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Air Berlin:Von Herzen

Die Schoko-Herzen von Air Berlin kommen in Zukunft von einem Schweizer Hersteller.

(Foto: PR)

Die Fluglinie Air Berlin wechselt nicht nur die Chefs: Es gibt auch einen neuen Lieferanten für die roten Schoko-Mitbringsel.

Das Fliegen hat viel von seinem früheren Glanz verloren. Meistens ist es heute ungefähr so luxuriös wie eine Fahrt mit der S-Bahn im Berufsverkehr. Anders als in der S-Bahn muss man sich seinen Proviant ins Flugzeug zwar nicht unbedingt mitbringen. Doch geschenkt bekommt man von den Fluglinien auch selten etwas. Die spanische Iberia kassiert zwischen München und Madrid selbst für das Glas Wasser an Bord 2,50 Euro.

Die meisten Airlines müssen knallhart kalkulieren, um bei den Portalen für Preisvergleiche im Internet nicht auf einem der hinteren Plätze zu landen. Die Fluggäste wollen das angeblich nicht anders. Sie möchten wissen, das sagen zumindest die Manager, wofür sie zahlen und wofür nicht. Deshalb haben sich die Fluglinien auch allerlei einfallen lassen, wie sie ihre Kundschaft kreativ zur Kasse bitten: bei der Bezahlung mit Kreditkarte oder der Reservierung von Sitzplätzen. Demnächst gibt es bestimmt noch eine Gebühr für die Begrüßung der Stewardessen.

In dieser kostenoptimierten Umgebung voller gebührenpflichtiger Extras vermögen zwanzig Gramm schwere Stückchen Schokolade Glücksgefühle auszulösen.

Bei Air Berlin halten die Stewardessen den Passagieren nach dem Flug an der Kabinentür einen Korb voller Süßigkeiten unter die Nase und jeder darf sich ein kleines rotes Schokoladenherz nehmen - oder auch zwei. Besonders beliebt, so brachte es die Fluggesellschaft selbst in Erfahrung, seien die Mitbringsel am Valentinstag und zum Muttertag, wenn der rastlose Vielflieger auf seinem Weg zum Abflug-Gate keine Zeit mehr fand für eine Zwischenlandung in der Pralinen-Boutique.

Auch wenn Air Berlin selten mal ein Quartal mit Gewinn abgeschlossen hat und letztlich unter die Fittiche der Golf-Airline Etihad schlüpfen musste: Die roten Schokoherzen am Ausgang der Flugzeuge gab es immer, auf den Strecken im Inland und seit einiger Zeit auch auf der europäischen Mittelstrecke zu den Sonnenzielen am Mittelmeer.

Sie dürfen an Passagiere alles verteilen - aber nichts, was krümelt, sagt ein Manager

Das Unternehmen, das sich stolz die zweitgrößte deutsche Airline nennt, führt ein turbulentes Leben. An der Spitze steht jetzt mit Stefan Pichler der vierte Chef in nur wenigen Jahren. Der von einer Südsee-Fluggesellschaft übergewechselte Manager hält immerhin fest am Herz von Air Berlin: Es soll so etwas wie "ein Symbol sein, wie wir miteinander umgehen", sagt er. Doch nun gibt es auch einen neuen Lieferanten für die Schokoherzen, die übrigens eine Sollbruchstelle genau in der Mitte haben, für den richtigen Knack. Nicht mehr die Berliner Firma Rausch, sondern der Schweizer Anbieter Lindt stellt sie her.

Das könnte Folgen haben. Vielflieger haben in der Vergangenheit bereits darüber diskutiert, ob die nach einem Unwetter in Papua-Neuguinea neu ausgewählte Plantage weniger schmackhaften Kakao liefert. Das Aroma wechselte ohnehin immer leicht - je nach Ernte. Nun gibt es die gleichmäßig schmeckende Vollmilchschokolade von Lindt & Sprüngli.

Das Verteilen von Schokoladenherzen beim Ausstieg aus einem Flugzeug ist wahrscheinlich eine der raffiniertesten Marketing-Maßnahmen der Gegenwart. Aufgebrachte Fluggäste werden durch eine kräftige Dosis Kakao sozusagen schmackhaft besänftigt. Die Kosten für diese Maßnahme halten sich in Grenzen. Wer 13 Millionen Schokoherzen pro Jahr kauft, zahlt keine Ladenpreise. Und die Stewardessen müssen ohnehin am Ausgang die Gäste freundlich verabschieden, auch ohne Schokoherzen. Zusätzliche Personalkosten fallen also nicht an.

Und noch etwas ist bestechend an der Idee, den Leuten die Herzen erst beim Verlassen des Flugzeuges in die Hand zu drücken. Sie können dann weder das Einwickelpapier auf Sitzen oder Bodenteppichen deponieren - oder schlimmer noch: Schokokrümel auf der wertvollen Inneneinrichtung verschmieren. Beides würde jeden Controller in Panik versetzen. Easy-Jet-Gründer Stelios Haji-Ioannou sagte schon mal in einem Interview mit dieser Zeitung sinngemäß: Sie dürfen an Passagiere alles verteilen, aber nichts, was krümelt. Das würde nicht nur die Reinigungskosten hochtreiben, sondern obendrein die teure Standzeit am Boden verlängern. Denn Flugzeuge sind am profitabelsten, wenn sie fliegen.

So gesehen sind die Schokoherzen von Air Berlin ein genialer Einfall. Diese Großzügigkeit beim Abschied nach der Landung kann sich selbst die dauerdefizitäre Air Berlin leisten.

© SZ vom 11.04.2015
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