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Textilbranche:Aus der Mode

Insolvenzantrag der Adler ModemâÄ°rkte AG Wegen des Lockdown hat die Modekette Adler einen Insolvenzantrag gestellt. *** A

Ein leerer Laden von Adler: Das Unternehmen leidet enorm unter der Corona-Krise.

(Foto: Bernd Günther /imago images)

Der Billig-Modehändler Adler mit seinen etwa 3350 Mitarbeitern stellt Insolvenzantrag. Kein Einzelfall: In der Pandemie werden die jahrelangen Probleme der deutschen Textilindustrie sichtbar.

Von Caspar Busse, München

Die Modebranche hat es in der Corona-Krise ganz besonders erwischt. Die Umsätze im deutschen Einzelhandel sind im Pandemie-Jahr 2020 nach Angaben des Statistischen Bundesamts zwar insgesamt um nominal 5,3 Prozent gestiegen, so stark wie seit 1994 nicht mehr. Doch im Textilhandel kam davon nichts an. Die Menschen kauften vieles, Möbel, Einrichtungsgegenstände und Lebensmittel, aber kaum Mode. Die Textilanbieter mussten im vergangenen Jahr einen Umsatzeinbruch von mehr als 20 Prozent hinnehmen. Die gesamte Klamottenbranche ist in der Krise.

Jetzt hat es die Adler-Modemärkte erwischt. Das Unternehmen aus der Nähe von Aschaffenburg hat Insolvenz beantragt. Der Grund: Überschuldung. Es sei nicht gelungen, frisches Geld von Investoren oder Staatshilfen zu bekommen. "Die erneute coronabedingte Schließung fast aller Standorte hat uns leider keine andere Wahl gelassen", sagte Vorstandschef Thomas Freude. Es sei ein Gutachter damit beauftragt worden zu prüfen, ob die Abwicklung einer Insolvenz in Eigenverantwortung möglich sei, teilte der zuständige Insolvenzrichter mit. Der Geschäftsbetrieb soll zunächst weitergeführt werden.

Adler ist kein Einzelfall. In der Corona-Krise haben bereits mehrere Textilhändler und -hersteller Insolvenz angemeldet, darunter Galeria Karstadt Kaufhof, Escada, Hallhuber, Bonita und Appelrath Cüpper. Andere haben schwer zu kämpfen. In der Krise ist Mode kaum gefragt, viele arbeiten zu Hause und brauchen kein neues, teures Outfit. Gleichzeitig mussten hohe Rabatte gewährt werden, damit überhaupt etwas verkauft wird. Die Lager der Modehändler sind voll, der Absatz schleppend.

Bereits vor dem Krisenjahr 2020 hätten Modehersteller und Modehandel in Deutschland erheblich unter Druck gestanden, schreibt die Beratungsfirma PWC in einer aktuellen Untersuchung. "Covid-19 hat die ohnehin angespannte Situation der Modebranche deutlich verschärft. Eine Erholung ist nur langsam zu erwarten", sagt Patrick Ziechmann, Partner bei PWC Deutschland. Die Anzahl der Betriebe in der Bekleidungsbranche sei zwischen 2010 und 2019 bereits um fast ein Drittel zurückgegangen. Schon 2019 sei der Umsatz der deutschen Bekleidungshersteller um 2,6 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro gesunken, der durchschnittliche Umsatz pro Kunde sei hierzulande seit Jahren rückläufig. "Marktteilnehmer ohne strategische Neuausrichtung" würden verschwinden, nur wer "die anspruchsvolle Kundschaft mit einem einzigartigen und nahtlosen Einkaufskonzept" begeistere, könne bestehen, stellen die Experten fest. Die Pandemie wirke jetzt als Beschleuniger für die dringend notwendige Transformation der Branche und als Katalysator für neue Geschäftsmodelle.

Die Aktie fiel am Montag um 70 Prozent

Für den Billig-Modehändler Adler hat bis zuletzt die Fernsehmoderatorin Birgit Schrowange, 62, geworben. Sie sollte vor allem etwas ältere Kundinnen ansprechen, doch genutzt hat das wenig. Adler hat rund 170 Filialen, überwiegend in Deutschland, und beschäftigt etwa 3350 Mitarbeiter. Den ersten Lockdown im Frühjahr hatte die Firma noch mithilfe von Kurzarbeit und einem staatlich verbürgten Kredit überstanden. 45 Millionen Euro davon hatte das Unternehmen Ende Oktober gezogen. Der Umsatz schrumpfte in den ersten neun Monaten des Jahres 2020 um ein Drittel auf 239 Millionen Euro, der Nettoverlust wuchs auf 63 Millionen Euro an.

Allerdings hatte Adler schon 2019 rote Zahlen geschrieben. Der Mehrheitsaktionär S&E Kapital, der fast 53 Prozent der Aktien hält, versuchte bereits seit Monaten, die Beteiligung zu verkaufen. Hinter S&E stecken die seit gut vier Jahren insolvente Steilmann SE und der Finanzinvestor Equinox. Firmengründer Wolfgang Adler hatte sein Unternehmen Anfang der 1980er-Jahre an den Metro-Konzern verkauft. Später wechselte Adler mehrmals den Besitzer, unter anderem stiegen hintereinander mehrere Finanzinvestoren ein. Die Aktie fiel am Montag um 70 Prozent auf nur noch 70 Cent.

© SZ/vit
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