Die meisten Ägypter begingen am Wochenende die Feiertage zum Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan, nicht einmal die Zeitungen erschienen. Da ging es fast unter, dass die Regierung per Veröffentlichung im Amtsblatt am Samstag saftig die Preise für Benzin, Diesel und Gas erhöht hat, das viele Menschen zum Kochen nutzen, Taxis aber auch als Treibstoff. Ziel ist es, die Subventionen zu senken. Die Regierung hat einen entsprechenden Stufenplan mit dem Internationalen Währungsfonds IWF vereinbart, als dieser dem Land am Nil Ende 2016 einen Kredit über zwölf Milliarden Dollar gewährte.
Ägypten taumelte damals einer Staatspleite entgegen und konnte sie nur abwenden, indem die Zentralbank den Wechselkurs des künstlich gestützten Pfunds freigab; es hat seither gegenüber dem Dollar oder dem Euro mehr als die Hälfte seines Wertes eingebüßt. Für die Mittelschicht war das wie eine kalte Enteignung. Die Regierung musste im Ausland Kredite aufnehmen, um die auf knapp 16 Milliarden Dollar geschrumpften Devisen-Reserven aufzufrischen. Gerade noch acht Wochen hätte der größte Weizen-Importeur der Welt damit die wichtigsten Einfuhren bestreiten können. Die Inflation überstieg 2017 zeitweise die 30 Prozent-Marke.
Wer das Geld dafür hat, sucht nach einer Möglichkeit auszuwandern
Nun schmückt sich die Regierung mit positiven volkswirtschaftlichen Indikatoren, das Wachstum soll fünf Prozent übersteigen, die Inflation ging auf 13,3 Prozent zurück. Präsentiert wurden sie pünktlich zur Präsidentenwahl im März, bei der Abdelfattah al-Sisi ohne ernst zu nehmenden Gegenkandidaten im Amt bestätigt wurde. Er hat Sicherheit versprochen, vor allem aber einen Wirtschaftsaufschwung.
Viel ist auch bei deutschen Politikern von Stabilität in Ägypten die Rede, doch die vermeintliche Ruhe trügt: Immer mehr Ägypter können sich das Leben kaum noch leisten. Die Wut wächst. Während den Armen nichts bleibt als auszuharren, suchen gerade viele der jungen und gut ausgebildeten Angehörigen der schrumpfenden Mittelklasse nach Möglichkeiten auszuwandern - Migrationsforschern und auch den Geheimdiensten gilt derlei Abwanderung als Frühindikator für Massenmigration.
Diesel und die billigste Benzin-Sorte verteuerten sich jetzt um die Hälfte auf umgerechnet 27 Euro-Cent pro Liter, Sprit mit 92 Oktan kostet 33 Cent, 35 Prozent mehr. Für eine Flasche Gas zum Kochen müssen die Menschen statt 30 jetzt 50 Pfund bezahlen, umgerechnet 2,40 Euro. Das hört sich zunächst wenig an, aber es war bereits die vierte Preiserhöhung seit 2014.
Laut dem staatlichen Statistikamt lebten bereits vor der Pfund-Abwertung 27,8 Prozent der Ägypter unter der Armutsgrenze - seither gibt es keine offiziellen Zahlen mehr. Wissenschaftler schätzen, dass der Anteil auf mindestens 35 Prozent gestiegen ist. Zudem hat die Regierung jüngst erst die Strompreise zum Juli zwischen 20 Prozent und bis zu zwei Drittel erhöht, Leitungswasser, wo es verfügbar ist, kostet bis zu 45 Prozent mehr.
Die Preiserhöhungen bei Sprit und Strom schlagen durch auf die Nahrungsmittelpreise, wobei Grundnahrungsmittel wie Brot weiter subventioniert werden. Auch der öffentliche Nahverkehr, auf den die Menschen vor allem in der Hauptstadt angewiesen sind, wird teurer. Die Ticketpreise der Metro in Kairo hatte die Regierung bereits vor Beginn des Ramadan um bis zu 300 Prozent angehoben. Damals brachen sich im Vorort Helwan Proteste von einigen Hundert Menschen Bahn. Nun regt sich bei einigen wenigen oppositionellen Abgeordneten Widerstand. Insgesamt aber sorgen das extrem restriktive Protestgesetz und die rigorosen Sicherheitskräfte dafür, dass es nicht zu größeren Demonstrationen kommt - die Menschen haben schlicht Angst, öffentlich zu protestieren.
Wie sehr die Stimmung kocht, ist in Jordanien zu beobachten, wo Zehntausende gegen eine geplante Steuerreform und Preiserhöhungen auf die Straße gingen. Ähnliche, zum Teil mit Ausschreitungen verbundene Proteste hat es in den vergangenen Monaten in Tunesien und Marokko gegeben. Bei allen Unterschieden zwischen diesen Ländern, die strukturellen Probleme ähneln sich: hochdefizitäre Budgets, bedingt durch erhebliche Subventionen und einen hohen Anteil Staatsbediensteter, deren Gehälter und Pensionen die Staatsausgaben zunehmend belasten. Gerade hat Ägypten die Altersbezüge um 15 Prozent erhöht. Für Subventionen, Gehälter und Pensionen sowie Schuldendienst und Zinsen gibt Ägypten heute schon mehr als 75 Prozent des offiziellen Budgets aus, und die beiden letztgenannten Posten werden in wenigen Jahren signifikant steigen. Die Subventionen fressen im kommenden Haushaltsjahr noch immer mehr als neun Milliarden Euro auf. Für Investitionen bleiben gerade einmal 7,1 Milliarden Euro, und das ist eine Steigerung um 43 Prozent.
Verschärft wird die Situation durch das starke Bevölkerungswachstum. In Ägypten ist heute jeder zweite Einwohner unter 20 und zwei Drittel unter 30. Die Bevölkerung, offiziell 98 Millionen, wächst derzeit laut Weltbank um 2,02 Prozent pro Jahr, die Sterbefälle eingerechnet - der Staat muss für etwa 2,5 Millionen neue Bürger pro Jahr grundlegende Dienstleistungen bereitstellen, und dabei geht es nicht nur um Schulen.
Zwar prognostiziert die Weltbank Ägypten 5,2 Prozent Wirtschaftswachstum für 2018, das höchste der Region. Doch muss selbst laut dem staatlichen Statistikamt das Wirtschaftswachstum drei mal so hoch sein wie das der Bevölkerung, um zu verhindern, dass sich der Lebensstandard verschlechtert; westliche Diplomaten in Kairo sagen sogar, dass 7,5 Prozent Wirtschaftswachstum nötig wären, um nur das Bevölkerungswachstum auszugleichen.
Ägypten muss heute bereits 700 000 neue Arbeitsplätze pro Jahr bereitstellen, um die nachwachsende Generation zu versorgen. Die Arbeitslosenrate, offiziell bei 11,8 Prozent, liegt in der Altersgruppe zwischen 15 und 29 Jahren mehr als doppelt so hoch bei 24,8 Prozent, unter Universitätsabsolventen sogar bei mehr als 30 Prozent.
In Jordanien ist sie mit 18 Prozent noch höher, übersteigt bei Studienabsolventen 50 Prozent, ein massives Problem auch in Tunesien, wo 15,5 Prozent der Menschen ohne Arbeit sind. Allerdings ist in all diesen Ländern der Anteil der informellen Wirtschaft hoch, schon Menschen die wenige Stunden pro Woche arbeiten, ohne davon ein Auskommen zu haben, fallen aus der Statistik.
Während des Arabischen Frühlings forderten die Demonstranten in Tunis oder auf dem Tahrir-Platz in Kairo: "Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit!" Brot gibt ihnen die Regierung, aber von sozialer Gerechtigkeit sehen sich viele heute weiter entfernt als damals. Und während es in Tunesien zumindest eine leidlich funktionierende Demokratie gibt, ist in Ägypten Freiheit längst wieder ein ferner Traum.