bedeckt München 24°

Kommentar:Ein perfides Spiel

Börsengang von Windeln.de in Frankfurt/Main

Die Gründer und Vorstände von Windeln.de beim Börsengang des Unternehmens 2015 in Frankfurt am Main.

(Foto: dpa)

Wer im Internet zum Kauf von Aktien wie Windeln.de aufruft, nutzt in unverschämter Weise das Unwissen junger Menschen aus.

Von Harald Freiberger

Kaum ein Objekt eignet sich so gut wie die Windel, um mit Wortspielen auf die Kacke zu hauen. Es ist ein großer Spaß, die Diskussionen um die Aktie des Internetversenders Windeln.de auf der sozialen Plattform Reddit zu verfolgen. Spielerisch ist nicht nur der Umgang mit der Sprache, sondern auch mit dem Thema selbst: Leute, lasst uns die Aktie hochschießen, indem wir alle kaufen, gemeinsam haben wir Macht, so der Tenor. Die Rakete ist das am häufigsten genutzte Emoji. "Wir sehen uns auf dem Mond", schreibt ein Nutzer.

Vor allem junge Leute leben da ihr Bedürfnis nach Spaß und schnellem Gewinn aus, wie bei einem Glücksspiel. Ein paar Tage lang funktionierte das Anfang der abgelaufenen Woche ausgesprochen gut. Der Kurs von Windeln.de kletterte bis zum Siebenfachen. Letzte Woche allerdings wurde aus dem Spiel Ernst. Seitdem hat sich der Kurs mehr als halbiert. Wer spät eingestiegen ist, hat viel Geld verloren. Ähnliches passierte mit den Aktien der Modekette Adler, der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin und des Abgasspezialisten Baumot: Sie wurden in sozialen Netzwerken erst hochgeredet und brachen dann wieder ein.

Die Unternehmen haben alle eines gemeinsam: Sie stecken in der Krise. Ihre Aktienkurse standen unter einem Euro, bei Air Berlin war es sogar nur noch ein Cent. Bei solch niedrigen Kursen lässt sich mit relativ wenigen Käufen viel bewegen, wenn man im Internet dazu aufruft. Das wussten die Initiatoren der Aktion, die auf Reddit junge, unerfahrene Anleger anstachelten. "Kauft weiter ein, Freunde, es ist nur eine Frage der Zeit, bis es richtig abgeht", feuerten sie die Gemeinde an. "Bleibt drin und kauft nach. Schreibt euren Leuten!" Auf der anderen Seite stehen die Unwissenden, die mit großer Naivität fragen: "Kann mir jemand sagen warum es bei windeln.de gerade so abgeht" oder "wie weit steigt der kurs noch". Das Weglassen von Satzzeichen ist Teil des coolen Codes.

Besonders unverschämt ist, dass manche Anstifter die Tonlage seriöser Anlageberater anschlagen: "Mein Gefühl sagt mir, da geht noch richtig viel. Natürlich nur mit Geld das du zur Verfügung hast." Selbst die Finanzaufsicht Bafin warnt vor der Masche: Die Chats in sozialen Netzwerken dienten häufig lediglich dazu, Anleger zum Kauf von bestimmten Aktien zu verleiten, damit die Absender von steigenden Kursen profitierten.

Es erinnert an die Vorgänge um Gamestop

Auch das Motiv der Anarchie spielt eine Rolle. Man wolle es "denen da oben" zeigen, vor allem den reichen Hedgefonds, schreibt einer der Initiatoren. Das erinnert an die Vorgänge um die US-Videospielkette Gamestop im Januar, als Kleinanleger durch ihre Käufe den Aktienkurs in die Höhe trieben und Hedgefonds, die gegen die Aktie gewettet hatten, Milliardenverluste bescherten. Doch im Fall von Windeln.de kann dieses Motiv gar keine Rolle spielen: Es gibt keine nennenswerten Leerverkäufe gegen das Unternehmen. Das Argument dient lediglich dazu, junge Leute zum Kauf anzustacheln.

Die Vorgänge zeigen, dass soziale Medien zwar Spaß machen können, aber auch gefährlich sind, gerade bei einem solch bedeutenden Thema wie der Geldanlage. Dabei wäre es enorm wichtig, junge Leute auf seriöse Weise an Aktien heranzuführen: Sie sollten langfristig breit gestreut in aussichtsreiche Unternehmen investieren, das ist besonders vor dem Hintergrund von Nullzins und nötiger privater Altersvorsorge ein Muss.

Es gibt immer mehr Anleger in Deutschland, die das begriffen haben. Sie investieren in ETFs, die Aktienindizes wie den MSCI AC World nachbilden; das Geld fließt damit in die 2400 größten Unternehmen aller Industrie- und Schwellenländer auf der Welt. Aktien wie Windeln.de und Air Berlin dagegen sind reine Glücksspiel-Papiere. Wer in sie Geld anlegt, wird missbraucht von zynischen Abzockern, die ein perfides Spiel betreiben.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB