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Adidas:Vielfältige Probleme

Baustelle Diversität: Adidas sieht sich Rassismus-Vorwürfen ausgesetzt.

(Foto: Mary Altaffer/AP)

Adidas-Vorständin Karen Parkin muss gehen, weil sie Rassismus-Vorwürfe ihrer Mitarbeiter nicht ernst nahm. Was können Führungskräfte besser machen?

Von Felicitas Wilke

Letztlich gab womöglich nicht das Wort den Ausschlag, das sie gesagt hat, sondern das, was sie nicht gesagt hat. Am Dienstag gab der Sportartikelhersteller Adidas bekannt, dass Karen Parkin, Personalchefin und Mitglied des Vorstandes, das Unternehmen nach insgesamt 23 Jahren verlassen wird. Ihr sei klar geworden, dass es besser sei, "wenn ich mich zurückziehe und den Weg für einen Wandel bereite", ließ sich Parkin zitieren.

Vorausgegangen waren dem Rücktritt Proteste schwarzer Mitarbeiter, vor allem am US-Standort in Portland. Schon vor einem Jahr hatte es Kritik gegeben, weil dort nur 4,5 Prozent der Angestellten schwarz seien, es unter den Führungskräften kaum Schwarze gebe und sich Beschäftigte diskriminiert fühlten. Bei einer Mitarbeiterversammlung der Tochter Reebok soll die Britin Parkin diese Vorwürfe noch vergangenes Jahr als "noise" abgetan haben, als "Lärm", der nichts mit Adidas zu tun habe.

Die Kritik vieler Mitarbeiter an dieser Aussage flammte nun im Zuge der "Black-Lives-Matter"-Proteste erneut auf. Der Konzern aus Herzogenaurach gab daraufhin Fehler zu. Adidas kündigte unter anderem an, ein Komitee für Inklusion und Gleichberechtigung etablieren zu wollen, künftig 30 Prozent der Stellen in den USA mit Schwarzen oder Latinos zu besetzen und deren Anteil in Führungspositionen in den nächsten fünf Jahren auf zwölf Prozent zu erhöhen.

Bei Adidas heißt es, dass die allermeisten schwarzen Mitarbeiter diese Maßnahmen positiv aufgenommen hätten. Doch offenbar gingen sie anderen nicht weit genug: Der New York Times zufolge hatten einige schwarze Angestellte kritisiert, dass zwischen all den Absichtserklärungen eine klare Entschuldigung für diskriminierende Handlungen gefehlt habe. Parkins hatte zwar um Verzeihung für ihre verunglückte Wortwahl gebeten, allerdings mit dem relativierenden Zusatz, sie entschuldige sich, "sollte ich jemanden beleidigt haben." Dass sich der Konflikt bei Adidas zuletzt vor allem an Karen Parkin und ihrer Lärm-Aussage entbrannte, dürfe nicht davon ablenken, dass Rassismus ein strukturelles Problem in vielen Unternehmen sei, sagt Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Es sei zwar sinnvoll, bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter und Führungskräfte auf Vielfalt zu achten. "Aber es kann auch nicht sein, dass man sich jetzt Schwarze ins Unternehmen holt, um die Probleme der Weißen zu lösen", sagt Della. An dem Problem, dass viele die Wut und die Sorgen ihrer Belegschaft offenbar nicht ernst genug nehmen, müssten sie schon selbst arbeiten.

Karen Parkin - Pressebild adidas

Karen Parkin, 55, hat insgeamt 23 Jahre bei Adidas gearbeitet. Begonnen hatte sie als Sales Manager und sich dann ständig nach oben gearbeitet. Ihre Karriere begonnen hatte sie bei Lego.

(Foto: oh)

Kathrin Mahler Walther sieht das ähnlich. Sie ist Geschäftsführerin beim EAF Berlin, das Organisationen zu Themen Vielfalt und Chancengleichheit berät. Sie sagt: "Nur wenn Führungskräfte sich aktiv damit auseinandersetzen, dass sie blinde Flecken haben, können sie die Kultur im Unternehmen verändern." Einen Anti-Rassismus-Workshop zu belegen sei gut, aber noch wichtiger sei es, anschließend stets die eigenen "Begrenzungen im Denken" zu hinterfragen.

Solche unbewusste Denkmuster können etwa dazu führen können, dass Personaler eher einem Bewerber als eine Bewerberin technische Expertise zutrauen oder einer schwarzen Kandidatin eine weiße vorziehen. Wenn Beschäftigte von Rassismus und diskriminierenden Erfahrungen berichten, müssten ihre Vorgesetzten ihnen zwingend zuhören, "auch wenn sie selbst davon überzeugt sind, niemanden bewusst oder unbewusst zu benachteiligen", sagt Mahler Walther. Niemand dürfe als unbequem abgestempelt werden, weil er oder sie Missstände äußere.

Bei Adidas übernimmt interimsweise Vorstandschef Kasper Rorsted das Personalressort. Ihn habe sie noch während seiner Zeit bei Henkel als jemanden erlebt, "der Diversity wirklich ernst nimmt", sagt Mahler Walther. Davon wird er jetzt auch möglichst alle Menschen in der eigenen Belegschaft überzeugen müssen.

© SZ vom 02.07.2020

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