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Affäre um Zins-Manipulation:Ex-Barclays-Chef verzichtet auf umstrittenen Bonus

Abgang mit "goldenem Handschlag": Ex-Barclays-Chef Diamond verzichtet nach seinem Rücktritt auf Bonusleistungen. Dem Bankmanager, der über die Affäre um Manipulationen des Zinssatzes Libor stürzte, hätten bis zu 25 Millionen Euro zugestanden. Eine Abfindung erhält er dennoch.

Der wegen des Skandals um Zinsmanipulation zurückgetretene Barclays -Chef gibt sich demonstrativ bescheiden: Bob Diamond verzichtet nach seinem Rücktritt als Vorstandschef von Barclays auf Bonuszahlungen von bis zu 20 Millionen Pfund (etwa 25 Millionen Euro).

Former CEO of Barclays Plc Robert 'Bob' Diamond At Treasury Select Committee Hearing

Ex-Barclays-Chef Bob Diamond will auf noch ausstehende Boni verzichten, erhält aber etwa 2,5 Millionen Euro Abfindung.

(Foto: Bloomberg)

Diese Summe nannte der ebenfalls scheidende Verwaltungsratschef der britischen Großbank, Marcus Agius, bei seiner Anhörung vor einem Parlamentsausschuss in London, der sich um die Aufklärung der Affäre um manipulierte Marktzinsen bemüht. Diamond werde zur Abfindung aber ein Jahresgehalt sowie eine Sonderzahlung anstelle einer Pension erhalten, zusammen etwa zwei Millionen Pfund (knapp 2,5 Millionen Euro). Barclays bestätigte die Einigung.

In einer Mitteilung zitierte die Bank ihren früheren Chef mit den Worten, er hoffe sehr, dass Barclays das unrühmliche Kapitel nun schließen und nach vorne schauen könnte. "Das Fehlverhalten einiger weniger sollte nicht von der hervorragenden Arbeit ablenken, die die Barclays-Beschäftigten jeden Tag für ihre Kunden auf der ganzen Welt verrichten."

Diamond war einer der bestbezahlten Bankmanager der Welt, im vergangenen Jahr bekam er trotz schlechter Unternehmenszahlen ein Rekordgehalt von 17,7 Millionen Pfund. Agius musste sich deshalb vor wütenden Aktionären auf der Hauptversammlung im April entschuldigen. Diamond hatte sich daraufhin bereit erklärt, auf die Hälfte eines umstrittenen Bonus in Höhe von fast sechs Millionen Pfund zu verzichten.

Dass der 60-Jährige die ihm eigentlich zustehenden Bonuszahlungen für dieses Jahr nun nicht einfordert, wurde in der Londoner Downing Street mit Erleichterung aufgenommen. Zugleich mahnte Premierminister David Cameron aber einen grundlegenden Wandel in der Bankenkultur an.

In der vergangenen Woche traten sowohl Agius als auch Diamond wegen der Affäre um Manipulationen des Interbanken-Zinssatzes Libor zurück. Agius bleibt aber im Amt, bis ein Nachfolger für Diamond gefunden wird. Ende Juni hatte die Barclays-Bank zugesagt, wegen der Affäre eine Rekordstrafe von 290 Millionen Pfund (etwa 360 Millionen Euro) zu zahlen.

Bei dem Fall dürfte es allerdings nicht bleiben. Einer ganzen Reihe von internationalen Großbanken wird vorgeworfen, von 2005 bis 2009 den Libor-Zinssatz mit falschen Angaben manipuliert zu haben, um ihre tatsächlichen Refinanzierungskosten zu verschleiern. So hat die deutsche Bankenaufsicht Bafin etwa eine Sonderprüfung gegen die Deutsche Bank eingeleitet.

"Jauche-Grube"

Der Libor wird einmal täglich in London ermittelt und zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen. Er basiert auf individuellen Angaben der Institute und dient als Referenz für Kredite an Unternehmen, Privatpersonen und weitere Finanztransaktionen in einem Volumen von 360 Billionen Dollar.

Barclays hatte als erstes Geldhaus ein Fehlverhalten einiger Händler eingeräumt. Die Empörung in der Öffentlichkeit war groß, kochte aber erst recht hoch, als Diamond vor dem Parlamentsausschuss andeutete, sein Haus sei davon ausgegangen, dass die britische Notenbank - womöglich sogar mit Rückendeckung der Politik - falsche Angaben zur Ermittlung des Libor-Satzes gutheiße. Mit dem Niedrighalten des Libor hätten gerade auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Herbst 2008 weitere Verwerfungen an den Kapitalmärkten verhindert werden sollen.

E-Mails nährten bei den Abgeordneten den Verdacht, es habe in Sachen Libor einen engen Austausch zwischen Banken und Aufsehern gegeben. Doch die Nummer zwei der Bank von England, Vize-Gouverneur Paul Tucker, wies diese Darstellung bei seiner Vernehmung im Ausschuss am Montagabend vehement zurück. Stattdessen bezeichnete er die Mauscheleien der Banken beim Libor als "Jauche-Grube". Die Notenbank habe davon nichts gewusst. Tucker wird als kommender Notenbank-Gouverneur gehandelt.

Auch Agius bestritt nun bei seiner Vernehmung, von den Zins-Manipulationen früh gewusst zu haben. Die Entscheidungen über den Libor-Satz seien von Managern unterhalb der ersten Führungsriege getroffen worden. Er habe das wahre Ausmaß der Affäre erst erkannt, als die Ermittlungen bereits fortgeschritten waren.

© Süddeutsche.de/AFP/Reuters/fran/hgn
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