Air Force One:Ein Tweet von Trump - und Boeings Manager zittern

AIr Force One at Joint Base Andrews in Maryland

"Cancel order!" - Donald Trump mag die aktuelle Air Force One nicht für viel Geld ersetzen lassen.

(Foto: REUTERS)

Trump findet die neue Air Force One zu teuer. Schreibt er zumindest bei Twitter. Womöglich ging es ihm aber gar nicht wirklich um die Kosten des Projekts.

Von Claus Hulverscheidt

Es war, wie so oft bei diesem Politiker-Novizen, ein Schuss, der aus dem Nichts zu kommen schien. "Boeing baut eine brandneue 747 Air Force One für künftige Präsidenten", schrieb Donald Trump am Dienstag ohne weitere Erläuterung an sein Volk. "Aber die Kosten sind außer Kontrolle geraten, mehr als vier Milliarden Dollar. Auftrag stornieren!" Sicher, es waren zuletzt schon ganz andere zur Zielscheibe der berüchtigten Trump'schen Twitter-Attacken geworden, Frauen etwa, Mexikaner oder politische Gegner. Aber ein Flugzeug?

Es gibt nicht viele Insignien der Macht, die Stolz und Identität der USA so sehr symbolisieren, wie jene Maschine mit dem mächtigen azurblauen Bug, der gewaltigen weißen Heckflosse und den seltsam babyblauen Triebwerken, die seit Jahrzehnten US-Präsidenten in alle Winkel der Erde trägt. Filme sind nach ihr benannt worden - und das, obwohl der Begriff Air Force One eigentlich gar keinen bestimmten Jet bezeichnet. Air Force One ist vielmehr das Funkrufzeichen jedes Flugzeugs, in dem der US-Staatschef gerade sitzt.

Die erste neue Air Force One könnte in fünf oder sechs Jahren ausgeliefert werden

Der Volksmund jedoch verbindet mit dem Begriff jene beiden baugleichen Jumbos vom Typ 747-200B, die George Bush der Ältere 1990 in Betrieb genommen hatte. Mit ihren drei Stockwerken, den Büros und dem Schlafzimmer, dem kleinen Operationssaal und dem Raketenabwehrsystem ist die Maschine dabei nicht nur Beförderungsmittel, sondern ein mobiler Amtssitz. Weil die beiden Flugzeuge jedoch ordentlich Meilen auf dem Buckel haben, hatte der Kongress im Frühjahr den Weg frei gemacht für den Kauf zweier neuer Maschinen. Boeing arbeitet bereits seit Jahren an dem Konzept, die Kosten betragen nach bisherigem Stand 3,2 Milliarden Dollar.

Der erste neue Jet vom Typ 747-8 könnte in fünf, sechs Jahren ausgeliefert werden - wenn der künftige Präsident die Order nicht stoppt. Davon ist, Tweet hin, Tweet her, nicht auszugehen, denn auch Trump wird die neue Air Force One kaum bei Airbus oder gar beim russischen Hersteller Tupolew bestellen. Und weil das so ist, liegt die Vermutung nahe, dass den leicht reizbaren Unternehmer etwas anderes zu seinem Twitter-Schnellschuss motiviert hat als die Kosten des Projekts.

Boeing verlor kurzzeitig mehr als eine Milliarde Dollar an der Börse

Eine Rolle könnte ein kurz zuvor erschienener Zeitungsartikel gespielt haben. Dieser zitiert Boeing-Chef Dennis Muilenburg mit den Worten, ein Handelskrieg und die Kündigung internationaler Verträge würden den USA schaden - eine Anspielung auf Trumps Zollpläne gegen Billiglohnländer, die Muilenburg nicht direkt erwähnt. Der Manager weiß, wovon er spricht, denn jeder vierte seiner Jets geht mittlerweile nach China. Um dortige Kunden zu binden, hatte der Konzern 2015 angekündigt, einige Teile demnächst in der Volksrepublik zu fertigen - was Boeing umgehend einen Rüffel des Wahlkämpfers Trump eintrug.

Der Schaden, den der nächste US-Präsident mit seinem Tweet anrichtete, war ungleich größer. Nicht nur, dass Boeing kurzzeitig mehr als eine Milliarde Dollar an Börsenwert verlor. Auch manchem Manager dürfte der Angstschweiß ausgebrochen sein. Denn so bedeutend Chinas Fluggesellschaften für den Konzern zweifellos sind: Größter Einzelkunde des Unternehmens ist die US-Regierung, die vor allem über den Kauf von Kampfflugzeugen und anderem Militärgerät mehr als 20 Prozent zum Konzernumsatz beisteuert - einerseits.

Andererseits: So dünnhäutig Trump oft reagiert, so schnell kriegt er sich meist auch wieder ein. Und der Gedanke, als erster Präsident mit der neuen Air Force One zu fliegen, müsste einem Liebhaber von Statussymbolen, wie Trump einer ist, eigentlich gefallen. Gut möglich also, dass die Auslieferung der ersten Maschine am Ende nicht gestoppt, sondern auf 2020 vorgezogen wird.

© SZ vom 08.12.2016/mahu
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