Affäre bei EnBW:Brennelemente für 380 Millionen Euro

Das Treffen in Berlin löst im Nachhinein auch gehörige Zweifel daran aus, ob es in allen Teilen der deutschen Atom- und Energiebranche tatsächlich immer um integere Aktivitäten und Sicherheit als höchstes Gebot ging - wie in der Öffentlichkeit stets behauptet wurde. Zumal über den mutmaßlichen Drahtzieher vieler deutsch-russischer Geschäfte im Energiebereich immer neue Details ans Licht kommen: über den Ex-Diplomaten und angeblichen KGB-Agenten Bykow. Vertrauliche Unterlagen belegen, dass er auffallend oft mit am Tisch saß, wenn es um große Atomgeschäfte ging.

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Die Freude in Russlands Atomministerium über die Deals zwischen EnBW und Bykows Firma Eurepa war groß. Vize-Atomminister Valentin Iwanow hatte persönlich im September 2001 einen Dankesbrief nach Karlsruhe geschickt

(Foto: dpa)

Etwa im Jahr 2001. EnBW, Deutschlands drittgrößter Energiekonzern mit 17 Milliarden Euro Umsatz und 20.000 Beschäftigten, wollte damals nach SZ-Informationen im großen Stil an russische Brennelemente aus Beständen des Atomministeriums in Moskau kommen. Doch der Konzern fragte nicht etwa direkt in der Hauptstadt an, sondern beauftragte die Schweizer Mini-Firma Eurepa von Andrej Bykow mit Sitz im Steuerparadies Zug damit, zwei gigantische Geschäfte einzufädeln.

Bykows Firma sollte in Russland Brennelemente im Gesamtwert von 380 Millionen Euro besorgen. EnBW bestätigte auf Anfrage die Existenz der entsprechenden Lieferverträge. Bislang hat EnBW das Volumen der Zusammenarbeit mit Bykow auf 280 Millionen Euro beziffert. Tatsächlich wurden über ihn wohl Geschäfte über mehr als 400 Millionen Euro eingefädelt.

Würden internationale Atomkontrollbehörden mitspielen?

Für den Karlsruher Energie-Multi wird der Fall Bykow damit immer brisanter. Zahlreiche Verträge belegen, dass Bykows Firmen eine viel wichtigere Rolle für EnBW gespielt haben, als bislang bekannt. Selbst intern wunderten sich Mitarbeiter 2001 über die gigantischen Ausmaße der Kooperation: Das hohe Beschaffungsvolumen aus russischen Quellen sei eine deutliche Abkehr der bisherigen Strategie, warnten Prüfer. Es seien "35 Prozent der gesamten EnBW-Stromversorgung von einem Brennstofflieferanten abhängig", steht in ihrem Bericht.

Offen sei, ob internationale Atomkontrollbehörden da mitspielen würden. EnBW schloss dennoch mit Bykow ab. Nur knapp drei Seiten lang ist der Vertrag über einen 170 Millionen-Euro-Deal zwischen der EnBW-Kraftwerkstochter KWG und Eurepa. Selbst Gebrauchtwagenkäufer bauen mehr Klauseln zur eigenen Sicherheit ein als der Energieriese bei einem Atomgeschäft.

Alles koscher? Selbst Rechtsberater von EnBW hatten da so ihre Zweifel. Die Verträge liefen noch, der Konzern hatte längst 34 Millionen Euro Vorauszahlung geleistet, da warfen Juristen einer beauftragten Kanzlei in einer Expertise im März 2005 bohrende Fragen auf. Man könne nicht erkennen, ob es bei den Zahlungen an Eurepa letztlich vielleicht um verdeckte Zahlungen an Entscheidungsträger bei Minatom ging - dem russischen Atomministerium. Im Klartext: Im Raum stand der Verdacht der Bestechung russischer Amtsträger.

Wem also klagte Russlands Spitzenpolitiker Bogomolow da in Berlin sein Leid über die Zustände im eigenen Land? Saßen womöglich Akteure mit am Tisch, die daran einen eigenen Anteil hatten? EnBW weist jeden Verdacht zurück: "Sämtliche abgeschlossenen Verträge waren rechtmäßig." Die beiden Verträge über Brennstofflieferungen seien erfüllt, beziehungsweise einvernehmlich beendet worden. Alles völlig in Ordnung?

Persönlicher Dankesbrief aus Russlands Atomministerium

Daran hatten bei EnBW selbst hauseigene Prüfer ihre Zweifel. Zumal der Aufsichtsrat der Tochterfirma EnKK, der Geschäfte ab 2,5 Millionen Euro hätte absegnen müssen, eine kritische Prüfung der Verträge beim Abschluss wohl nicht hat vornehmen können. Offenbar bekam er die Kontrakte nicht mal zu sehen. "Eine förmliche Zustimmung des EnKK-Aufsichtsrats zum Liefervertrag ist nicht ersichtlich", notieren die verdutzten Prüfer 2009. Bykows Anwalt äußert sich nicht zu den neuen Informationen.

Die Freude in Russlands Atomministerium über die Deals zwischen EnBW und Bykows Firma Eurepa war groß. Vize-Atomminister Valentin Iwanow hatte persönlich im September 2001 einen Dankesbrief nach Karlsruhe geschickt: Die Entscheidung, die Eurepa mit der Interessenvertretung gegenüber dem Ministerium zu beauftragen, sei genau richtig und könne "zu einer Festigung unserer Zusammenarbeit führen". Sogleich deutete die Behörde an, dass dies "zu einer Steigerung des Handelsumsatzes in den nächsten zwei bis drei Jahren mit EnBW um das 2,5-fache und den Unternehmen des Ministeriums der Russischen Föderation für Atomenergie führen" könnte.

Ein Ministerium sagt Danke. Eines, dem Dubioses nicht fremd war. Ex-Atomminister Jewgeni Adamow wurde im Mai 2005 in der Schweiz verhaftet und 2008 in Russland in anderer Sache verurteilt. Wegen Untreue und Amtsmissbrauch.

© SZ vom 17.06.2012/rela
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