Agrarindustrie auf der Grünen Woche:Der Ruf einer ganzen Branche steht auf dem Spiel

Sicher sind manche Vorwürfe, mit denen sich die Branche konfrontiert sieht, so nicht oder nur zum Teil berechtigt. Genauso offensichtlich ist es jedoch, dass einiges im Argen liegt. Aber der Mangel an Bereitschaft zur Selbstkritik ist nicht zu übersehen. Es hilft nichts, Begriffe wie Agrarindustrie oder Massentierhaltung in den Giftschrank des Vokabulars zu verbannen. Probleme lassen sich nicht durch totschweigen oder schönreden aus der Welt schaffen. Kritiker lassen sich auch nicht den Mund verbieten.

Rukwied wäre deshalb gut beraten, moderatere Töne anzuschlagen und den konstruktiven Dialog zu suchen. Verbraucher sind Kunden, die ein Recht darauf haben, umfassend und aufrichtig informiert zu werden. Der Ruf einer ganzen Branche steht auf dem Spiel. Lebensmittel sind eine Sache des Vertrauens, und das will verdient sein.

Konsumenten sind zunehmend skeptisch - und tragen ihren Unmut auf die Straße. Seit vier Jahren demonstrieren sie unter dem Motto "Wir haben es satt" am Rande der Grünen Woche gegen Fehlentwicklungen in der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft. In diesem Jahr erwarten die Veranstalter einen neuen Besucherrekord mit weit über 20.000 Teilnehmern. Nicht nur Umwelt-, sondern auch Sozial-, Gewerkschafts- und Kirchenverbände haben dazu aufgerufen. Selbst Landwirte beteiligen sich. Es ist die größte Protestaktion dieser Art in Deutschland.

Gentechnik und Chlorhühnchen

Vor allem das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU, Hauptthema der geplanten Demonstration, beunruhigt immer mehr Verbraucher. Die Angst, dass mit einer transatlantischen Handelsunion Gentechnik und Chlorhühnchen auf dem Teller landen und mühsam erkämpfte Qualitätsstandards aufgegeben werden, ist groß.

Bauernverband und Lebensmittelindustrie haben bislang nicht eindeutig Stellung bezogen bei diesem heiklen Thema. Auch das schadet dem Ansehen. Dies lässt den Verdacht aufkommen, dass die Branche durchaus zu Zugeständnissen bereit sein könnte, um ihre Exportchancen zu verbessern. Der Verdacht ist nicht unberechtigt, denn sie wächst seit Jahren nur noch dank steigender Ausfuhrzahlen, in Deutschland stagnieren dagegen die Umsätze. Und die USA machen mächtig Druck, dass die EU ihre strengeren Vorschriften für Lebensmittel lockert und so etwa den Weg für Gentechnik und Hormonfleisch in Europa frei macht.

Der Bauernpräsident muss rasch Position beziehen, wenn er den Schaden begrenzen will. Nicht nur Konsumenten, vor allem auch kleine und mittelständische bäuerliche Betriebe hätten das Nachsehen, wenn die EU-Kommission den Forderungen der USA nachgeben sollte.

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