Sie ist das, was Amerikaner gerne einen tough cookie nennen, geschlechtsneutral einen harten Hund, sozusagen eine Art Carrie Mathison aus der Geheimdienst-Serie "Homeland" im wirklichen Leben: Abigail Spanberger, 39, jagte jahrelang als CIA-Agentin undercover Terroristen in aller Welt, ehe sie sich entschloss, für die Demokraten in die Politik zu gehen. In einem konservativen Wahlkreis forderte sie einen konservativen republikanischen Kongressabgeordneten heraus - und gewann am 6. November 2018 wider alle Vorhersagen (im Bild mit Tochter Catherine am Wahlabend).
Damit trug sie zur "blauen Welle" bei, benannt nach der Farbe der Demokratischen Partei. Denn die stellt nun nach acht Jahren erstmals wieder die Mehrheit im Repräsentantenhaus, und das mit klarem Vorsprung vor den Republikanern, der Partei Präsident Donald Trumps. Spanberger ist eine von mehr als 100 Frauen, die dem neuen Kongress angehören - so viele waren es noch nie. Und sie ist eine von 36, die neu ins Parlament eingezogen sind - die meisten von ihnen Demokratinnen, die republikanische Männer aus ihren bisherigen Posten katapultiert haben. So, wie es auch Spanberger gelungen ist.
Im Nachhinein betrachtet hat Spanberger so ziemlich alles richtig gemacht, nämlich das getan, was Kandidaten in Wahlkreisen machen sollten, wenn sie ideologisch nicht festgelegt sind. Sie war für eine freiwillige staatliche Krankenversicherung, aber gegen eine allgemeine Pflichtversicherung. Sie verurteilte sanctuary cities, die illegalen Einwanderern Schutz anbieten und die Zusammenarbeit mit den Behörden des Bundes verweigern. Sie warb vehement für eine verantwortungsvolle staatliche Ausgabenpolitik, polterte wider die Schuldenmacherei, die Republikaner lange Jahre verteufelten und der sie nun unter Trump selbst hemmungslos verfallen.
Alles sind das Positionen, die Spanberger eher auf dem rechten Flügel der Demokraten verorten. Vor allem aber beklagte sie lautstark "mangelnden Anstand" in der amerikanischen Politik, eine klare Anspielung auf den Präsidenten und seine Lügen und Herabwürdigungen des politischen Gegners, ohne dabei je Trumps Namen in den Mund zu nehmen.
Das Problem war nur: In Virginias Wahlbezirk Nr. 7, in dem Spanberger antrat, hatte es seit Jahrzehnten keine wechselnden Mehrheiten gegeben. Der Wahlkreis war klar festgelegt: streng konservativ. Seit der Ära von Präsident Nixon, also seit fast einem halben Jahrhundert, hatte der Distrikt nur Republikaner in den Kongress geschickt. Noch 2016 siegte deren Abgeordneter Dave Brat mit 15 Prozent Vorsprung vor seinem Konkurrenten von den Demokraten. Keine guten Voraussetzungen für die Herausfordererin.
Doch Spanberger, die drei Kinder hat und selbst in dem ländlichen Wahlbezirk im Westen von Virginias Hauptstadt, der alten Südstaatenkapitale Richmond, groß geworden ist, hat den Nachteil wettgemacht. Zum einen mit unermüdlichem Einsatz: Sie hat schlicht mit den Menschen geredet. Allein im Oktober hatte sie 93 offizielle Gesprächstermine. Damit mobilisierte sie viele politisch nicht festgelegte Wähler - vor allem Frauen und vor allem in den urbanen Gegenden ihres Bezirks, die an Richmond angrenzten. Spanberger gab den Wählerinnen und Wählern das Gefühl, Gehör zu finden, das Gefühl, dass sie sich in ihren Dienst stellt und nicht in den Dienst einer Ideologie.
Das passte - und das war ihr anderer Trumpf - zu ihrer Lebensgeschichte. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatte die sprachenbegabte junge Frau (unter anderem beherrscht sie fließend Deutsch) sich freiwillig bei der CIA gemeldet, um, wie sie es formuliert, ihrem Land zu dienen. Nach vier Jahren Training wurde Spanberger als Geheimagentin eingesetzt - ein Umstand, den sie nicht einmal ihrer Mutter erzählen durfte und den Amerikas Spionagedienst erst bestätigte, als sie ihre Kandidatur bekannt gab.
Bereitwillig ließ sie sich im Wahlkampf vor ihrem Holzhaus mit wehendem Sternenbanner im Hintergrund ablichten. Dienst an der Gemeinschaft, Dienst für das Land - das sind Werte, die keineswegs nur bei konservativen Amerikanern hoch angesehen sind. Die Demokratische Partei wird sich Spanbergers Erfolg genau anschauen - als Blaupause für die Präsidentschaftswahl in zwei Jahren.
