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Börsengang:Airbnb-Börsenwert mehr als verdoppelt

Jonathan Entler, Ruby Entler, James Green, Camille Smithwick

Vermieter (oben) treffen Mieter (unten): Szene in einer Airbnb-Wohnung in Los Angeles.

(Foto: Damian Dovarganes/AP)

Der Unterkünfte-Vermittler legt inmitten der zweiten Corona-Welle den wohl spektakulärsten Börsengang des Jahres hin. Wie das gelang? Mit einer guten Geschichte und weiser Planung.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es waren einmal, vor gar nicht langer Zeit, zwei Schulfreunde, die konnten sich die horrenden Mieten in San Francisco nicht mehr leisten. Da fand eine Technik-Konferenz in der kalifornischen Metropole statt, und die beiden überlegten, ob sie angesichts ausgebuchter Hotels nicht ihr Wohnzimmer an Teilnehmer vermieten könnten. Sie kauften drei Luftmatratzen und verwandelten ihre Bleibe in eine Pension. Und weil das gar so gut funktionierte und das offensichtlich viele Leute während dieser Zeit taten, überlegten die beiden Schulfreunde, ob sich daraus nicht ein Geschäftsmodell entwickeln könnte. Als Namen wählten eine Komposition aus den englischen Begriffen für Luftmatratze und Pension und kürzten es später ab: Airbnb.

Das ist die märchenhafte Geschichte des Unternehmens, das nicht nur als grandioses Geschäftsmodell bekannt ist, sondern auch als gesellschaftliches Symbol dafür, Erleben höher zu bewerten als Eigentum. Airbnb ist am Donnerstag an die Börse gegangen, unter dem Kürzel ABNB. Schon die Festlegung des Ausgabekurses hatte in den vergangenen Wochen einer Auktion geglichen: Erst hieß es, er würde bei etwa 44 Dollar liegen, dann war von 50 die Rede, später von 56 und 60. Es waren am Ende 68 Dollar pro Papier, Airbnb nahm so 3,7 Milliarden Dollar ein und wurde zum Start an der Börse mit 47 Milliarden Dollar bewertet. Der erste gehandelte Kurs lag am Abend deutlich darüber, bei 146 Dollar. Der Börsenwert von Airbnb überschritt damit die Marke von 100 Milliarden Dollar.

Das war durchaus erwartet worden, weil der Essenslieferant Doordash am Mittwoch ebenfalls einen wahnwitzigen Börsenstart hingelegt hatte und am Ende des ersten Handelstages um 85 Prozent höher bewertet wurde. Da indes waren sich die Experten einig, Doordash hatte während der Pandemie sein Versprechen eingehalten, ein derart engmaschiges Netz aus Lieferanten zu stricken, dass selbst Eiscreme bei den Kunden ankommen würde, bevor sie schmilzt - und Pizza, bevor sie kalt ist. Der Umsatz stieg in den ersten neun Monaten dieses Jahres um mehr als das Dreifache auf 1,9 Milliarden Dollar, der Verlust sank um 72 Prozent auf 149 Millionen Dollar. Ein spektakulärer Börsengang war erwartet worden.

Bei Airbnb dagegen fragten einige: Sind die verrückt? Die beiden Schulfreunde Brian Chesky und Joe Gebbia, die zur Gründung 2008 den ehemaligen Mitbewohner von Chesky, Nathan Blecharczyk, ins Boot holten, mussten ja wirklich an Märchen glauben, wenn sie davon überzeugt waren, dass sich Anleger angesichts der Pandemie wirklich für einen Reisevermittler interessieren würden. Das Unternehmen hatte in den Monaten März und April ein Minus von 1,5 Milliarden Dollar hingelegt - nicht Verlust wohlgemerkt, sondern Umsatz, weil so viele Stornierungen bezahlt werden mussten, dass es Neubuchungen überstieg. Im Börsenprospekt stand zudem als Warnung: "Es könnte sein, dass wir nie Profitabilität erreichen werden."

Die zweite Welle der Pandemie dürfte das Reisen in den kommenden Wochen eher einschränken, Konkurrenten wie Vrbo werden nicht verschwinden (zumal es nicht wirklich ein Patent auf die Vermittlung von Wohnungen gibt), und mittlerweile gilt Airbnb nicht mehr nur als der coole Disruptor der Reisebranche - sondern durchaus als Firma, die den Mietmarkt in vielen Städten zerstört hat. In zahlreichen Metropolen gibt es Verbote oder die Überlegung, Gesetze gegen Kurzzeitmieten einzuführen. Kurz: Aus dem frechen Startup ist ein Tech-Konzern geworden, der nun auch mit den negativen Auswirkungen einer pfiffigen Idee zurechtkommen muss.

Der Führungsstil von Chesky in der Krise wird allseits gelobt

Das führt zurück zum Märchen und zu Gründer Chesky, der die Firma bislang behutsam durch die Pandemie geführt hat. Ja, Airbnb fuhr in den ersten neun Monaten des Jahres Verluste von 697 Millionen Dollar ein, jedoch sank der Umsatz in den vergangenen drei Monaten trotz Pandemie gegenüber dem Vorjahresquartal nur um 19 Prozent. Das liegt daran, dass zum Beispiel viele New Yorker aus dem Hotspot aufs Land geflohen sind und dort Langzeitmieten über Airbnb abgeschlossen haben. Im Juni gestaltete Airbnb seine Plattform neu, der Algorithmus zeigt Nutzern mehr lokale Ziele an; es gibt nun eine Option für Monatsaufenthalte.

Zudem hat Chesky das Märchen erst einmal beendet und sein Unternehmen einem, wie die Amerikaner sagen, Reality Check unterzogen. Er hat ein Viertel der Belegschaft, etwa 7600 Angestellte, entlassen, die meisten in Marketing und Vertrieb, die Gehälter der Führungskräfte halbierte er. Die Reaktion von Chesky auf die Krise wurde als entschlossen, rasch und vor allem mitfühlend gelobt. Es ging nicht mehr um Wachstum um jeden Preis, weswegen Facebook nun in den USA verklagt wird, sondern darum, das eigene Unternehmen zu positionieren, nicht andere kaputt zu machen. "Es ist beeindruckend, wie schnell er das alles geschafft hat", sagt Michael Seibel, Chef des Risikokapitalgebers Y Combinator.

Chesky, Schulfreund Gebbia und der einstige Mitbewohner Blecharczyk werden mit dem Börsengang zu Multi-Milliardären. Natürlich wollen sie das Unternehmen nicht an die Wand fahren, sondern gedeihen lassen. Sich selbst haben sie freilich nicht entlassen in der Krise, und so mancher Vermieter war durchaus sauer, dass er den größeren Anteil am Risiko hatte, als im Frühjahr so viele Nutzer ihre geplante Reise stornierten.

Der Börsengang ist ein weiteres Kapitel in diesem Märchen, Airbnb dürfte nun über Barreserven von mehr als acht Milliarden Dollar verfügen und gerüstet sein für die kommenden Monate, die sicherlich nicht leicht werden. Ob alle glücklich und zufrieden sein werden, auch all jene, die nun in die Firma investiert haben, ist derzeit wie so viele Dinge im Leben nicht abzusehen. Das Vertrauen in dieses Märchen und seinen Helden Chesky, das zeigen Ausgabekurs und Entwicklung am ersten Tag, ist jedoch da.

© SZ
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