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Nachhaltigkeit:Bauschutt ist zu schade für die Deponie

Vorbildfunktion in Frankfurt: Das Hochhausprojekt Quartier Four soll zeigen, wie ein Gebäuderückbau klimagerecht gestaltet werden kann - und erträglich für die Anwohner.

(Foto: Groß&Partner)

Wenn Gebäude abgerissen werden, entstehen enorme Mengen Schutt. Bisher landete der meist im Müll, doch das könnte sich ändern - mit Hilfe einer neuen Initiative.

Von Christine Mattauch

Baugrund ist knapp. In Städten heißt Neubau daher in der Regel auch Abriss von alten Gebäuden, mit allen Folgen für Anwohner und Umwelt. "Innerstädtisch fangen Bauprojekte so gut wie nie auf der grünen Wiese an", sagt Thomas Kraubitz, Architekt und Direktor im Berliner Ingenieurbüro Happold. "Die meisten Grundstücke hatten eine Vornutzung."

Mit der Klimadiskussion ist auch die Umweltbelastung durch den Abbruch von Häusern stärker in den Blick gerückt. Es geht dabei nicht nur um große Mengen Schutt, die vielfach auf Deponien gekippt werden, sondern auch um CO₂-Ausstoß und Ressourcen. Schließlich ist das, was die Abrissbirne zerstört, einst mit hohem Material- und Energieeinsatz produziert worden.

Um in der Immobilienbranche mehr Bewusstsein für das Thema zu schaffen, hat die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) jetzt eine Initiative gestartet und das wohl weltweit erste Rückbauzertifikat erstellt. Das neue Zertifikat soll Bauherren und Unternehmern einen Anreiz geben, beim Rückbau genau hinzusehen und Kapazitäten dafür einzuplanen. "Wir brauchen eine Haltungsveränderung", sagt DGNB-Geschäftsführerin Christine Lemaitre.

Baufirmen karren ihre Abfälle manchmal quer durchs Land

Rund 220 Millionen Tonnen Bauschutt fallen in Deutschland jährlich an, das sind mehr als die Hälfte des gesamten Abfallaufkommens. Während das Thema in der Öffentlichkeit so gut wie keine Rolle spielt, sind Fachleute alarmiert. "Viele Deponien geraten an ihre Kapazitätsgrenze oder erreichen das Ende ihrer Betriebsdauer", warnt das Online-Portal Sonderabfallwissen, das der Entsorger Remondis betreibt. Baufirmen würden ihre Abfälle "quer durch Deutschland, teilweise außer Landes" fahren, oft lande Bauschutt illegal im Restmüll oder am Wegesrand.

Das hemdsärmelige Gebaren der Branche hat auch mit ihren Vorgaben zu tun. "Es muss schnell gehen, da kommt großes Gerät zum Einsatz", beschrieb es DGNB-Chefin Lemaitre auf einem Forum des Veranstalters Heuer Dialog. Für einen "feingliedrigen Umgang mit Materialien" fehle häufig auch Wissen.

Ein Pilotprojekt in Frankfurt soll zeigen, was alles möglich ist

Den Praxistest hat das Rückbauzertifikat im Frankfurter Quartier Four durchlaufen, einem stadtbildprägenden Hochhausprojekt. Das hat es in sich - schon wegen seiner Dimension. Das ehemalige Areal der Deutschen Bank umfasst rund 16 000 Quadratmeter mitten in der Frankfurter Innenstadt. Ein Gelände mit Blockrandbebauung: mehrgeschossige Bürogebäude der 1950er- und 1960er-Jahre, ein großes Parkhaus und das markante Investment Banking Center, ein 93 Meter hoher Turm. Es war eine Stadt in der Stadt, abweisend und für Außenstehende unzugänglich.

Der Entwickler Groß & Partner macht nun einen Neuanfang, nach Plänen des Amsterdamer Architekturbüros UNStudio und mit dem Vorsatz, ein grünes Vorzeigeprojekt entstehen zu lassen. Mit einer DGNB-Zertifizierung der höchsten Stufe Platin für den Neubau - und dem Rückbau-Pilotprojekt. Das Ziel: Standards entwickeln, um den Kreislaufgedanken zu verankern und den Rückbau schonend zu gestalten - auch für Anwohner. "Für alle Beteiligten war das Neuland", sagt Johanna Kübchen, bei Groß & Partner zuständig für die Zusammenarbeit mit der DGNB.

Nicht jede Abbruchfirma kam für das ehrgeizige Projekt in Frage. Der Entwickler entschied sich für AWR Abbruch, einen Spezialisten aus dem Raum Koblenz.

Eine "Sichtschätzung" der Experten offenbarte die Dimension: rund 37 000 Tonnen Beton, 3400 Tonnen Metalle, 3000 Tonnen Styropor. Kübchen: "Man bekommt ein Gefühl für die Massen. Für das, was da schlummert." Das Recycling wurde bis ins Detail geplant. "Mit der Abrissbirne einmal rein, das kam schon wegen der Separation nicht in Frage", sagt Kübchen. "Wir haben gemeinsam mit AWR überlegt, dass wir Stück für Stück vorgehen, teilweise auch händisch und mit Kleingerät." Mischabfälle zerkleinerten und sortierten die Arbeiter vor Ort. Es ging nicht nur um eine möglichst gute Verwertung der Materialien, sondern auch um den Einsatz energiesparender Maschinen und eine Minimierung von Transportwegen. So wurde Schutt nicht zur 129 Kilometer entfernten Deponie gekarrt, sondern als Füllmaterial zu einer Baustelle im nahegelegenen Offenbach gefahren.

Die Belastung der Anwohner soll so gering wie möglich gehalten werden

Alle Daten hielten die Kooperationspartner in einer Materialstrombilanz fest. Die Dokumentation sei ein "enormer Aufwand" gewesen, sagt Kübchen. Dafür haben die Beteiligten den Erfolg schwarz auf weiß: Insgesamt fielen 159 285 Tonnen Rückbaumaterial an, davon 149 990 Tonnen mineralische Baustoffe wie Beton oder Ziegel. Diese konnten zu mehr als 99 Prozent aufbereitet oder verwertet werden. Selbst asbesthaltiger Abfall wurde in einer Spezialanlage getrennt. Rohrverbindungen mit Asbestfasern beispielsweise, sogenannte Flansche, konnten dadurch zu 99 Prozent als Eisenschrott recycelt werden.

Was nach den Kriterien der DGNB auch zum nachhaltigen Rückbau gehört: Anwohner sollen informiert und Belastungen durch Lärm, Staub und Schmutz so gering wie möglich gehalten werden. So wurde der ausgediente Büroturm auf dem Four-Gelände Etage für Etage abgetragen, der Staub mit Wasser gebunden. Eine Reifenwaschanlage sorgte dafür, dass die Lkw umliegende Straßen nicht verdreckten. Und dann die Kommunikation. Kübchen zählt auf: "Briefe an die Nachbarn, eine Website, eine durchgängig besetzte Hotline, Information auf Social Media."

Seit dem vergangenen Jahr bietet die DGNB die Zertifizierung offiziell an. Warum sollten sich Bauherren den Aufwand antun? Architekt Kraubitz, der zu den Auditoren der DGNB gehört, sieht viele Vorteile. "Eine gute Rückbauplanung reduziert die Gefahr unvorhergesehener Schwierigkeiten." Die Materialien ließen sich besser kalkulieren. Durch die Rücksicht auf Anwohner sinke das Risiko von Konflikten, die zu Rechtsstreit und im schlimmsten Fall zur Stilllegung von Baustellen führen können.

Und schließlich ist da die Außenwirkung. "Wer ein wirklich nachhaltiges Gebäude anstrebt, kann nicht erst mit dem Neubau beginnen", findet Kraubitz. Bei Four ziehe sich "der grüne Faden durchs gesamte Projekt. Es ist logisch, dass dann auch der Rückbau mit dabei ist". Mit anderen Worten, ein zertifizierter Rückbau trägt dazu bei, dass die Story stimmt - und sich das Gebäude langfristig zu einem besseren Preis vermarkten lässt. Bei einer gerade veröffentlichten Umfrage von Engel & Völkers Investment Consulting erwarteten 58 Prozent der Investoren sinkende Preise für Immobilien, die nicht nachhaltig sind. Als größte Treiber für nachhaltigen Rückbau indes könnten sich Kommunen erweisen, wenn sie eine Abbruchgenehmigung an eine Zertifizierung knüpfen - ob aus Umweltgründen oder um Anwohner zu schützen.

Aber müssen Gebäude überhaupt abgerissen werden?

Eine andere Frage ist, wie viel Abbruch es überhaupt braucht. Experte Kraubitz hofft, dass die Rückbauzertifizierung auch in dieser Hinsicht zum Umdenken beiträgt: "Man macht sich die vorhandenen Qualitäten bewusst. Das Ziel ist immer, möglichst viel Bestand zu erhalten." Mit dieser Haltung ist er nicht allein: Im vergangenen Jahr forderte die Initiative Architects for Future in einer Petition zum klimaverträglichen Bauen ein Gesetz, "das Abriss nur genehmigt, wenn er sozial- und klimanotwendig ist". Zugleich müsse eine Muster-Umbauordnung Sanierungen erleichtern.

Bei Four gelang es, eine riesige denkmalgeschützte Fassade zu retten. Alte Marmorplatten werden im neuen Foyerboden verbaut. Auch 203 Quadratmeter eingelagerte Fenster gehen als Bauteile ins neue Gebäude ein. Die Erhaltung ganzer Gebäude sei hingegen keine Option gewesen, sagt Kübchen: "Brandschutz und Statik entsprachen heutigen Anforderungen nicht." Auch wollten die Architekten die Struktur des Areals aufbrechen: Das neue Quartier mit vier Hochhäusern soll nach der Fertigstellung 2024/25 auch für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

In Zukunft könnte Rückbau sogar zu einem Synonym von Wiederverwendung werden - nämlich dann, wenn Neubauten von vornherein nach dem Kreislaufprinzip geplant werden, die Materialien also leicht demontierbar sind und weiter verwendet werden können. Gebäude wären dann gigantische Rohstofflager - und hätten für ihre Eigentümer sogar Wertsteigerungspotenzial. Architekt Kraubitz prophezeit: "Heute ist Rohstoffverwertung meist ein Beifang für den Unternehmer, der den Rückbau macht. Aber das wird sich ändern."

© SZ/kö/mai
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