Ärger um die aufgelöste Advance Bank "Alles nur vorgegaukelt"

Die Dresdner Bank zahlte zwar Abfindungen an entlassene Mitarbeiter — aber unter falschen Voraussetzungen, sagen viele und gehen vor Gericht.

Von Von Kristina Läsker

Es ist nicht allzu lange her, da hegten die Verantwortlichen der Münchner Allianz AG große Pläne für die Advance Bank. Die Tochter der Dresdner Bank - beide Institute wurden von dem Finanzriesen im Jahr 2001 übernommen - sollte ein wichtiger Teil im künftigen Allfinanz-Konzern werden.

Im November letzten Jahres übernahm die Dresdner Bank alle Funktionen der Advance Bank — auch den Ärger mit den Ehemaligen.

(Foto: Foto: ddp)

Einst große Pläne - doch dann ...

Zunächst war vorgesehen, das Beratungsangebot der Direktbank massiv auszubauen: Das geplante Investitionsvolumen belief sich auf bis zu 700 Millionen Euro. Doch dann begannen sich die Versicherungsleute zu sorgen, das Projekt könnte zu teuer kommen. Vor gut einem Jahr folgte eine Kehrtwende in Form des Beschlusses, die Advance Bank aufzulösen.

Das ist mittlerweile geschehen, und geblieben sind viele Verlierer. 900 Mitarbeiter mussten bei Schließung den Arbeitsplatz aufgeben — 400 von der Advance Bank, 500 von der im Aufbau befindlichen Advance Finanzplanung. "Die haben uns rausgesetzt, nachdem sie unser Know-how abgezapft haben", klagt ein ehemaliger Banker, der mehrere Mitarbeiter führte. Wie vielen anderen wurde ihm im Herbst 2003 eine Auflösung des Vertrages nahe gelegt. Wie viele andere erhielt er eine nur "mäßige" Abfindung. Enttäuscht ist er noch immer.

Prozesstermin am Freitag

Nicht alle gaben sich zufrieden. Mehr als 100 ehemalige Advance-Banker, die meisten von der Finanzplanung, hatten Klage vor Arbeitsgerichten eingereicht. Mehr als die Hälfte von ihnen habe anschließend einen Vergleich geschlossen, sagt der zuständige Anwalt Martin Pröpper. Dahinter steht der Vorwurf: Die Sozialpläne seien falsch berechnet, die Abfindungen zu niedrig.

Ein Prozess, der Modellcharakter für weitere Entscheidungen haben dürfte, geht an diesem Freitag vor der 3. Kammer des Arbeitsgerichts München in die entscheidende Phase (Az. Ca 145 13/03). Geladen ist der ehemalige Vorstand der Advance Holding AG, Thomas Pleines, inzwischen Vorsitzender der Geschäftsleitung der schweizerischen Allianz-Tochter Allianz Suisse, sowie der ehemalige Vertriebsvorstand Peter Stober. Ebenfalls vorgeladen: der damalige Betriebsratsvorsitzende der Advance-Gruppe, Anton Kopleder. Alle haben entscheidend an den Sozialplänen mitgestrickt.

Ansprüche klären

Der Vorsitzende Richter Christian Neumaier sagte auf Anfrage der SZ, er wolle mit Hilfe der Zeugen vor allem die Ansprüche aus den Sozialplänen klären. Die Parteien streiten laut Neumaier darüber, an welchem Grundgehalt sich die Abfindungen orientieren dürfen. Anwalt Pröpper möchte nach eigenen Worten dagegen "etwas Grundlegenderes" klären, nämlich ob es sich bei der Schließung der Advance Bank um eine Stilllegung oder um einen Betriebsübergang gehandelt hat.

Ist die Direktbank stillgelegt worden, so wie es Allianz und Dresdner Bank behaupten, dann hätte den Mitarbeitern kurzfristig gekündigt werden dürfen - so, wie es die Firmen bei vielen Mitarbeitern taten. Handle es sich um einen Betriebsübergang, also eine Weiterführung der Geschäfte durch die Dresdner Bank, dann "hätte man die Advance-Bank-Mitarbeiter nicht betriebsbedingt vor die Tür setzen dürfen", argumentiert der Rechtsanwalt.

Gezielte Kundenstamm-Übernahme

Die Folge laut Pröpper: Alle Mitarbeiter hätten einen Bestandsschutz von einem Jahr in Anspruch nehmen können. "Viele Abfindungen wären höher ausgefallen", mutmaßt er. Für den Anwalt, der für die Kanzlei Ulrich Weber&Partner mehr als 120 Ex-Mitarbeiter verteidigt, handelt es sich nur um eine "vordergründige Betriebsschließung".

Pröppers Argumentation: Die Dresdner Bank habe gezielt die 300.000 Kunden von der Advance Bank und weitere 20.000 Kunden von der Advance Finanzplanung übernommen, immerhin eine knapp zehnprozentige Erweiterung des Dresdner-Kundenstammes.

Dadurch habe die Bank de facto die Geschäfte weitergeführt. "Durch diese Übernahme wurde die Dresdner Bank der neue Arbeitgeber der Advance-Bank-Mitarbeiter und trägt die Verantwortung", argumentiert Pröpper. Bisher sei auch immer die Dresdner Bank aufgekommen, wenn seine Mandanten zusätzlich zur Abfindung Geld aus den gerichtlichen Vergleichen erhalten hätten. Für Pröpper der Beweis, dass die Bank verantwortlich ist.

Kunden heftig umworben

Die Dresdner Bank wollte im Hinblick auf das laufende Verfahren diese Vorwürfe nicht kommentieren. Ein Sprecher sagte auf Anfrage: "Natürlich haben wir den Kunden angeboten, zu uns zu wechseln." In früheren Stellungnahmen hatte das Geldhaus allerdings mehrmals erklärt, dass es die Kunden der Advance-Gruppe auf keinen Fall gezielt herübergezogen habe.

In Kontrast zu dieser zurückhaltenden Darstellung steht der hohe Marketing-Aufwand, mit dem die Bank den Wechsel vorangetrieben hat: Bis zu zehn Briefe flatterten Advance-Bank-Kunden im November und Dezember 2003 ins Haus. Dresdner-Bank-Vertreter vereinbarten Telefongespräche, und in der Filiale warteten Allianz-Vertreter auf die Kunden, um ihnen Versicherungen zu verkaufen.

Menschlich enttäuscht

Vielen Mitarbeitern geht es aber nicht nur um die Höhe der Abfindungen. Sie sind enttäuscht vom Vorgehen von Allianz und Dresdner. "Noch im Frühjahr 2003 hat man viele von uns gebeten zu bleiben", sagt der Ex-Mitarbeiter. Drei Monatsgehälter als Bleibeprämie habe die Dresdner vielen Wissensträgern geboten, Stellen seien glaubwürdig versprochen worden.

"Alles nur vorgegaukelt. Die wollten bloß, dass wir das sinkende Schiff nicht zu früh verlassen", sagt der Ex-Banker, in dessen Abfindungsvertrag festgeschrieben ist, dass er offiziell zu den Vorgängen schweigen muss.

Das Schlimmste sei die monatelange Unsicherheit gewesen. "Die haben uns so lange hingehalten." Erst im Herbst 2003 habe der Vorstand bei einer Betriebsversammlung einen Auflösungsplan vorgestellt. Da hätten die letzten verstanden, dass man sie nicht wirklich halten wollte. Geschafft hätten es bei der Advance Bank nur wenige, erzählt der Mitarbeiter. 25 bis 30 Vermögensberater seien nun bei der Dresdner Bank angestellt. Sie kümmern sich ausschließlich um die reichen Kunden.