Süddeutsche Zeitung

Achleitner und Jain:Die neue Deutschland AG

Wenn Sonnensysteme verschmelzen: Durch Allianz-Manager Paul Achleitner und Investmentchef Anshu Jain kommen sich der größte deutsche Versicherer und die Deutsche Bank wieder näher. Die beiden Investmentbanker werden in der Ära nach Ackermann den Ton angeben. Sie bilden das neue Machtzentrum der deutschen Wirtschaft.

Harald Freiberger, Frankfurt

Paul Achleitner sollte Josef Ackermann schon einmal beerben. Vor gut zehn Jahren hatte der Österreicher die Wahl zwischen zwei Top-Jobs: Er hätte Vorstand fürs Investmentbanking bei der Deutschen Bank werden können und damit Nachfolger von Ackermann, der an die Spitze des Instituts rückte. Achleitner jedoch entschied sich dafür, lieber Finanzchef bei der Allianz zu werden. Wie es heißt, lockte ihn der Einfluss beim größten europäischen Investor, der allein über seine Kapitalanlagen bei deutschen Konzernen viel mitzureden hat.

Geschichte wiederholt sich doch: Am Montag zog Ackermann überraschend sein Vorhaben zurück, im Mai nächsten Jahres vom Vorstandschefsessel an die Spitze des Aufsichtsrats zu wechseln. Er hätte 25 Prozent der Investoren dafür gewinnen müssen und wollte sich einem mühseligen Wahlkampf nicht mehr unterziehen. Und nun wird tatsächlich Paul Achleitner sein Nachfolger.

Der Neue verfüge über "ausgezeichnete Kenntnisse, umfassende Erfahrungen und ein exzellentes Urteilsvermögen", schmeichelt Clemens Börsig, noch bis Mai 2012 Chef-Kontrolleur der Bank. Mit dem Wechsel ändert sich die Statik der Bank. Es gibt eine neue Achse der Macht, eine neue Kombination zweier ausgebuffter Finanzexperten, die alles über Terminkontrakte und Margin Calls wissen, die berüchtigten Telefonanrufe der Broker bei Anlegern, doch bitte Kapital nachzuschießen.

Da ist Achleitner, der einstige Deutschland-Chef von Goldman Sachs, der ein großes Netzwerk an Kontakten unterhält und auch ein politisches, pointiertes Wort zur Lage nicht scheut. Und da ist Anshu Jain, der mächtige künftige Ko-Chef der Deutschen Bank, amtierender Vorstand fürs Investmentbanking, der sein Leben in Handelsräumen verbracht hat und künftig den schon etwas älteren Deutschland-Chef Jürgen Fitschen zur Seite hat.

Achleitner und Jain bilden das neue Machtzentrum der deutschen Wirtschaft. Die beiden kennen sich gut von etlichen persönlichen Treffen, unter anderem auf den Wirtschaftsgipfeln von Davos. Die Arbeitsteilung sieht so aus, dass sich Jain ums Geld kümmert und Achleitner um die Geltung.

Der langjährige Manager der Allianz hat zuletzt mit einem Vorschlag aufgewartet, der den Euro-Rettern in Brüssel und Luxemburg mehr Einsatzgeld bringen sollte - die "Hebelung" des Fonds EFSF durch eine politische Garantie für 10 bis 30 Prozent des eingesetzten Kapitals. Das Konstrukt dürfte es zwar schwer haben, angesichts der derzeitigen Verunsicherung in der Euro-Zone bei Investoren anzukommen, doch es ist schon als "Achleitner-Modell" im Markt eingeführt. Bei den Details zu den neuen Anleihen helfen Allianz-Spezialisten genauso wie Experten der Deutschen Bank.

Mit der aktuellen Personal-Rochade passiert, was mehr als ein Jahrzehnt nicht möglich schien: Die beiden größten deutschen Finanzkonzerne rücken zusammen zur neuen Deutschland AG. "Das waren bisher zwei getrennte Sonnensysteme", sagt ein Manager der Deutschen Bank. Das größte Geldhaus und die größte Versicherung markierten einst schon das Zentrum der alten Deutschland AG. Spätestens aber, nachdem die Allianz im Jahr 2001 die Dresdner Bank übernommen hatte und zum direkten Konkurrenten der Deutschen wurde, marschierten beide getrennt.

"Jawoll" gehört zu seinen Lieblingsworten

Selbst in der Deutschen Bank wurden viele von Ackermanns Schritt überrascht. Die Personalie Achleitner kommt recht positiv an. Dem Allianzler eilt der Ruf voraus, kommunikativ, gradlinig und unprätentiös zu sein. Viel hält er von einem aufgeklärten Kapitalismus. "Jawoll" ist eines seiner Lieblingsworte. Er promovierte in St. Gallen und forschte drei Jahre in Harvard. Zu seinen Freunden zählt etwa Ex-Außenminister Joschka Fischer.

"Das Tandem hat mehr Freiraum zur Entfaltung", sagt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) zum Duo Achleitner/Jain. Eine andere Frage ist, wie die fein austarierte Machtbalance in der Deutschen Bank beeinflusst wird. Ackermann legte seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 großen Wert darauf, ein Gegengewicht zum riskanten Investmentbanking zu schaffen. Mit der Übernahme von Postbank und Sal. Oppenheim stärkte er das traditionelle Bankgeschäft. Mehrfach fuhr er Jain in die Parade.

Aus all diesen Gründen unterstützten ihn auch Arbeitnehmer in seinem ursprünglichen Plan, Aufsichtsratschef zu werden. Mit Achleitner wird nun ein lupenreiner Investmentbanker zum Oberkontrolleur. Er hatte mit traditionellem Bankgeschäft bisher wenig zu tun.

Bei Arbeitnehmern und Aktionären geht die Sorge um, es komme zum Strategieschwenk. "Wir hoffen sehr, dass Achleitner für beide Seiten der Bank steht und integrierend wirkt", sagt Aktionärsvertreter Nieding. Zum Wesen des Aufsichtsrats hat sich Achleitner auch schon geäußert. "Wir erwarten zu Recht, dass wir bessere Aufsichtsräte bekommen, weil die Anforderungen an ihre Arbeit rasant gestiegen sind", äußerte er Mitte 2009 in einem Interview. Einen solchen Job konnte er sich damals grundsätzlich vorstellen, aber er habe "noch viel Zeit, bevor sich diese Frage stellt". Damals hatte die Allianz seinen Vertrag verlängert - bis 2014.

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SZ vom 16.11.2011/jab
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