DesignRandale um die Sandale

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Huarache-Sandalen, wie sie traditionell im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca getragen werden. Weil Adidas den Stil der Sandale kopiert haben soll, wird dem Unternehmen kulturelle Aneignung vorgeworfen.
Huarache-Sandalen, wie sie traditionell im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca getragen werden. Weil Adidas den Stil der Sandale kopiert haben soll, wird dem Unternehmen kulturelle Aneignung vorgeworfen.
Jorge Plata/Reuters
  • Adidas wird vorgeworfen, bei der neuen Leder-Sandale "Oaxaca Slip-On" das Design traditioneller mexikanischer Huaraches kopiert zu haben.
  • Die mexikanische Regierung fordert eine Entschädigung und droht mit Klagen gegen Adidas und den Designer Willy Chavarria wegen "kultureller Aneignung".
  • Adidas entschuldigt sich öffentlich und verspricht einen respektvollen Dialog mit der Gemeinschaft von Yalálag.
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Adidas bedient sich für das Design des neuen Lederschuhs „Oaxaca Slip-On“ bei den traditionellen Huaraches aus Mexiko. Ist das „kulturelle Aneignung“? Jedenfalls entschuldigt sich Herzogenaurach – aber Mexiko will Geld sehen.

Von Gerhard Matzig

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Eine neue Sandale, ein neues Skandalon. Ein Schuh von Adidas: der „Oaxaca Slip-On“. Aus Leder ist die Sandale oben, aus Gummi unten. Oben feingliedrig gestaltet aus schmalen, kunstvoll ineinander verflochtenen Riemchen. Das ist der Mexiko-Anteil am Schuh. Und unten? Die Sohle sieht aus, als sei man versehentlich barfuß in einen in der Sonne geschmolzenen Riesenklumpen Kaugummi gestiegen. Oben Mexiko, fein. Unten Adidas aus Herzogenaurach, klumpig.

Insgesamt könnte man, da der Designer Willy Chavarria aus den USA stammt und auch selbst mexikanische Wurzeln hat, von einer kühnen Fusion am Fuß sprechen. Ein Shopping-Hit wird das Ganze sowieso. Auch wenn der Adidas-Shop die Suche nach der Oaxaca-Sandale aktuell so beantwortet: „Wir konnten keine passenden Ergebnisse finden.“ Zum Trost wird einem eine Adilette in Rosa offeriert. Übrigens einer der meistgefakten Schuhe der Welt. Derzeit ist der Kultbadelatschen aus den Siebzigerjahren die unangefochtene Nr. 1 unter allen Fashion-Produkten auf Amazon.

Sneaker-Spezialist Fabrice Le Goff schreibt auf seiner Homepage euphorisch über den Oaxaca: Der Slipper sei „eine eindrucksvolle Hommage an die mexikanische Kultur, ebenso trendig wie historisch“. Der Schuh „ist sowohl in der Tradition verwurzelt als auch perfekt auf die moderne urbane Ästhetik abgestimmt“. Für die Urbanität ist offenbar der Kaugummi zuständig. So oder so geht es aber um den Vorwurf der „kulturellen Aneignung“. Wenn sie im Raum steht, ist immer Alarm.

Der Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach soll das Design traditioneller Huarache-Sandalen aus dem südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca dreist kopiert haben. Huaraches: Das sind einfache Sommerschuhe, die aus einer flexiblen Sohle und einem Bindeband bestehen. In Mexiko wurden und werden sie von indigenen Völkern aus verschiedenen Materialien hergestellt.

Noch keine Sandale zuvor in der Weltgeschichte wurde so effektvoll beklagt

Wer schon mal in Mexiko war, weiß, dass die Huaraches an den Buden der Touristenorte hängen wie wuchernder Efeu. Es ist wie mit den spanischen Espadrilles, den niederländischen Klompen oder den bayerischen Haferlschuhen: Als typisch für eine Region wird das Ganze schick in einer globalen Vermarktungskette, die um die Welt geht. Kurze Frage: Ein Japaner auf dem Münchner Oktoberfest in Tracht und Haferlschuhen, die im Zweifel in Indien oder Südkorea hergestellt wurden: kulturelle Aneignung? Nein, eher: Fasching und Marktlogik. Um Letzteres geht es mindestens: auch.

Claudia Sheinbaum fordert Entschädigung von Adidas.
Claudia Sheinbaum fordert Entschädigung von Adidas.
IMAGO/Luis Barron

Weshalb, apropos Geld, die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum nun erbost zur Adidas-Piraterie sagt: „Es handelt sich um kollektives geistiges Eigentum. Es muss eine Entschädigung geben.“ Der mexikanische Abgeordnete Isaías Carranza meint auf Facebook, Adidas und Chavarria hätten sich das „einzigartige Design der traditionellen Huaraches aus dem Dorf Hidalgo Yalalag angeeignet“. Es geht um Stolz einerseits. Um Geld andererseits.

Weshalb auch der Gouverneur von Oaxaca, Salomón Jara Cruz, nun mit einer Klage gegen Chavarria droht. Oaxacas Kulturminister Flavio Sosa kündigt außerdem an, auch eine Klage gegen Adidas zu prüfen. Man kann sagen: Noch keine Sandale zuvor in der Weltgeschichte wurde so effektvoll beklagt und zum Politikum. Mit Ausnahme natürlich von Nikita Chruschtschows rechtem Schuh auf der UN-Vollversammlung 1960, bei der neben dem Thema der Entkolonialisierung auch die Begriffe „Speichellecker“, „Fatzke“ und „Imperialistenknecht“ eine Rolle spielten. Untermalt vom hämmernden Schuh. Legendär. Aber die Adidas-Sandale ist auch nicht ohne Lärm-Potenzial.

Man muss sich dazu zwar keine überlaut trötende Mariachi-Gruppe vorstellen, aber es hilft, sich klarzumachen, dass es nicht nur um Klischees geht – weder auf der empörungsbereit woken noch auf der empörungsbereit antiwoken Seite des nun in aller Welt beachteten Sandalen-Streits. Es geht um rechtliche, politische, moralische und ökonomische Fragen.

Der Designer Chavarria hat sich bereits entschuldigt. Er bedauert, seine Sneaker-Sandale „nicht in direkter Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft von Oaxaca“ entwickelt zu haben. Dass etwas, das „Oaxaca Slip-On“ heißt, auch etwas mit Oaxaca zu tun haben könnte, muss Chavarria überrascht haben. Das gilt auch für Adidas. Aus Herzogenaurach bekommt die SZ eine Mail. Darin heißt es: „Der ‚Oaxaca Slip-On‘ wurde von einem Design aus Oaxaca inspiriert, das in der Tradition von Villa Hidalgo Yalálag verwurzelt ist. Wir entschuldigen uns öffentlich und bekräftigen unsere Verpflichtung, mit Yalálag in einem respektvollen Dialog zusammenzuarbeiten, der ihr kulturelles Erbe würdigt.“

Wer sich ein bisschen zum Markenrecht auf der Plattform Anwalt.de informiert, stößt übrigens auf diesen Hinweis einer Kanzlei: „Abmahnung von Adidas erhalten? Bleiben Sie ruhig (...) das kann teuer werden. Die Spitz Legal Rechtsanwälte aus München verschicken regelmäßig sehr teure Abmahnungen im Auftrag der Adidas AG.“ Insofern hat Mexiko alles richtig gemacht. Aber was sagt das Markenrecht dazu? Und auf welcher Grundlage will Mexiko eigentlich Klage erheben?

Die Geschichte von Architektur, Literatur, Musik, Design: alles undenkbar ohne interkulturelle Einflüsse

Um das herauszufinden, telefoniert man mit Martin Wirtz von der Düsseldorfer Kanzlei Boehmert & Boehmert. Der promovierte Jurist ist Experte auf dem Gebiet des gewerblichen Rechtsschutzes. Er ist auch im Bereich der Patentverletzungsverfahren und im Wettbewerbs- und Urheberrecht tätig. Außerdem kann man sich mit ihm auch über die lange Geschichte der kulturellen Aneignung unterhalten. Möglicherweise haben sie ja schon die antiken Römer erfunden.

Wirtz erklärt, dass Mexiko erst vor wenigen Jahren ein Bundesgesetz verabschiedet hat, welches das kulturelle Erbe der indigenen und afro-mexikanischen Völker schützen soll. Wirtz: „Mexiko hat hier ein Recht sui generis geschaffen, da es im weitesten Sinn um den Schutz geistigen Eigentums geht.“ Und weiter: „Das Gesetz setzt keine persönliche Leistung voraus, wie die anderen Rechte, die erfinderische Tätigkeit für das Patent, die Schöpfungsleistung für das Design, sondern eher etwas Diffuses.“ Die Frage sei jetzt, „ob eine Sandale, die auch von anderen Unternehmen, auch in Deutschland angeboten wird, ein kulturelles Erbe oder ein gemeinschaftliches kulturelles Eigentum ist“.

Genau das macht den Fall nun so spannend, denn an sich ist es insbesondere für Modedesigner völlig normal, sich von verschiedenen Kulturen inspirieren zu lassen. Die halbe Kunstgeschichte, die Architekturhistorie, die Literatur, die Musik, die Geschichte des Designs: alles undenkbar ohne interkulturelle Einflüsse, die das kreative Schaffen seit jeher prägen. Wirtz sagt: „Schon in der Antike haben die Römer die Tempel der Griechen kopiert.“ Nur dass damals wohl kaum jemand geklagt hat vor Gericht. Heute besucht man die Tempel der Griechen und der Römer gern.

Adidas befindet sich in demütiger Mea-culpa-Haltung. Zu Recht, denn bei der kulturellen Aneignung geht es nicht allein um Aspekte der Wokeness, sondern auch um Geldwertes wie Dominanz, Hegemonie, Wirtschaftsmacht. Am Ende ist das Wort „Beute“ im Vorwurf des Ausbeuterischen und Aneignenden das entscheidende Wort. Sollte Mexiko nun tatsächlich erfolgreich klagen, könnte bald klar werden, ob auf die Welt der Mode und des Produktdesigns ein kleiner Klage-Tsunami zurollt.

Bis dahin kann man sich noch straffrei einen Toast Hawaii gönnen, erfunden in Deutschland in den Fünfzigerjahren von Clemens Wilmenrod, der vermutlich seinen Lehrer Hans Karl Adam beklaut hat – und möglicherweise sowohl die USA („Grilled Spamwich“) als auch Frankreich („Croque Monsieur“). Nur mit Hawaii hatte all das nichts zu tun.

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