Agrar:Ukrainische Bauern bleiben auf der Ernte sitzen

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Ein Mähdrescher und ein Traktor der deutschen Agrarfirma UIFK Agro in der Ukraine bei der Sonnenblumenernte. Foto: Friedemann Kohler/dpa (Foto: dpa)

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Kiew (dpa) - Die dicken weißen Schläuche voller Weizen auf dem Hof sind der Stolz von Dietrich Treis, sein diesjähriger Ertrag - und zugleich sein größtes Problem. Denn wie die Landwirtschaft der Ukraine insgesamt bleibt auch der deutsche Agrarbetrieb UIFK Agro bei Kiew auf der Ernte sitzen. Natürlich könnte er den Weizen verkaufen, sagt Geschäftsführer Treis: "Ich würde jetzt ab Hof 80 bis 90 Euro pro Tonne bekommen. Das ist aber nicht kostendeckend." Sonst wird Weizen derzeit an den Börsen für etwa 235 Euro die Tonne gehandelt.

Der russische Angriffskrieg trifft den landwirtschaftlichen Großproduzenten Ukraine nun schon im zweiten Jahr. Dabei ist ukrainisches Getreide wichtig für die Stabilität auf dem Weltmarkt und für die Versorgung der ärmeren Länder. Bis Juli konnte die Ukraine noch Weizen, Mais, Ölsaaten und Dünger über das Schwarze Meer exportieren - ein von den Vereinten Nationen und der Türkei ausgehandelter Seekorridor machte es möglich.

Krieg schränkt Exporte ein

Doch seitdem blockiert Russland die Hauptausfuhrroute wieder. Ukrainisches Getreide muss sich teure Wege ins Ausland bahnen über Flusshäfen an der Donau oder mit der Bahn - gegen den Widerstand von Nachbarn wie Polen, Ungarn oder der Slowakei am Ostrand der EU.

Dabei erwartet die Regierung in Kiew dieses Jahr eine Gesamternte von 79 Millionen Tonnen - 10 Prozent mehr als 2022. "Etwa 25 Prozent des geernteten Getreides reichen für den einheimischen Bedarf, der Rest muss exportiert werden", sagt Ministerpräsident Denys Schmyhal. "Denn das bedeutet Einkommen für die Bauern, Devisen für den Staat und Lebensmittel für hungernde Länder."

Der Maschinenbauingenieur Treis arbeitet seit 1999 in der Ukraine. Seit 2017 ist er Geschäftsführer bei UIFK Agro und glaubte, die schwierigen Jahre eigentlich hinter sich gelassen zu haben. "Wir haben hier einen komplett neuen Maschinenpark gekauft", sagt er. Auf 6500 Hektar baut die Firma eines deutschen Investors Weizen, Mais, Sonnenblumen, Raps und etwa Roggen an. Das ist für ukrainische Verhältnisse ein mittelgroßer Betrieb; er liegt im Dorf Korschi etwa 60 Kilometer östlich der Hauptstadt Kiew.

Vorsicht vor Minen auf dem Feld

An diesem warmen Herbsttag werden Sonnenblumen geerntet. Mähdrescher schneiden auf dem Feld die ausgetrockneten Pflanzen ab. Ein Lkw nach dem anderen transportiert die schwarze Masse von Sonnenblumenkernen zum Hochsilo auf dem Hof. Produktionsleiter Alexander Zein überwacht auf dem Feld die Arbeit. Und er achtet darauf, dass alle Fahrzeuge nur die gesicherten minenfreien Zufahrten nutzen. Er deutet auf den Waldrand, dem darf kein Mähdrescher zu nahe kommen. Im Frühjahr 2022 lagen russische Stellungen im nächsten Dorf.

Minen und Geschossreste sind für die ukrainische Landwirtschaft ein weiteres Problem neben den Absatzschwierigkeiten. Auch in ihrer Region seien Bauern mit Traktoren auf Minen gefahren, berichten Zein und Treis. Nach Angaben des Innenministeriums in Kiew sind 174.000 Quadratkilometer oder 30 Prozent der Landesfläche vom Krieg belastet. Etwa 80.000 Quadratkilometer Agrarfläche könnten nicht genutzt werden - mehr als die Fläche von Bayern. Die fruchtbarsten Schwarzerdeböden liegen im Osten und Süden der Ukraine - genau dort, wo gekämpft wird.

Im ersten Kriegsfrühjahr 2022 zogen die Russen gerade rechtzeitig aus dem Kiewer Umland ab; Treis konnte die Felder bestellen lassen. Auch nach der Minensuche saßen seine Leute mit Schutzwesten auf dem Traktor. 2022 sei das Geschäft noch "ziemlich normal" verlaufen, sagt er. "Aber wir haben um 30 Prozent geringere Einnahmen gehabt."

Im Frühjahr dieses Jahres ließ er noch 4000 Tonnen Mais in den Schwarzmeerhafen Piwdennyj bringen. Als Russland den Getreidekorridor blockierte, konnten 3000 Tonnen nach Reni an der Donau umgeleitet werden. 1000 Tonnen Mais stecken aber noch am Schwarzen Meer fest.

Zu wenig Waggons für Transport ins Ausland

Die Sommerernte 2023 könnte nur per Bahn nach Westen gebracht werden. Doch Waggons sind Mangelware. Getreidehändler in der Ukraine empfinden die polnische Zollabfertigung an der EU-Außengrenze als schleppend. Bis zu zwei Wochen fährt ein Zug nach Deutschland. Treis versteht den Warschauer Vorwurf nicht, dass ukrainisches Getreide in Polen verschleudert werde. "Ich habe kein Interesse daran, Dumping zu machen, wenn ich anderswo mehr erlösen kann."

Es sei einfach so, dass jede Getreidemenge in der EU die Preise für alle Bauern beeinflusse. Treis hofft auf Solidarität mit der Ukraine. "Alle EU-Staaten sind Mitglieder der Welthandelsorganisation WTO und haben sich dem Freihandel verpflichtet. Das sollte nicht nur gelten, wenn die Zeiten einfach sind", sagt er.

Situation der Betriebe kritisch

Wenn der Weizen aus diesem Sommer nicht bald verkauft wird, fehlt den Landwirten das Geld für Löhne und für Saatgut für die nächste Aussaat. Viele Betriebe sind in ihrer Existenz bedroht. "Die Situation ist für die Bauern, große und kleine, sehr kritisch", sagt auch der ukrainische Landwirt Alexander Felschun.

Er bewirtschaftet etwas mehr als 1000 Hektar im Dorf Bobryk bei Kiew. Sein Betrieb war im Frühjahr 2022 von russischen Soldaten besetzt. Sechs Traktoren und fünf Autos seien zerstört worden, sagt er. Die Felder habe er auf eigene Kosten von Minen räumen lassen.

Seinen Mais hat Felschun früher teils an ukrainische Hühnerfarmen verkauft, teils exportiert. In diesem Sommer sei die Maisernte wegen der langen Trockenheit mittelmäßig ausgefallen. Irgendwann, so hofft er, werde die Ausfuhr über das Schwarze Meer wieder wie früher möglich sein. "Wir wollen, dass der Krieg so schnell wie möglich aufhört. Jetzt sollten alle für den Sieg arbeiten."

© dpa-infocom, dpa:231020-99-633688/2

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