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Airpods:Weiß, winzig - und weg

Airpods sind kabellos und schnell verloren. Die Betreiber der New Yorker U-Bahn müssen immer mehr der Mini-Kopfhörer von den Gleisen klauben.

"Die Berliner lassen echt viel rumliegen", zum Beispiel Gebisse, Rollstühle oder Geldbörsen. Airpods tauchen bei der Verkehrsgesellschaft bislang vielleicht zwei im Monat auf.

(Foto: Vlladimir Proskurovskiy/Unsplash)

Sie sollten die absolute Freiheit bringen: Kopfhörer ohne Kabelsalat, ohne plötzliches Zerren am Ohr, ohne ans Handy gefesselt zu sein. Die Airpods sollten Apple zufolge für eine "kabellose Zukunft" stehen und "einfach noch magischer" sein. Viele Menschen erinnerten die weißen 179-Euro-Stöpsel eher an Zahnbürstenköpfe, doch wenigstens die Verkaufszahlen sind irgendwie magisch, zumindest für Apple: 28 Millionen Stück im Jahr 2018 und in diesem Jahr prognostizierte 50 Millionen - zumindest schätzen das Analysten. Apple genießt und schweigt.

Und schaut dabei zu, wie die kleinen, glitschigen Dinger ihren Nutzern reihenweise aus den Ohren rutschen. Denn je nach anatomischen Gegebenheiten können einem auch kabellose Kopfhörer zum Verhängnis werden. Klar, man kann sich einfach bücken und die Dinger wieder aufheben. Das wäre zwar nur bedingt magisch, aber immerhin hätte man 75 Euro gespart, denn so viel kostet es, einen einzelnen Airpod nachzukaufen. Doch so wie das Marmeladenbrot offenbar dazu verpflichtet ist, immer auf die Marmeladenseite zu fallen, scheinen Airpods stets in Schlitze zu rutschen. Zum Beispiel in den zwischen Zug und Bahnsteigkante.

Damit haben nun die 25 Mitarbeiter der New Yorker Metropolitan Transportation Authority zu kämpfen, die jede Woche die Gleise nach verlorenen Gegenständen absuchen, wie das Wall Street Journal berichtete. Als Apple ein neues Modell herausbrachte, konnten die Arbeiter das auch auf den Gleisen ablesen, wo vermehrt Airpods herumlagen wie einsame Apostrophe, die nichts mehr zu sagen haben. Dass man die Dinger orten kann, hilft dann auch nicht mehr viel.

Verstoß

Apple und sein chinesischer Zulieferer Foxconn haben eingestanden, in China zu viele Zeitarbeiter beschäftigt zu haben. Die Organisation China Labour Watch beschuldigte die Firmen in einem Bericht, dass die Belegschaft der iPhone-Fabrik in der chinesischen Stadt Zhengzhou im August zu etwa 50 Prozent aus temporären Arbeitskräften bestand. Nach chinesischem Recht sind nur zehn Prozent zulässig. "Wir können bestätigen, dass bei einer kürzlich durchgeführten Überprüfung unserer Geschäftstätigkeit in unserem Werk in Zhengzhou einige Probleme mit der Einhaltung von Vorschriften durch die Belegschaft festgestellt wurden", teilte Foxconn mit. Dabei seien Beweise dafür gefunden worden, dass der Einsatz von Leiharbeitern und die Anzahl der Überstunden von Mitarbeitern, "nicht den Unternehmensrichtlinien entsprachen". Auch Apple bestätigte, dass Standards nicht eingehalten wurden. Der Konzern wolle eng mit Foxconn zusammenarbeiten, um die Probleme zu beheben. dpa

Eine stichprobenartige Nachfrage bei diversen Verkehrsgesellschaften ergibt: In Deutschland ist die Airpodemie noch kein Massenphänomen. "Die Berliner lassen echt viel rumliegen", sagt eine Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe. Zum Beispiel Gebisse, Rollstühle oder auch mal Geldbörsen mit einigen 100-Euro-Scheinen. "Aber Airpods?" Davon tauchten vielleicht zwei im Monat auf. "Aber wenn, dann wird natürlich nur einer gefunden."

An den Bahnhöfen rund um Hamburg und Hannover scheinen "die Dinger durch den Luftzug schnell vorbeifahrender Züge fest in den Ohren zu sitzen", gibt ein Sprecher der Eisenbahngesellschaft Metronom bekannt, doch er selbst habe schon zwei Airpods verloren, jeweils einen natürlich. "Wichtiges Detail daran: Es war jedes Mal der rechte". Nur im Süden beobachtet man vermehrte Airpod-Verluste. "Nach Einschätzung der Mitarbeiter im Fundbüro können wir einen Anstieg von 30 bis 40 Prozent bei verlorenen kabellosen Kopfhörern in den letzten Monaten feststellen, die meisten davon Airpods oder nachgemachte Airpods", teilt ein Sprecher der Münchner Verkehrsgesellschaft präzise mit.

Unter dem Hashtag #lostairpods posten etliche Nutzer auf Social Media ihr Leid. Einer schreibt: "Ich habe meine verloren (Heul-Emoji), und ich weiß, wo sie sind, aber die Person, die sie als 'Geisel' hält, will sie nicht rausrücken." Eine andere Nutzerin informiert die Netzwelt: "Immer, wenn ich jemanden mit Airpods sehe, möchte ich einfach nur weinen. Ich bin die Loserin, die wieder welche mit Kabel trägt." Doch, wer hätte es gedacht, verlorene Airpods können auch Glücksgefühle auslösen, wie bei jener Frau, die unter ein Bild einer einsamen Gestalt in der Dunkelheit schreibt: "Wie sehr liebst du deinen Mann, wenn er bereit ist, einen Highway zu überqueren mitten in der Nacht, um nach deinem verlorenen Airpod zu suchen."

Die gute Nachricht: Wenn die Industrie ein unpraktisches Produkt auf den Markt bringt, kann man sich immerhin darauf verlassen, dass sie für ein weiteres Produkt sorgen wird, das Abhilfe schafft. Es gibt Earskinz, Earplus und Earhoox - im Grunde alles Gummiüberzieher, die dafür sorgen sollen, dass die Airpods nicht so schnell aus den Ohren rutschen. Und dann gibt es noch ein ganz geniales Gadget der Smartphonezubehör-Firma Spigen, das mit dem Slogan "Verliere nie wieder deine AirPods" beworben wird: der Airpods Strap. Es ist, nun ja, ein Kabel. Aber ein Kabel, mit dem man für knapp zehn Euro aus kabellosen Kopfhörern für 179 Euro Kopfhörer mit Kabeln für 189 Euro machen kann. Wenigstens hat dann die U-Bahn-Reinigung weniger zu tun.