ADAC Rauer Herbst für den ADAC

Knapp 90 Millionen Euro Nachzahlung erwartet das Finanzamt vom ADAC.

(Foto: imago/Ralph Peters)
  • Der ADAC muss knapp 90 Millionen Euro Versicherungsteuer nachzahlen und in den kommenden Jahren könnten weitere millionenschwere Steuerforderungen fällig werden.
  • Zugleich will Europas größter Autoclub bis zu 400 Stellen in seiner Münchner Zentrale streichen.
  • Dazu beginnen nun die Verhandlungen über einen Interessenausgleich und Sozialplan.
Von Heiner Effern und Uwe Ritzer

"Pole Position" heißt das Programm ADAC-intern, wie der vorderste Startplatz in einem Autorennen. Das klingt ambitioniert, dabei geht es doch ums Zurückfahren: Bis 2020 will der größte Automobilclub Europas 170 Millionen Euro einsparen und bis zu 400 der 2500 Stellen in seiner Münchner Zentrale streichen. So etwas hat es in der 114-jährigen Geschichte des ADAC noch nicht gegeben. Diese Woche beginnen Management und Betriebsrat die Verhandlungen über Interessenausgleich und Sozialplan. Das Sparprogramm steht auch in Zusammenhang mit teuren Altlasten. Nach SZ-Informationen muss der ADAC neuerdings Versicherungssteuer abführen - und musste deshalb gerade knapp 90 Millionen Euro Nachzahlung an den Fiskus überweisen.

Einen entsprechenden Bescheid hat das Bundesamt für Steuern Ende Juli für den Zeitraum von Frühjahr 2014 bis Ende 2015 erlassen. Ohne die Summe zu bestätigen sprach ein ADAC-Sprecher von einer Nachforderung "in zweistelliger Millionenhöhe", die der Automobilclub "fristgerecht bezahlt" habe. Steuerprüfer hatten zuvor moniert, dass der ADAC seinen Mitgliedern über deren Beiträge zwar Versicherungsleistungen etwa für Unfall- und Pannenhilfe verkauft, darauf jedoch - anders als herkömmliche Versicherer - in der Vergangenheit keine Steuern bezahlt hat.

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Dabei profitierte der ADAC von der jahrzehntelangen Großzügigkeit der bayerischen Finanzbehörden. Sie bewerteten die ADAC-Leistungen der Straßenwacht, der Pannenhilfe und bei Tierkollisionen als steuerlich nicht relevant. Das seit 2010 zuständige Bundeszentralamt für Steuern sieht das anders. Nun stehen dem ADAC auch für 2016 und 2017 Nachzahlungen bevor; mutmaßlich muss der ADAC künftig jedes Jahr Versicherungssteuer im mittleren zweistelligen Millionenbereich bezahlen. Es gebe da aber noch "keine verbindliche Auskunft" seitens des Bundeszentralamts, heißt es. Sicher ist nur, dass der ADAC für die Zeit vor 2014 nichts nachzahlen muss; da gilt der sogenannte Vertrauensschutz. Auf dem Höhepunkt der Krise im Nachgang zur manipulierten Autowahl "Gelber Engel" 2014 war sogar von einer halben Milliarde Euro Nachzahlung die Rede. Dass es nun vorerst knapp 90 Millionen Euro geworden sind, erscheint verkraftbar für eine Organisation mit Milliardenvermögen. 2017 jedoch steuert der ADAC auf ein Defizit zu. Die Mitgliedsbeiträge reichen nicht aus, um die Kosten zu decken. Das Management prognostiziert Ende 2020 ein Defizit von 170 Millionen Euro.

Ein Blick in die ADAC-Bücher zeigt, dass der Verein 2016 knapp 1,2 Milliarden Euro einnahm, von denen 443 Millionen Euro an die 18 Regionalklubs flossen. Nach Abzug weiterer Ausgaben blieben beim ADAC e.V. knapp 490 Millionen Euro hängen. Zugleich kosteten Hilfsleistungen für havarierte Autofahrer und der Mitgliederservice gut 400 Millionen Euro. Hinzu kamen weitere Ausgaben, etwa für Verbraucherinformation. Unter dem Strich stand so 2016 ein Defizit von 327 000 Euro.

Bei den Verhandlungen mit dem Betriebsrat drängt die Zeit

Allerdings gab es rote Zahlen in der Vergangenheit immer mal wieder. Dann wurden die Löcher schon mal mit Zinseinnahmen gestopft, die der ADAC auf seine Rücklagen kassierte. Doch in Niedringzinszeiten bringt das nicht mehr genug ein. Dass ausgerechnet beim Mitgliederservice gespart werden soll, verdirbt intern die Stimmung. Es verblüfft auch, weil der Verein stetig wächst. Vor Kurzem wurde das zwanzigmillionste Mitglied aufgenommen. Man werde "auch in Zukunft nicht bei den Mitgliederleistungen wie etwa der Pannenhilfe sparen", sagt ein Sprecher. "Pole Position" basiere viel mehr auf der Erkenntnis, dass die vorhandenen Strukturen überholungsbedürftig seien und dank Digitalisierung Prozesse schneller und günstiger werden können.

Der Personalabbau, über den Management und Betriebsrat verhandeln, sieht drei Stufen vor. Zum einen soll natürliche Fluktuation genutzt und frei werdende Stellen nicht wiederbesetzt werden. Für Abwanderungswillige soll es hohe Abfindungen geben. Und die Sachbearbeitung im Mitgliederservice soll drittens aus dem teuren München "an einen kostengünstigen Standort irgendwo in Deutschland" verlagert werden, so ein Insider. Der ADAC-Sprecher sagt, man tue "alles, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden". Bei alledem herrscht Zeitdruck: Der amtierende Betriebsrat wurde noch vor der Teilung des ADAC in Verein, Aktiengesellschaft und Stiftung für die alte, einheitliche Organisation gewählt. Nun läuft seine Amtszeit aus, ein neuer Betriebsrat wird gewählt. Sind Interessenausgleich und Sozialplan nicht bis Ende November unter Dach und Fach, liegen sie auf Eis. Die Verhandlungen müssten 2018 neu gestartet werden.

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