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Abgasskandal:Ein Arbeitskreis namens "Tread"

Die von VW bei Gericht eingereichte Chronik beginnt aber erst 2014. Am 23. Mai hatte Winterkorn, wie üblich, viele Unterlagen mit ins Wochenende genommen. Zwei bis vier Pilotenkoffer voller Akten waren das in der Regel laut Volkswagen. An diesem Mai-Wochenende hatte er zwei Unterlagen mit Informationen über dramatische Stickoxid-Grenzwertüberschreitungen in den USA mit im Gepäck: Um den Faktor 15 bis 35 gehe es. Die erste Notiz mit diesem Hinweis soll Winterkorn laut VW (an)gelesen haben. Eine zweite, dahinter liegende Notiz mit einem noch viel brisanteren Hinweis will der damalige Chef gar nicht zur Kenntnis genommen haben. Darin hatte es geheißen, es sei zu vermuten, dass die Behörden die VW-Systeme daraufhin untersuchen würden, ob ein sogenanntes "Defeat Device" installiert sei.

Defeat Device, so heißt die Software, die Volkswagen in den USA mehr als 20 Milliarden Euro an Schadenersatz für Autokunden und Strafen gekostet hat. Diese Software erkennt, ob ein Fahrzeug auf einem Prüfstand steht. Bei den Messreihen der Behörden also. Dann läuft die Abgasreinigung optimal, im Straßenverkehr wird sie aber weitgehend abgeschaltet. Was Aufwand, Mühe und Kosten senkt. So funktionierte der Betrug, von dem die Konzernspitze nichts gewusst haben will. Ganz abgesehen davon, dass Winterkorn am 24. Mai Geburtstag hat und an so einem Tag wohl lieber feiert statt Akten zu lesen, die ihm tags zuvor eingepackt worden sind: Wie soll ein Vorstandschef an Wochenenden den Inhalt von zwei bis vier Pilotenkoffern vernünftig durcharbeiten? Da liegt die Vermutung nahe, dass Volkswagen falsch organisiert war. Das nur nebenbei.

Im Kern sagt Volkswagen, niemand aus dem Konzernvorstand habe vor dem 18. September 2015 die Dimension des Problems mit den Dieselmotoren gekannt

Vom Mai 2015 an waren Abgasprobleme in den USA in der VW-Spitze wiederholt ein Thema. Winterkorn und Pötsch unterhielten sich darüber (siehe "Ein Problem mit US-Behörden"), später kam auch Diess ins Spiel. Auf dieser Ebene, ganz oben, soll aber immer nur von Abgasproblemen die Rede gewesen sein, ohne Erkenntnisse über Betrug und Manipulation. Diess, neu im Konzern, soll angeboten haben, sich bei Gesprächen mit den US-Behörden "unterstützend ... einzubringen". Im Kern sagt Volkswagen, niemand aus dem Konzernvorstand habe vor dem 18. September 2015 die Dimension des Problems mit den Dieselmotoren gekannt; oder hätte überhaupt die Möglichkeit dazu gehabt, die Brisanz zu erkennen.

Die VW-Chronik offenbart aber auch, was am 21. Juli 2015 in einem Arbeitskreis namens "Tread" besprochen worden sei. Damals seien die in die Manipulationen involvierten Personen aufgrund des steigenden Drucks der Behörden in den USA gezwungen gewesen, einem "breiteren Kreis von Personen offen zu legen", dass eine veränderte Software für die Motorsteuerung die Ursache für die Unregelmäßigkeiten bei den Abgasuntersuchungen in Übersee gewesen wäre. Diese Personen hätten intern bei dem Tread-Treffen erläutern müssen, wie die "Umschaltlogik" funktionierte.

Gemeint ist die Umschaltlogik zwischen Prüfstand und Straße. Bei dem Tread-Treffen waren führende Vertreter aus dem Konzern dabei gewesen. Auch Neußer, inzwischen Vorstand der Marke VW. Ulrich Hackenberg, Entwicklungsvorstand bei der Tochter Audi und noch näher dran an Winterkorn. Hackenberg hat bei den Ermittlern ausgesagt, er habe erst später von den Manipulationen erfahren, nach deren Auffliegen. In der VW-Chronik wird das Treffen vom 21. Juli 2015 anders geschildert. Bei dieser Sitzung soll laut VW sogar beschlossen worden sein, "das Abgasthema offen mit den US-Behörden zu besprechen, eigene Fehler einzuräumen und alle Fragen umfassend und zutreffend zu beantworten". Doch es dauerte noch bis Anfang September 2015, bis VW die Verstöße bei US-Behörden zugab. Aber selbst dann, so die Sicht des Konzerns, hätten die Aktionäre nicht informiert werden müssen.

Hätte der Vorstand vor dem 18. September die Dimension des Diesel-Desasters erkannt, hätte man sich selbst von der Pflicht befreit, die Börse unterrichten zu müssen. Alles in Ordnung also.

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