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Entwicklungshilfe:Revolte gegen die "grüne Revolution"

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Vor 14 Jahren haben die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und die Rockefeller-Stiftung die Entwicklungsorganisation "Allianz für eine grüne Revolution in Afrika" gegründet. Doch einer Studie zufolge hat sich dort die Situation vieler Kleinbauern eher verschlechtert.

(Foto: Rainer Kwiotek/dpa)

Nichtregierungsorganisationen fällen ein vernichtendes Urteil über die von der Gates-Stiftung finanzierte Agrarallianz in Afrika. Diese sieht sich zu Unrecht attackiert.

Von Viktoria Spinrad

Bauern, die gezwungen werden, ihre Mischkulturen aufzugeben, nährstoffreiche Pflanzen, die verdrängt werden, Kleinbauern, die in der Schuldenfalle landen: Eine am Freitag veröffentlichte Untersuchung fällt ein vernichtendes Urteil der von Bill und Melinda Gates finanzierten entwicklungspolitischen Agrarallianz in Afrika. Die Allianz habe ihre eigenen Ziele nicht erreicht, ihr konzerngetriebener Ansatz tauge nicht zur Beendigung des Hungers, so das Fazit der Studie.

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Das von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Partei Die Linke nahesteht, in Auftrag gegebene Papier mehrerer internationaler Hilfsorganisationen spricht von mehr Hungernden, kaum mehr Produktivität, weniger Ernährungsvielfalt, negativen finanziellen Folgen für Bauern, Umweltschädigungen, gefährdeter Selbstbestimmung vor Ort und politischem Druck zugunsten von Großfirmen. "Die grüne Revolution ist ausgeblieben", sagt der Agrarexperte von "Brot für die Welt", Stig Tanzmann, der Nachrichtenagentur epd.

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14 Jahre ist es her, dass die "Allianz für eine grüne Revolution in Afrika" (Agra) auf Initiative des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan ins Leben gerufen wurde. Zu den größten Geldgebern gehören die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und die Rockefeller-Stiftung. Die Entwicklungsorganisation versprach Großes: Bis 2020 sollte die privat-öffentliche Initiative, mit der auch die deutsche Entwicklungshilfe zusammenarbeitet, die Ernährungsunsicherheit in 20 afrikanischen Ländern halbieren und die Einkommen sowie die Produktivität von 30 Millionen Kleinbäuerinnen und -bauern verdoppeln. Dafür sorgen sollte eine "grüne Revolution": mit lizenziertem Saatgut, synthetischen Düngern und Pestiziden sowie der Integration in globale Lieferketten.

Dieser konzerngetriebene Ansatz ist umstritten und laut den Autoren der Studie nicht sonderlich erfolgreich: Demnach ist der Anteil der Menschen, die unter extremem Hunger leiden, in den 13 Schwerpunktländern sogar um 30 Prozent auf 130 Millionen Menschen gestiegen. Bei den Grundnahrungsmitteln sei die Produktivität nur um 18 Prozent gestiegen, mit 1,5 Prozent sei das dieselbe Wachstumsrate wie in der Zeit vor Agra.

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Zudem leide die Vielfalt: Wo der Anbau von Mais begünstigt werde und sich der Anbau von nährstoffreicheren und klimaresistenten Ackerfrüchten wie Hirse und Sorghum verringerte, habe sich die Versorgung mit vielfältigen Nahrungsmitteln für kleinbäuerliche Erzeuger verschlechtert. Lokale Sorten wie Sorghum, Hirse, Maniok, Erdnüsse und Süßkartoffeln würden verdrängt. Mit dem Hauptfokus auf Mais "landet man sehr schnell in der Mangelernährungsfalle", so Tanzmann. Bei Agra weist man das zurück: "Wir ermutigen Bauern, verschiedene Pflanzen anzubauen", so ein Sprecher.

Offen bleibt, wie es ohne die Arbeit der Allianz vor Ort ausschauen würde

Der Bericht mit dem Titel "Falsche Versprechen: Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (Agra)" wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Brot für die Welt, Fian, Forum Umwelt und Entwicklung und Inkota in Kooperation mit Partnerorganisationen aus Mali, Kenia, Sambia und Tansania herausgegeben. Das sind Organisationen, die den technischen Ansatz von Organisationen wie Agra in der Vergangenheit immer wieder kritisiert haben. Am Ende profitierten vor allem die großen Agrarfirmen, für die neue Märkte erschlossen würden, so der Vorwurf.

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Nun legen die Organisationen den 42 Seiten langen Bericht vor. Zu einem Großteil basiert dieser auf der Arbeit des Wissenschaftlers Timothy A. Wise aus den USA, einem regelmäßigen Kritiker der Allianz. Dazu kommen Länderdaten zu den Erträgen, Armutsdaten der Welternährungsorganisation und Fallstudien von Partnerorganisationen vor Ort. So ergibt sich ein Vorher-Nachher-Vergleich. Offen bleibt, wie es ohne die Arbeit der Allianz vor Ort ausschauen würde.

In den Fallstudien berichten manche Bauern, dass sie ihren Viehbestand hätten verkaufen müssen, um ihre Schulden zu tilgen. Denn während Bauern Saatgut vorher leicht untereinander tauschten, müssten sie laut dem Bericht nun viel Geld für die priorisierten kommerziellen "Vorzugskulturen" wie Mais bezahlen. Ein Trend, den sowohl die Organisation als auch das Entwicklungsministerium zurückweisen: Von einer Verschuldung wisse man nichts, so der Tenor.

Überhaupt weist man die Ergebnisse der Untersuchung bei Agra scharf zurück. Die Untersuchung sei unwissenschaftlich. Zudem sei man nicht einbezogen gewesen, könne die Ergebnisse also auch nicht detailliert kommentieren. Der Sprecher verteidigt den grundsätzlichen Ansatz der Allianz: Afrikanische Kleinbauern müssten die selben Möglichkeiten wie europäische bekommen.

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Das BMZ verteidigt auf Anfrage die Zusammenarbeit

Seit Mitte der Neunzigerjahre nimmt die Rolle der Privatwirtschaft in der Entwicklungshilfe immer mehr zu, so auch im Agrarbereich. Dies soll eine Win-Win-Situation schaffen: Auf der einen Seite sollen Firmen ihre Märkte erweitern können, auf der anderen Seite soll der ländliche Raum gestärkt werden. Zu den Geldgebern der selbsternannten grünen Allianz gehören auch Länder wie Großbritannien, Kanada und Norwegen sowie UN-Organisationen. Das CSU-geführte Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt die Allianz zwischen 2017 und 2021 in Ghana und Burkina Faso mit zehn Millionen Euro. Das sind weniger als 0,5 Prozent der jährlichen Entwicklungszusammenarbeit, die sich auf über zwei Milliarden Euro summiert. Auch hier geht man zunehmend in Richtung der Agrarökologie, also dem Ansatz, sich den Umweltbedingungen vor Ort anzupassen, statt den Output mittels industrieller Firmen zu maximieren.

Dem BMZ empfehlen die Autoren nun, ihre finanzielle Unterstützung für die Agra einzustellen und stattdessen die Agrarökologie aufzubauen. Auf Anfrage verteidigt das BMZ die Zusammenarbeit: Durch die Unterstützung von Agra habe man die Möglichkeit, für agrarökologische Ansätze zu werben und die Arbeit von Agra an nachhaltigen landwirtschaftlichen Praktiken auszurichten, sagte eine Sprecherin. Man wolle die Untersuchung nun für sich auswerten. Derweil verteidigt auch die Gates-Stiftung die Zusammenarbeit: "Es gibt viele Wege, Kleinbauern vor Ort nachhaltig zu helfen."

© SZ vom 11.07.2020
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