banken durch günstige Kredite vor finanziellen Problemen und stärkte die Finanzkraft der Euro-Mitgliedsstaaten durch den Ankauf von Staatsanleihen: Notenbankchefin Christine Lagarde erneuerte im Frühjahr das "Whatever it takes"-Versprechen ihres Vorgängers Mario Draghi: "Wir werden alles tun, um den Euro-Raum zu unterstützen."

Die Unterstützung der Notenbank war wichtig, denn sie änderte die Stimmung. Vor Ausbruch der Pandemie gab es viele Skeptiker, die warnten, das billige Notenbankgeld würde die Preisblase an den Börsen immer weiter anheizen. Dieses Unbehagen ist in diesen Tagen verstummt.

Die Investoren haben sich eine Portion Optimismus verordnet, was nachvollziehbar ist. Man sollte die Risiken der Aktienanlage aber nicht verschweigen. Der inzwischen verstorbene Mathematiker Benoît Mandelbrot hat in vielen Büchern beschrieben, dass Aktienmärkte gefährlicher sind, als es die gängige Risikotheorie nahelegt. Sein Beispiel für die US-Börse: Eigentlich hätte ein Kurseinbruch von sieben Prozent an einem Handelstag nur alle 300 000 Jahre geschehen dürfen, gleichwohl sei es zwischen 1916 und 2003 insgesamt 48-mal passiert. Historische Durchschnittswerte, mit denen in Finanzkreisen häufig gearbeitet wird, vernebelten den Anlegern das Risiko im Tagesgeschäft.

Der Frust nach dem Platzen der Internetblase war groß, doch es ging wieder aufwärts

Im Rückblick erkennt man diese Risiken, aus denen auch immer wieder Chancen erwuchsen. Im Jahr 2000 stand der Dax bei 8000 Punkten, drei Jahre später bei rund 2700 Zählern. Der Frust nach dem Platzen der Internetblase war groß, doch es ging wieder aufwärts. Im Jahr 2008 notierte der Leitindex erneut über 8000 Punkten, ein Jahr später der Kollaps bis auf 3600. Wer damals im Jahr 2008, als alle Welt infolge der Lehman-Pleite in großer Angst vor der Zukunft war, in den Aktienmarkt einstieg, konnte im Dax seinen Einsatz Stand heute nahezu vervierfachen. Doch während der vergangenen zwölf Jahre mussten Anleger sehr starke Nerven haben, denn immer wieder gab es herbe Kurseinbrüche, und zwar in den Jahren 2016, 2018 und im Frühjahr 2020. Der Rat Rothschilds ist keiner für jedermann.

© SZ
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