Aixtron Der deutsche Hightech-Mittelständler und die Chinesen

Bald chinesisch? Aixtron aus Herzogenrath in Nordrhein-Westfalen.

  • Erst stürzte der Aktienkurs ab, jetzt will ein chinesisches Konsortium den deutschen Chip-Zulieferer Aixtron aufkaufen.
  • Damit stünde nach Kuka ein weiteres deutsches Hightech-Unternehmen vor der Übernahme durch Investoren aus Fernost.
  • Die Geschichte ist ein Beispiel für Chinas forsche Industriepolitik.
Von Christoph Giesen, Peking

Es war im Dezember 2015 als der Aktienkurs des Halbleiterzulieferers Aixtron aus Herzogenrath an einem einzigen Tag um 43 Prozent einbrach. Der Grund: Ein chinesischer Großkunde, die Firma San'an Optoelectronics aus der südchinesischen Millionenstadt Xiamen, stornierte gleich 47 von 50 bestellten Maschinen. Wenige Monate später nun liegt ein Übernahmeangebot für Aixtron vor. Und es ist ein Konsortium aus Xiamen, das für das im Tecdax notierte Unternehmen bietet.

Das eine hat mit dem anderen zwar wohl nichts zu tun. "Die Stornierung von 47 Anlagen durch San'an Ende 2015 hatte technische Gründe", sagt Aixtron-Chef Martin Goetzeler entschieden. Trotzdem sorgt die Offerte für Unruhe.

Die chinesische Regierung ist aktiv am Deal beteiligt

Vor ein paar Wochen erst debattierte die Politik eifrig über das Angebot des chinesischen Haushaltsgeräteherstellers Midea für die Roboterfirma Kuka. Nun steht eine weitere Übernahme an, wieder geht es um eine Hightech-Firma aus Deutschland und wieder stammt der Käufer aus China. Mit einem Unterschied: "Staatliche Stellen haben die geplante Aixtron-Übernahme aktiv unterstützt und womöglich sogar gelenkt", urteilt Sebastian Heilmann. Er ist Forschungsdirektor des Merics-Instituts in Berlin und einer führenden China-Experten in Deutschland.

In der Tat: Der Blick auf die Struktur des Deals offenbart, dass hinter der Grand Chip Investment GmbH, die Aixtron kaufen soll, zu 49 Prozent eine Gesellschaft steht, die indirekt mehrheitlich der Lokalregierung von Xiamen gehört. Doch warum beteiligt sich der chinesische Staat an einem privaten deutschen Unternehmen?

Die Führung in Peking hat die Halbleiter-Branche als eine Schlüsselindustrie ausgemacht. Sowohl im vergangenen als auch im aktuellen Fünf-Jahres-Plan ist sie explizit erwähnt. Etwa 19 Milliarden Dollar investiert der chinesische Staat dort direkt. Weitere 100 Milliarden werden über Regionalregierungen und Privatinvestoren bereitgestellt. "Private-Public-Partnership" nennt Aixtron-Boss Goetzeler das. "Bei Umsätzen von rund 200 Millionen Euro in den letzten Jahren geben wir für unser Technologieportfolio pro Jahr etwa 55 bis 65 Millionen für Forschung und Entwicklung aus", rechnet er vor. Seit 2013 sei das Barvermögen des Unternehmens von 309 Millionen auf zuletzt 161 Millionen Euro geschrumpft. "Es ist klar: Mit einem starken Partner gewinnen wir deutlich an Stabilität."

Aixtron-Chef droht mit Stellenabbau, wenn der Deal scheitert

Goetzeler, der auch einmal Osram-Chef war, als die Leuchtenfirma noch zum Siemens-Konzern gehörte, muss nun für den Deal werben. Das wird nicht einfach: Etwa 35 Prozent der Aktien befinden sich im Privatbesitz. Etliche Aktionäre sind zu Zeiten des neuen Marktes eingestiegen und haben damals deutlich mehr als die sechs Euro gezahlt, die ihnen die Chinesen nun bieten. Warum also sollten sie verkaufen? Für Goetzeler ist klar: "Sollte die Übernahme nicht zustande kommen, müssten wir gegebenenfalls unser Technologieportfolio verkleinern und die Anzahl unserer Mitarbeiter deutlich reduzieren. Aixtron wäre dann ein Unternehmen mit weitaus geringerem Wachstumspotenzial." Der Investor sei nicht an einem Stellenabbau interessiert.

"Dem Management von Aixtron kann man fast keine Vorwürfe machen, es muss Marktchancen nutzen", sagt China-Experte Heilmann. "Doch diese Übernahme ist nicht von privatem Kapital getrieben, sondern von Programmkapital im Dienste nationaler Industriepolitik", warnt er.

Reihenweise auffällige Verflechtungen in Xiamen

Wie eng alle Akteure in diesem Deal miteinander verflochten sind, zeichnete jüngst die Zeitschrift Capital nach: So hält zum Beispiel jenes Unternehmen, das im vergangenen Jahr den Großauftrag stornierte, einen Anteil von immerhin fünf Prozent an einer Gesellschaft, die sich Sino IC Leasing nennt. Und die wiederum finanziert die Aixtron-Übernahme mit. Ebenso bemerkenswert: Der womöglich künftige 49-prozentige Besitzer von Aixtron, die Xiamen Bohao Investment Ltd., an der die Lokalregierung von Xiamen indirekt beteiligt ist, kaufte Anleihen im Wert von umgerechnet etwa 32 Millionen Euro an San'an Optoelectronics. Also wieder die Firma, deren Storno den Aixtron-Kurs erst dermaßen absacken ließ. In Xiamen, so scheint es, sind alle miteinander verwoben. Und mittendrin steckt der Staat.

"Deutsche Industrietechnologien sind im Fokus der auswärtigen Industriepolitik Chinas. Mit marktgetriebenen Transaktionen hat das nur selten zu tun", sagt Merics-Forscher Heilmann. Chinas Regierung allein lege die Ziele der Expansion fest und stelle auch die Finanzmittel dafür bereit. "Die deutsche Politik ist auf diesen Ansturm staatlich gestützter chinesischer Investoren nicht vorbereitet."