Luftfahrt:Airbus baut neues Frachtflugzeug

November 18, 2019, Dubai, United Arab Emirates: The Airbus A330 neo widebody jetliner flies with a j

Condor nimmt 16 neue Maschinen des Typs A330-900 in seine Flotte, die dort Boeing-Jets ersetzen sollen.

(Foto: Leonid Faerberg /imago images/Zuma Wire)

Der europäische Luftfahrtkonzern will endlich auch vom Boom in der Luftfracht profitieren. Bei der Mittelstreckenmaschine "A320neo" soll die Produktionsrate in den nächsten Jahren stark steigen.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Wenn es in den langen 18 Monaten der Corona-Pandemie einen Bereich in der Luftfahrt gegeben hat, dem es richtig gut ging, dann die Luftfracht. Der Sektor ist, auch weil der Online-Handel einen wahren Boom erlebte und gleichzeitig die Kapazität sank, sehr profitabel. Doch wer an Wachstum und Gewinnen nicht teilhaben konnte, war der europäische Flugzeughersteller Airbus - er hatte schlicht keine passenden Flugzeuge im Angebot, Boeing hatte ein bequemes Monopol. Doch das soll sich in ein paar Jahren ändern.

Der Aufsichtsrat des Konzerns will nun einen neuen Airbus-Frachter bauen. 2025 soll die Maschine auf der Basis des Passagiermodells A350 erstmals ausgeliefert werden. Verhandlungen mit möglichen Erstkunden laufen, sind aber noch nicht abgeschlossen. Das Flugzeug würde bei einer Nutzlast von mehr als 90 Tonnen mit der Boeing 777F konkurrieren. Für das Modell hat der US-Konzern seit 2005 insgesamt 254 Bestellungen erhalten. Gerade in der Corona-Pandemie war das Geschäft mit der 777F sowie der 747-8F und der kleineren 767F eine wichtige finanzielle Stütze.

Mit dem neuen Frachtflugzeug verpasst Airbus zwar den derzeitigen Boom. Airbus-Chef Guillaume Faury glaubt aber, dass die Frachtversion der A350 in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts stark nachgefragt sein wird, wenn Fluggesellschaften ältere Modelle ersetzen. 2028 treten zudem stärkere Umweltauflagen der Uno-Unterorganisation International Civil Aviation Organization (ICAO) in Kraft, die die weitere Produktion der jetzigen Jets zumindest in Frage stellen.

Dass der Aufsichtsrat die nicht genau bezifferten Investitionen in das neue Modell jetzt freigibt, zeugt aber auch davon, dass langsam wieder Zuversicht bei Airbus einkehrt. Dafür gibt es auch konkrete Gründe: Im ersten Halbjahr gelang es dem Unternehmen, einen operativen Gewinn von 2,7 Milliarden Euro zu erwirtschaften. Der Umsatz stieg um 30 Prozent auf 24,6 Milliarden Euro. In der ersten Hälfte des Vorjahres hatte Airbus noch einen Verlust von 1,5 Milliarden ausgewiesen.

Die Trendwende ist fast ausschließlich dem Geschäft mit zivilen Flugzeugen zuzuschreiben. Airbus lieferte in den ersten sechs Monaten 297 Maschinen aus, 101 mehr als vor einem Jahr. Insgesamt sollen es in diesem Jahr 600 Auslieferungen werden und damit etwa 40 mehr als im schlimmsten Krisenjahr 2020.

Lieferanten halten nichts von neuen Höchstmarken

Die Produktion der Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge soll nun stark ausgeweitet werden. Im vierten Quartal soll die Rate bei der A320neo-Familie auf 45 Jets pro Monat steigen, im Frühjahr 2023 dann auf 64. Airbus erwägt, 2024 monatlich 70 der Flugzeuge zu bauen und ein Jahr später sogar 75. Schon bei 64 würde der Hersteller die historische Höchstmarke (63) übertreffen. Doch das Vorhaben stößt bei den Lieferanten auf Widerstand. Olivier Andriès, Chef des französischen Triebwerksherstellers Safran sagte, er sei nicht davon überzeugt, dass es genügend Nachfrage für mehr als 60 Flugzeuge pro Monat gebe.

Airbus-Chef Faury reagierte deutlich: Er sei "wirklich enttäuscht, dass einige Partner die Raten in Frage stellen". Airbus habe bei der A320neo-Familie einen Auftragsbestand von mehr als 6000 Flugzeugen - beim derzeitigen Produktionsniveau also eine Auslastung von 15 Jahren und selbst bei Rate 60 noch genug Arbeit für etwa zehn Jahre. "Unsere Kunden wollen aber nicht so lange warten", so Faury. Und Airbus will die Chance nutzen, die sich durch die Schwäche des Konkurrenten Boeing ergibt, und zusätzliche Marktanteile gewinnen. Boeing lässt nach dem weltweiten Flugverbot die Produktion der 737Max nur langsam anlaufen und baut derzeit pro Monat 16 der Jets. Langstreckenjets des Typs 787 werden derzeit wegen Qualitätsproblemen in der Fertigung nicht gebaut. Auch Boeing hatte aber zuletzt deutlich bessere Ergebnisse präsentiert und schreibt nun wieder schwarze Zahlen.

Die Nachfrage nach Langstreckenflugzeugen wird aber wohl noch länger schwach bleiben und mit ihr auch die Produktion. Eine willkommene Abwechslung von den generell schlechten Nachrichten in dem Segment lieferte die deutsche Ferienfluggesellschaft Condor. Nach der Übernahme durch den neuen Mehrheitseigentümer Attestor genehmigte der Aufsichtsrat 16 neue Maschinen des Typs A330-900, die bei Condor die in die Jahre gekommenen Boeing 767 ersetzen sollen. Die neuen Jets sollen von Ende 2022 bis 2024 ausgeliefert werden. Allerdings ist auch diese Nachricht für Airbus nicht ganz so gut, wie sie auf den ersten Blick erscheint: nur sieben der 16 Maschinen sind tatsächlich neue Bestellungen. Neun Flugzeuge hat sich Condor bei Leasingunternehmen besorgt.

© SZ
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