Luftfahrt:Airbus lässt sich nicht bremsen

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Airbus will Tausende Jobs in Deutschland streichen

Airbus-Techniker im Hamburger Werk: Von Sommer 2023 an will Airbus monatlich 65 Kurz- und Mittelstreckenmaschinen der "A320"-Familie bauen.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Der Flugzeughersteller will bis zum Jahr 2023 die Zahl der ausgelieferten Maschinen um mehr als 50 Prozent steigern. Lieferanten und Leasingunternehmen sind skeptisch.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Zuletzt hatte der Flugzeughersteller Airbus gehörig Gegenwind bekommen, weil er die Produktion bis Mitte 2023 massiv erweitern will. Die Pläne seien viel zu optimistisch, kritisierten Leasingunternehmen wie Avolon und AerCap, die zu den größten Kunden zählen. Einige Lieferanten, darunter der französische Triebwerkshersteller Safran, warnten, das Vorhaben werde die Industrie überfordern.

Doch Airbus hat sich davon nicht beeindrucken lassen. Der Konzern will bis 2023 die Zahl der ausgelieferten Flugzeuge um mehr als 50 Prozent steigern. Konzernchef Guillaume Faury hat jetzt nicht nur bekräftigt, an den Plänen festhalten zu wollen, sondern er erweiterte sie sogar ein bisschen: Von Sommer 2023 an will Airbus monatlich 65 Kurz- und Mittelstreckenmaschinen der A320-Familie bauen, bislang war von nur 64 die Rede. Und selbst bei den Langstreckenflugzeugen, für die die Nachfrage viel stärker eingebrochen ist, sieht Airbus wieder Raum für Wachstum: Die A330neo geht Ende 2022 von zwei Maschinen pro Monat auf drei und die A350 kurze Zeit später von fünf auf sechs. Die große A380 wird bekanntlich Ende diesen Jahres mit den letzten beiden Auslieferungen an Emirates eingestellt.

Airbus ist also optimistisch, dass die Flugzeugproduktion nach der Corona-Pandemie und trotz der viel intensiver gewordenen Debatte um die ökologischen Folgen des Fliegens nicht nur das Vorkrisenniveau erreichen, sondern sogar übertreffen kann. Bislang galt eine Rate von 60 Maschinen pro Monat als Bestmarke. Und wenn es nach Konzernchef Guillaume Faury geht, werden in einigen Jahren sogar 70 oder 75 Kurz- und Mittelstreckenjets pro Monat ausgeliefert, auch wenn dies noch nicht fix beschlossen ist.

"Der Plan ist durch die Nachfrage mehr als berechtigt", so Faury. Und wenn er Wirklichkeit wird, kann sich Airbus deutlich vom Konkurrenten Boeing absetzen und Marktanteile gewinnen: Boeing produziert nach dem weltweiten Flugverbot derzeit 19 Maschinen des A320-Konkurrenten 737 pro Monat und wird erst Anfang kommenden Jahres die Marke von 30 überschreiten. Das Langstreckenmuster 777 dümpelt bei zwei Maschinen herum und die 787 wird wegen massiven Produktionsproblemen seit Mai und bis auf Weiteres gar nicht mehr ausgeliefert. Boeing kündigte daher eine Sonderabschreibung von einer Milliarde US-Dollar an.

Airbus erzielt mehr Gewinn als der Konkurrent Boeing

Schon jetzt ist Airbus deutlich profitabler als der Konkurrent: in den ersten neun Monaten des Jahres stieg der Umsatz von 30 auf 35 Milliarden Euro, aus einem operativen Verlust von 2,2 Milliarden Euro im gleichen Zeitraum des Jahres 2020 wurde ein Gewinn von 3,4 Milliarden Euro. Boeing kam nur auf einen Gewinn von 1,2 Milliarden Dollar, in der Zivilflugzeugsparte machte das Unternehmen im dritten Quartal sogar einen Verlust von knapp 700 Millionen Dollar.

Die A320-Produktion ist für die Jahre 2022 und 2023 laut Faury schon komplett verkauft. Doch selbst wenn die Nachfrage die Expansion rechtfertigt, die ersten Probleme bei den Lieferanten zeigen sich schon. "Wir nehmen einige Spannungen in der Lieferkette wahr", gesteht der Airbus-Chef ein. Konkret bedeutet das: Teile kommen schon jetzt zu spät zur Endmontage, Flugzeuge können nicht fertiggebaut und nicht ausgeliefert werden. Im August konnte Airbus daher nur 33 Maschinen der A320-Reihe übergeben, im September waren es mit 30 noch weniger und auch in den Oktober-Zahlen werden sich die Probleme widerspiegeln. Doch Faury wiegelt ab: "Wir sind da wirklich dran", sagt er. "Es sind einzelne, lokale Fälle." Um welche Lieferanten genau es sich handelt, will er nicht sagen. In der Vergangenheit hatten vor allem die Triebwerkslieferanten CFM International, hinter dem General Electric und Safran stehen, sowie Pratt & Whitney immer wieder Probleme. Auch bei Kabinenteilen hat es Engpässe gegeben.

Auch wenn die Airlines angesichts des relativ guten Sommers und einigermaßen stabil aussehenden Winters wieder mehr Flugzeuge abnehmen können, gibt es sowohl für Boeing als auch für Airbus derzeit eine große Unbekannte: China. Das Land hat immer noch nicht das Flugverbot der 737 MAX aufgehoben und die Bestellungen für den Langstreckenjet 787 sind weit hinter den Erwartungen geblieben. Insgesamt stehen nur noch 143 Boeing-Auslieferungen nach China an und knapp doppelt so viele von Airbus. Boeing kann die Produktion nur dann wie gewünscht ausweiten, wenn es gelingt, das 737-Flugverbot in China zu überwinden und neue Aufträge zu erhalten. Auch Airbus hofft auf baldige neue Bestellungen. Normalerweise liefert der Hersteller etwa 20 Prozent der Produktion nach China, doch der Anteil dürfte bald sinken, wenn die Regierung nicht schnell und wie in dem Land üblich zentral gesteuert neue Flugzeuge kauft.

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