Süddeutsche Zeitung

Hauptversammlung:Unmut über Multi-Aufsichtsräte bei Adidas

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Kann sich der Vorsitzende bei so vielen Ämtern noch auf seinen Job bei Adidas konzentrieren? Das werfen einige Aktionäre Thomas Rabe vor. Doch der pariert alle Vorwürfe - und hört nächstes Jahr sowieso auf.

Von Uwe Ritzer, Fürth

Björn Gulden pries gerade die neuesten Lauf- und Fußballschuhmodelle von Adidas, als ihn laute Zwischenrufe unterbrachen. Tierschutzaktivisten bauten sich vor dem Podium in der Fürther Stadthalle auf, um die Verwendung von Känguru-Leder bei der Schuhproduktion verbal und plakativ zu kritisieren. "Sie müssen nicht schreien", antwortete Vorstandschef Gulden ruhig, "wir töten keine Kängurus."

Gerne könne man darüber im weiteren Verlauf der Hauptversammlung diskutieren. Dann griff Thomas Rabe ein, Aufsichtsratschef von Adidas und als solcher Versammlungsleiter. Man möge doch Rednerbeiträge ordnungsgemäß anmelden und vom Rednerpult aus halten, sagte er zu den Aktivisten. Dann war erst einmal Ruhe.

Damit setzte Rabe gleich zu Beginn den Ton für die Hauptversammlung, in deren Vorfeld spekuliert würde, er selbst könnte dort ein großes Reizthema werden. Viele Investoren und Aktionärsvertreter kritisieren schon länger, dass der Chef des Medienriesen Bertelsmann und dessen nicht gerade kleiner und unwichtiger TV-Tochterfirma RTL allein dort so viel zu tun habe, dass er sich nicht auch noch vernünftig um Adidas kümmern könne. Immerhin einen im wichtigsten deutschen Börsenindex Dax notierten Konzern mit zuletzt 21,4 Milliarden Euro Umsatz und knapp 60 000 Mitarbeitern.

Als Beleg nennen Kritiker gerne die quälend lange Trennung von Guldens Vorgänger Kasper Rorsted, gerade mal ein Jahr, nachdem der Aufsichtsrat um Rabe dessen Vertrag verlängert hatte. Dementsprechend teuer geriet der Abschied. Vor der Hauptversammlung an diesem Donnerstag hatten sich der einflussreiche Stimmrechtsberater ISS und Union Investment gegen einen Verbleib Rabes im Adidas Aufsichtsrat ausgesprochen. Es roch, so schien es zumindest, nach Aufstand.

Doch der blieb aus. Ruhig und souverän moderierte Thomas Rabe nicht nur die Hauptversammlung, sondern parierte auch alle Vorwürfe an seine Adresse. Über alle Aufsichtsräte habe man sich vorher vergewissert, dass diese genug Zeit für das Gremium mitbrächten, sagte er. Damit nahm er zwei Kollegen in Schutz, die sich ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt sehen: Ex-Daimler-Finanzvorstand Bodo Uebber und der französische Geschäftsmann Ian Gallienne. Beiden sammelten fleißig Aufsichtsratsposten bei anderen Unternehmen.

Dass der Ärger darüber sich am Ende in Grenzen hielt, lag an einem geschickten Schachzug. Die Mandate aller Adidas-Aufsichtsräte endeten mit der Hauptversammlung und die Verlängerung erfolgte zeitlich gestaffelt. Uebber wurde bis 2027 wiedergewählt, Gallienne und Rabe nur für ein Jahr. Anschließend will letzterer, Aufsichtsratschef Rabe, nicht nur bei Bertelsmann, sondern auch bei Adidas aufhören. Das erschien manchen Kritikern auf der Hauptversammlung offenbar als guter Kompromiss; sie enthielten sich bei der Abstimmung oder stimmten sogar für Rabes Verbleib bis 2026.

Zumal Gulden sich für ihn ins Zeug legte, als er anmerkte: "Kontinuität im Aufsichtsrat ist unfassbar wichtig, wenn man durch einen Turnaround geht." Wer in einem Jahr Rabe in den Aufsichtsrat und auf dessen Chefposten nachfolgt, ist unklar. Vielleicht wird es Oliver Mintzlaff, früherer Leistungssportler, ehemaliger Chef des Bundesliga-Fußballklubs RB Leipzig und aktuell als Nachfolger von Dietrich Mateschitz an der Spitze des Energydrink-Herstellers Red Bull. Er wurde am Donnerstag anstelle von Kathrin Menges, die sich nach zehn Jahren in dem Gremium verabschiedete, neu in den Adidas-Aufsichtsrat gewählt.

Selbst für die Sache mit den Nationaltrikots gibt es Applaus

Das Vertrauen der Anteilseigner in die bei Adidas handelnden Personen scheint generell groß. Und das, obwohl hinter der Drei-Streifen-Marke das erste Verlustjahr seit mehr als drei Jahrzehnten liegt. Doch der von Gulden verkörperte Neuanfang sorgt für Hoffnung und findet Rückhalt. "Wir sind bei Weitem noch nicht da, wo wir sein wollen, aber das Geschäft dreht sich", sagte der Vorstandschef. Bis 2026 werde es schon dauern, ehe Adidas zu alter Strahlkraft findet. Das Sportjahr 2024 mit Fußball-EM und Olympischen Spielen als Höhepunkten ist dabei eine wichtige Etappe.

In demonstrativem Beifall ausgedrückten Rückhalt gab es selbst für Guldens Begründung, warum Adidas aus dem Wettbieten mit Branchenführer Nike als Ausrüster der deutschen Fußballnationalmannschaft ausgestiegen ist. Bekanntlich rüstet Nike die DFB-Teams von 2027 an aus. Das lässt sich der US-Rivale kolportierte 100 Millionen Euro im Jahr kosten, doppelt so viel, wie der DFB-Ewigkeitspartner Adidas aktuell bezahlt. Nach Ansicht von Gulden sei das viel zu viel. Deshalb habe Adidas nicht nachgezogen. "Unsere Angst war, wenn man diese Summe für eine Nationalmannschaft zahlt - was passiert dann mit den Vereinen", sagte Gulden. Soll heißen: Adidas befürchtete eine Preisexplosion bei den für Ausrüster attraktiveren Top-Teams wie Real Madrid oder Bayern München.

Und die Kängurus? Die Kritik an Adidas wegen der Verwendung von Känguru-Leder ist nicht neu. Andere Hersteller, darunter Puma, haben ihren Verzicht darauf angekündigt oder verzichten bereits. Adidas wies die Vorwürfe der Tierschützer zurück. 2023 habe der Anteil von Känguruleder von Adidas-Schuhen weniger als 0,1 Prozent gelegen.

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