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Airbus:Trotzreaktion

Ab 2020 sollen von Mobile aus A220-Modelle ausgeliefert werden.

(Foto: AFP)

Der europäische Luftfahrtkonzern investiert viel Geld in den USA - in der Hoffnung auf weitere Aufträge.

Tom Enders hatte die Lacher auf seiner Seite. "Dies wird sicher mein letzter erster Spatenstich hier sein", rief er, bevor er zur Schaufel griff und den offiziellen Baubeginn für eine weitere Airbus-Endmontagelinie in Nordamerika feierte. Ab 2020 sollen von Mobile/Alabama aus Modelle der A220-Baureihe vor allem an amerikanische Kunden ausgeliefert werden. Dass Enders keinen Spatenstich mehr plant, hat nichts mit der Strategie des Konzerns zu tun - der Airbus-Chef geht im April in den Ruhestand. Er wird vom Franzosen Guillaume Faury abgelöst, der ihn in Mobile begleitet hat.

Der Standort Mobile steht bei Airbus für große Hoffnungen, aber auch Enttäuschungen, symbolisiert er doch die Versuche des europäischen Luftfahrtkonzerns, in den USA besser Fuß zu fassen - nicht nur auf der zivilen Seite, sondern auch in den Bereichen Verteidigung, Raumfahrt und Helikopter. 2005 beschloss Airbus, ein Zentrum für Ingenieure in Mobile zu errichten und bewarb sich anschließend für einen milliardenschweren Auftrag für Luftbetankungsflugzeuge auf der Basis der zivilen A330 für die US-Luftwaffe. Zunächst bekam Airbus den Zuschlag, dann ging er wieder verloren, nach langem Hin und Her baut nun Boeing die fast 200 Maschinen.

Von der Niederlage hat sich Airbus bis heute nicht erholt. Es gibt einzelne kleinere Projekte, für die sich der Konzern immer wieder bewirbt. Doch der verlorene Mega-Auftrag, kombiniert mit der gescheiterten Übernahme von BAE Systems, der den Konzern von jetzt auf gleich zu einem großen Anbieter in den USA gemacht hätte, war nicht zu kompensieren. Auf gewisse Weise war das Tanker-Desaster aber auch der Auslöser für eine Trotzreaktion. "Sollen all die Investitionen hier umsonst gewesen sein?", fragte Enders. Natürlich war die Antwort nein. 2012 beschloss der Airbus-Chef quasi im Alleingang, eine Endmontagelinie für das Kurz- und Mittelstreckenflugzeug A320 aufzubauen, seit 2015 werden Maschinen in dem strukturschwachen Alabama ausgeliefert. 103 Flugzeuge sind es bislang, derzeit rollen zwischen vier und fünf pro Monat aus der Werkshalle. Laut Airbus Americas-Chef Jeff Knittel könnte die Produktionsrate bis zum Jahresende auf fünf Maschinen pro Monat steigen. Hinzu kommen auf absehbare Zeit bis zu vier A220 pro Monat.

Die zusätzlichen Airbus-Investitionen in Höhe von 300 Millionen US-Dollar verdankt Mobile absurderweise dem Rivalen Boeing. Der wollte unbedingt Exporte des einst von Bombardier und C Series genannten Jets in den USA verhindern und forderte hohe Strafzölle, die zunächst auch verhängt wurden. Um dies für die Zukunft auszuschließen, beschloss Airbus nach dem mehrheitlichen Einstieg bei dem Programm, die Flugzeuge für die US-Kunden auch in den USA bauen zu lassen. "Mobile macht uns in Zeiten des Protektionismus und Nationalismus weniger verwundbar", sagt Enders.

Noch verursacht das A220-Programm hohe Verluste

Die Entscheidung für die A220-Produktion in Alabama ist kurzfristig teuer. Denn das Programm produziert sowieso noch hohe Verluste, unter anderem, weil Bombardier äußerst ungünstige Verträge mit den Lieferanten abschließen musste, um überhaupt Mitstreiter für das riskante Projekt zu finden. Airbus will nun nachverhandeln und hat Gespräche begonnen, aber noch keine Ergebnisse erreicht. Die Produktionskosten sollen um rund die Hälfte sinken. Dass die Endmontage nun bei vergleichsweise geringen Stückzahlen auf zwei Standorte aufgeteilt wird, macht das Vorhaben nicht leichter. Airbus hält knapp über 50 Prozent am A220-Programm, dass als Airbus vermarktet wird. Bombardier kontrolliert 30 Prozent, die Investitionsgesellschaft von Québec knapp 20 Prozent. Andererseits gelten die USA als der größte Einzelmarkt für das 100- bis 150-sitzige Flugzeug.

Eine gute halbe Flugstunde im Norden von Mobile baut Airbus im Bundesstaat Mississippi Hubschrauber. 430 UH-72 Lakotas, die militärische Version der zweimotorigen EC145, hat Airbus dort in den vergangenen Jahren dort montiert, in der Spitze waren es 60 pro Jahr (2011). Das Programm gilt als einer der wenigen großen Erfolge, die Airbus im amerikanischen Verteidigungsgeschäft vorweisen kann. Mittlerweile ist die Produktion auf rund 30 Einheiten eingedampft, der Auftragsbestand der Streitkräfte reicht noch bis 2021. Es müssen also Folgeaufträge her, doch ein Projekt ähnlicher Größenordnung ist nicht in Sicht.

Hoffnungen auf neues Geschäft macht sich Airbus nun ausgerechnet wieder beim Tanker. Vor wenigen Wochen gab das Unternehmen bekannt, mit dem US-Luftfahrtgiganten Lockheed Martin eine Zusammenarbeit bei den großen Militärjets zu prüfen. Die US-Luftwaffe hat Studien zufolge dringenden Bedarf an den zusätzlichen fliegenden Tankstellen, die die Reichweite von Kampfjets und anderen Militärflugzeugen deutlich erhöhen. Enders sagte, er habe "immer noch nicht verstanden, dass die mächtigste Luftwaffe der Welt nicht den besten Tanker fliegt" - gemeint ist natürlich der Airbus Multi-Role Tanke Transport (MRTT). Ob in Mobile deswegen Platz geschaffen wird für eine weitere Montagehalle, ist noch offen.

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