Covestro:Arabischer Ölkonzern will Dax-Unternehmen kaufen

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Covestro-Zentrale in Leverkusen: Der Dax-Konzern könnte arabisch werden. (Foto: Hans-Peter Marschall/IMAGO/imagebroker)

Der Kunststoffhersteller Covestro hat ehrgeizige Klimaschutzziele. Ausgerechnet diese Firma soll nun von einem Öl- und Gasförderer aus den Emiraten übernommen werden. Beide Seiten beginnen jetzt konkrete Verhandlungen.

Von Björn Finke, Düsseldorf

Nach einem Jahr unverbindlicher Gespräche wird es nun ernst: Das Dax-Mitglied Covestro beginnt konkrete Verhandlungen über einen Kauf durch den Staatskonzern Adnoc aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das teilte der Leverkusener Kunststoffhersteller am Montag mit. Adnoc – die Abu Dhabi National Oil Company – hat bereits im Frühsommer vorigen Jahres ihr Interesse bekundet; im September begannen dann ergebnisoffene Gespräche, wie es hieß. Jetzt hat das Öl- und Gasunternehmen seine Offerte auf 62 Euro je Aktie erhöht. Dies ebnete offenbar den Weg dafür, Covestros Bücher prüfen zu dürfen und detaillierte Verhandlungen zu starten.

Das Angebot bewertet Covestro mit 11,7 Milliarden Euro. Es wäre die teuerste Übernahme einer europäischen Firma durch einen arabischen Käufer. Und es wäre das erste Mal, dass ein Dax-Unternehmen von einem arabischen Konzern geschluckt wird. Covestro-Chef Markus Steilemann – zugleich Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) – begründete den Schritt damit, dass die Firma in den „Gesprächen mit Adnoc gute Fortschritte erzielt“ habe. Der Mitteilung von Covestro zufolge ließen die Gespräche den Schluss zu, dass eine Einigung bei wichtigen Themen möglich sei – etwa der Frage, wie die Araber die Wachstumsstrategie der Leverkusener künftig unterstützen werden. Ob die Verhandlungen zu einem Erfolg führen, sei aber ungewiss.

Covestro wurde 2015 vom Bayer-Konzern abgespalten. Das Unternehmen mit weltweit 17 500 Beschäftigten stellt zum Beispiel Schaumstoffe für Autositze her oder Harze für die Rotorblätter von Windkraftanlagen. Die Firma verfolgt dabei ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele. Bis 2035 will der Konzern klimaneutral arbeiten, zudem investiert er in Recycling-Lösungen und in Technologien, um seine Produkte künftig ohne den Einsatz von Öl und Gas herstellen zu können.

Adnoc dagegen ist ein Öl- und Gasförderer. Das Interesse an Covestro wirkt daher zunächst seltsam. Doch tatsächlich passt es gut zur Strategie von Firmenchef Sultan Ahmed Al Jaber. Denn der will das Staatsunternehmen unabhängiger von der Öl- und Gasförderung machen und stattdessen das Chemiegeschäft ausbauen. Das ist ein naheliegender Schritt, schließlich verarbeitet diese Branche Öl und Gas. Al Jaber versuchte bereits, den größten lateinamerikanischen Petrochemiekonzern Braskem zu kaufen, aber das scheiterte. Daneben verhandeln Adnoc und das österreichische Unternehmen OMV über eine Fusion ihrer Petrochemie-Töchter.

Die Araber investieren auch in Wasserstoff

Zugleich investiert Adnoc in grüne Energie, etwa in die klimafreundliche Erzeugung von Wasserstoff. Dafür ist Ökostrom nötig – und für Solarparks bieten die Emirate beste Bedingungen. Covestro verarbeitet bisher noch Öl und Gas in seinen Produkten, doch künftig wollen die Leverkusener ja klimafreundlich fertigen und wären dann auch auf Wasserstoff-Lieferungen angewiesen. Der könnte von Adnoc stammen.

Adnoc teilte mit, man begrüße die Entscheidung Covestros, in konkrete Verhandlungen einsteigen zu wollen. Die Offerte von 62 Euro bezeichnete das Unternehmen als „final“. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg erteilte die Regierung dem Adnoc-Management erst in den vergangenen Tagen die Erlaubnis, die Offerte auf diesen Betrag zu erhöhen.

Der Aktienkurs von Covestro stieg am Montag zwischenzeitlich um mehr als sieben Prozent auf 55 Euro. Auf diesem Niveau lag die Notierung auch vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Danach sank sie deutlich; im Spätsommer 2022 kostete der Anteilsschein weniger als 30 Euro. Covestro leidet wie andere Chemiefirmen auch unter den gestiegenen Energiepreisen in Deutschland und der schwachen Weltkonjunktur.

Die niedrigen Kurse sind attraktiv

Dieser Kursverfall macht Übernahmen billiger. Matthias Zachert, der Chef des Kölner Spezialchemiekonzerns Lanxess, warnte deshalb schon im vergangenen Jahr, dass Adnocs Interesse an Covestro ein Alarmsignal sei: „Durch die Standortnachteile sind viele deutsche Chemieunternehmen an der Börse geschwächt und können so leicht in den Fokus ausländischer Investoren geraten.“

Covestro-Chef Steilemann klagt als Präsident des Chemieverbands selbst gerne über die Schwächen des Standorts Deutschland: neben den hohen Energiekosten etwa die Bürokratie. In einem Interview vorige Woche machte er zudem klar, was ihm bei den Gesprächen mit Adnoc wichtig ist: dass Covestro seine Strategie umsetzen könne und der Konzern weiter auf Kreislaufwirtschaft und das Erreichen der Klimaziele ausgerichtet sei.

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