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Airbnb:Zwangsrückkehr zu den Wurzeln

Coronavirus - Tourismus in Niedersachsen

Ein seltenes Bild in Corona-Zeiten, denn viele Strände sind seit Wochen gesperrt. Darunter leidet der Tourismus.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Der Zimmervermittler Airbnb entlässt wegen der Corona-Krise 25 Prozent seiner Mitarbeiter. Die Kosten müssen drastisch gesenkt werden. Dabei sollte 2020 das Wachstumsjahr schlechthin für das Unternehmen werden.

Von Claus Hulverscheidt, Köln

2020 sollte eigentlich das Jahr von Airbnb werden. Der umstrittene Ferienwohnungsvermittler aus San Francisco wollte an die Börse gehen, hoffte auf eine Bewertung von 50 bis 70 Milliarden Dollar und rechnete mit einem neuerlichen Geschäftsboom. Dann kam Corona - und seither ist die Frage nicht mehr, welchen Rekord das Unternehmen wohl als nächstes brechen, welche Hotelketten und Stadträte es demnächst in die Knie zwingen wird. Die Frage, die sich nun stellt, so schrieb das Tech-Magazin Wired schon vor drei Wochen, ist: "Ist das das Ende von Airbnb?"

Firmenchef Brian Chesky würde allein den Gedanken sicher brüsk von sich weisen. Dass ihn die jüngsten Massenstornierungen und Umsatzeinbrüche aber keineswegs unberührt gelassen haben, hatte er schon im März eingeräumt: Die Lage fühle sich an, "als habe gerade ein Torpedo dein Schiff gerammt", sagte er. Seit dieser Woche ist nun klar, welche Konsequenzen der Torpedotreffer haben wird: Um Kosten zu sparen, wird jeder vierte der weltweit rund 7500 Mitarbeiter entlassen, letzter Arbeitstag für die 1900 Betroffenen ist der kommende Montag. Zudem werden kostspielige Ausflüge in neue Geschäftsfelder, etwa die Vermittlung von Flugreisen und Luxuswohnungen, gestoppt. Es ist für das erfolgsverwöhnte Unternehmen die bisher größte Zäsur der Firmengeschichte.

"Wir durchleben gemeinsam die furchtbarste Krise unseres Lebens", schrieb Chesky in einer E-Mail an die Beschäftigten. Airbnb müsse deshalb "fundamentale Veränderungen" vornehmen und sich auf das Kerngeschäft fokussieren. Für die verbleibende Belegschaft folgte immerhin noch eine positive Nachricht: Zwar seien die Umwälzungen tiefgreifender und langwierigerer, als manche glaubten. Es bestehe aber kein Zweifel daran, "dass sich das Airbnb-Geschäft vollständig erholen wird". In manchen Ländern, gerade in Europa, zögen die Buchungen bereits wieder spürbar an.

Diesen zur Schau gestellten Optimismus teilen allerdings längst nicht alle Experten - im Gegenteil. Nicht wenige glauben, dass sich die Gewichte gerade dauerhaft zu Ungunsten des Wohnungsvermittlers verschieben. Da sind Städte wie Prag, die die Chance nutzen, um den Mietmarkt stärker zu regulieren als bisher. Vor allem aber - und das könnte Airbnb viel mehr schaden: Viele jener "Profi"-Gastgeber, mit denen der Konzern hohe Umsätze generiert, kämpfen derzeit um ihre Existenz.

Anders nämlich als viele Urlauber glauben, lebt Airbnb nur in zweiter Linie von gewöhnlichen Wohnungs- oder Hausbesitzern, die ein Zimmer oder eine Etage vermieten, um sich etwas hinzuzuverdienen. Das wichtigere Standbein sind professionelle Investoren, die in einer Stadt oder einem Apartmentgebäude - oft auf Pump - mehrere, manchmal gar Dutzende Wohnungen mieten oder kaufen, um sie Urlaubern anzubieten. Die oft riesige Differenz zwischen den eigenen Miet- oder Kreditkosten und den Mieterlösen kassieren sie als Gewinn. Allerdings: Fallen die Airbnb-Einnahmen weg, fällt das ganze Modell wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Manche Fachleute mutmaßen deshalb bereits, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der "Profi"-Gastgeber bankrott und Airbnb auf Dauer verloren gehen könnte.

Chesky, der in seiner Mail zugibt, dass der Firmenumsatz dieses Jahr um 50 Prozent einbrechen könnte, verkauft die Umwälzungen derweil als Chance. Das Reiseverhalten vieler Menschen werde sich infolge der Corona-Krise ändern, schrieb er, der Trend gehe zu näheren, sichereren und günstigeren Zielen. Damit rücke der alte Airbnb-Kerngedanke, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen, wieder in den Vordergrund. "Die Krise hat unseren Blick dafür geschärft", so der Vorstandschef, "dass wir zu unseren Wurzeln zurückkehren sollten."

© SZ vom 07.05.2020

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