Börse:Dax stellt neuen Rekord auf

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Der Eingang zum Börsengebäude, in dem der Parketthandel stattfindet. (Foto: Boris Roessler/picture alliance/dpa)

Das wichtigste deutsche Börsenbarometer übertrifft seinen bisherigen Höchstwert vom November 2021 - trotz Krieg und Krisen.

Von Harald Freiberger

Es ist ein Rekord, der viele Menschen verblüfft: Der Deutsche Aktienindex (Dax) erreichte am Freitag einen neuen Höchststand. Am Nachmittag stieg das wichtigste deutsche Börsenbarometer bis auf 16 332 Punkte. Der alte Rekord liegt eineinhalb Jahre zurück: Im November 2021 hatte der Dax 16 291 Punkte erreicht.

Verblüffend ist der Rekord deshalb, weil sich die politische und wirtschaftliche Lage auf der ganzen Welt seit Jahren im Krisenmodus befindet. Erst die Corona-Pandemie, die überall zu ökonomischem Stillstand führte. Kaum war sie einigermaßen vorbei, begann Russland seinen Krieg gegen die Ukraine mit den bekannten Folgen: Energiekrise, Konjunktureinbruch, extreme Inflation, stark steigende Zinsen. Und trotzdem setzt der Dax unbeirrt seinen Höhenflug fort. Wie kann das sein?

Der Dax spiegelt die Aktienkurse der 40 größten deutschen Aktiengesellschaften wider. "Aktienkurse sind nichts anderes als die abgezinsten künftigen Gewinne der Unternehmen", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Die Gewinnentwicklung sei die entscheidende Größe dafür, wie sich ein Kurs entwickelt. Und gerade da sieht es bei den Dax-Unternehmen überraschend gut aus. Als im Februar 2022 der Ukraine-Krieg ausbrach, fürchteten viele Ökonomen, dass dies die Gewinne der deutschen Unternehmen massiv belasten würde. Doch sie steckten die Krise überraschend schnell weg. "Der Hauptgrund dafür ist, dass die großen deutschen Unternehmen weltweit tätig sind, sie sind nicht so sehr abhängig vom Wirtschaftsstandort Deutschland, der vom Krieg stark betroffen ist", sagt Robert Halver, Anlagestratege der Baader Bank. Die weltweite Konjunktur stehe nicht schlecht da, auch weil sich die Lieferketten wieder erholt hätten.

Für BMW lief es gut. Der Autohersteller gehört zu den Konzernen, die für 2022 einen Rekordgewinn auswiesen. (Foto: Bilal Hussein/AP)

Die Gewinnlage fast aller Dax-Unternehmen war im Jahr 2022 ausnehmend gut. Von den 13 größten Aktiengesellschaften fuhren fünf sogar Rekordgewinne ein: BMW, Siemens, Deutsche Post, Deutsche Telekom und Airbus. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Rekordgewinne auch zu Rekordkursen führen.

Auch im ersten Quartal dieses Jahres setzten sich die positiven Nachrichten fort. "Anfang des Jahres schätzten Analysten noch, dass die Gewinne der Unternehmen im Dax 2023 um drei bis vier Prozent fallen würden", sagt Ökonom Krämer. Davon seien sie inzwischen abgekommen, sie gehen jetzt kaum mehr von einem Minus aus. Diese überraschende Wende hat den Dax beflügelt. Seit Anfang des Jahres legte das Börsenbarometer um mehr als 15 Prozent zu.

Übrigens ist der Börsenboom weitgehend ein deutsches Phänomen. US-Aktien zum Beispiel notieren bei Weitem nicht so hoch. So befindet sich der maßgebliche US-Index S&P 500 aktuell etwa 13 Prozent unter seinem Höchststand von Anfang 2022. Das liegt vor allem daran, dass der US-Index von Technologie-Unternehmen dominiert wird, die stärker unter den Zinserhöhungen der letzten Monate leiden als die exportorientierten deutschen Unternehmen.

"Die deutschen Unternehmen stehen im internationalen Vergleich sehr gut da, was Innovationen, Technologien und auch Klimatechnik betrifft", sagt Ökonom Halver. Das wüssten zum Beispiel US-Investoren zu schätzen. Mehr als die Hälfte aller Dax-Aktien sind in ausländischem Besitz. Halver sieht noch einen anderen Grund dafür, dass Aktien gut laufen: "Zinspapiere sind wegen der hohen Inflation nach wie vor keine richtige Alternative." Und nicht zu vergessen: Die Zeit der Zinserhöhungen geht langsam zu Ende, die Notenbanken dürften die Zinsen nicht mehr allzu sehr nach oben schrauben. Die Investoren stellen sich darauf ein und gewichten Aktien in ihren Portfolios wieder stärker.

"Weil die Gewinne im Dax so stark gestiegen sind, sind die Aktien auch nicht überbewertet", sagt Krämer. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, ein wichtiges Maß dafür, ob Aktien teuer oder billig bewertet sind, liegt derzeit bei 11,8 - das liegt in der Nähe des langfristigen Durchschnitts. Man kann also nicht sagen, dass es sich beim Dax-Rekord um eine Übertreibung der Investoren handelt oder gar um eine Blase. Was die künftige Entwicklung betrifft, ist Krämer trotzdem etwas skeptisch: Er erwartet für das zweite Halbjahr, dass es beim Dax zu Rückschlägen kommen kann, vor allem weil die Konjunkturaussichten für Deutschland nicht die besten seien; eine technische Rezession sei möglich. Auch in China zeigten sich schon wieder Bremsspuren.

Nicht euphorisch werden

Was bedeutet der Dax-Rekord für Anleger? "Wer langfristig orientiert ist und zum Beispiel für seine Altersvorsorge Geld an der Börse anlegt, sollte sich von Rekord- und Crashnachrichten nicht allzu sehr beeinflussen lassen", sagt Hartmut Walz, Anlageexperte und Professor für Verhaltensökonomie. Er erinnert daran, welche Weltuntergangsstimmung nach Ausbruch des Ukraine-Krieges gerade für den deutschen Aktienmarkt herrschte. Damals sei es der beste Rat gewesen, ruhig zu bleiben und nicht aus Angst auszusteigen. Und genauso sei es jetzt der beste Rat, nicht euphorisch zu werden, sondern langfristig und möglichst breit gestreut weiter auf dem Kapitalmarkt zu investieren. "Der Dax hat in den vergangenen 20 Jahren viele Rekorde erzielt und fast genauso viele Rückschläge verkraftet", sagt Walz. Davon dürften sich Anleger nicht irritieren lassen, entscheidend sei, dass die Aktienmärkte langfristig im Durchschnitt nach oben tendierten. Zudem seien Aktien als Sachwerte auf Dauer auch der beste Schutz gegen eine hohe Inflation.

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