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Air Berlin:Air-Berlin-Chef: "Optisch eine gute Visitenkarte abgeben"

  • Air-Berlin-Chef Pichler schreibt gemeinsam mit Personalchefin Niemann einen Brief an die Belegschaft.
  • Es geht darin um die Kleidung der Mitarbeiter.

Irgendwie hat man sich bei Air Berlin an den Ausnahmezustand gewöhnt. An den letzten nicht durch irgendwelche Sondererlöse erreichten Jahresgewinn erinnert sich vielleicht noch der Vorvorvorgänger des aktuellen Vorstandschefs. Die inzwischen aufgelaufenen Verluste sind gemessen am Umsatz astronomisch, Air Berlin fliegt dank Finanzhilfen und der Kredite des Großaktionärs Etihad oder diesem gewogener Banken aber immer weiter.

Der aktuelle Konzernchef Stefan Pichler beteuert, es seien erste Ansätze einer Wende zu erkennen. Bislang war man davon ausgegangen, dass er eine Wende zum Besseren meinte. Aber so genau lässt sich das wahrscheinlich gar nicht mehr nachvollziehen, denn sehr viele, die sich an Interna von vor ein paar Monaten erinnern könnten, hat Pichler mittlerweile gefeuert.

In so turbulenten Zeiten ist es gut, dass der Chef den Blick für das Wesentliche nicht verliert: nämlich die Kleiderordnung. Und so hat er Zeit gefunden, gemeinsam mit Personalchefin Martina Niemann einen Brief an die Mitarbeiter zu schreiben, um ein paar Gedanken zum Thema zu verbreiten.

Werte wie "Kompetenz, Vertrauen, Sicherheit und Zuverlässigkeit" würden auch "durch unsere Kleidung ausgestrahlt". Dieses Bild "wollen wir auch in der Verwaltung vermitteln", trotz hoher Temperaturen im Sommer. Pichler weiß, "das sind Werte, die Strandkleidung zum Beispiel nicht sofort widerspiegelt". Kleidung habe etwas "mit gegenseitigem Respekt zu tun" und den vielen Gästen im Haus wolle man "auch optisch eine gute Visitenkarte abgeben".

Also: "dysfunktionale Büros" und fehlende Klimaanlage hin oder her - Männer sollen nun Langarmhemden tragen. Laut Modeberater Pichler kann man dazu "eine etwas weiter geschnittene Hose" auswählen. Der Vorstandschef weiß auch: "Entgegen dem allgemeinen Glauben kühlt eine lange, dünne Hose weit mehr durch den permanenten Luftstrom, der so an den Beinen entlang entsteht."

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Immerhin: "Bei Temperaturen über 30 Grad kann die Krawatte abgelegt werden." Bei Frauen eignen sich ihm zufolge "am besten Blusen oder knielange Kleider mit kleinen, angeschnittenen Ärmeln oder Jäckchen mit halbem Arm sowie knielange Röcke".

Kleiderordnung? Einmal abgesehen davon, dass auch Air Berlin-Piloten und Flugbegleiter Uniformen tragen, war bisher selbst langjährigen Mitarbeitern von so rigiden Instruktionen nichts bekannt. Dass jetzt sogar Verwaltungsangestellte, die keinen Kontakt zu Besuchern haben, Krawatten tragen müssen, ist in den meisten Branchen unüblich, zumal bei Airlines. Und Pichler selbst schwärmte noch vor Kurzem vom Strandleben auf Fidschi, wo er seinen letzten Job vor Air Berlin hatte, oder der Lockerheit der Leute in seiner zweiten Heimat Australien.

Allerdings sind, so ist zu hören, Air-Berlin-Mitarbeiter bei Besuchen in der Zentrale des Hauptaktionärs Etihad des Öfteren unangenehm aufgefallen, weil sie keine Krawatte getragen haben. Der Geldgeber darf natürlich nicht vergrätzt werden. Jetzt gilt: "Der smarte Businesslook passt zu unserem Markenauftritt als smarte Air Berlin."

Etihad-Chef James Hogan und die meisten in der Konzernführung in Abu Dhabi stammen übrigens aus Australien. Aber man muss ja nicht alles verstehen.

© SZ vom 14.06.2016/hgn
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