Abgasskandal:Potenziell tödliche Erkrankungen der Atemwege und des Herzens

An der Klageschrift des US-Justizministeriums fällt auf, dass sie weniger die getäuschten Besitzer von VW-Diesel-Fahrzeugen als vielmehr die Gesundheitsgefahren für die Allgemeinheit in den Mittelpunkt stellt. Für Volkswagen ist das hoch gefährlich, denn sollte der Regierung vor Gericht der Nachweis gelingen, dass wegen der zusätzlichen Abgas-Emissionen tatsächlich US-Bürger erkrankt sind, könnte die Geldstrafe noch einmal höher ausfallen als bei einem rein materiellen Schaden.

In dem Papier wird darauf verwiesen, dass Stickoxide die Konzentration von Feinstaub sowie bodennahem Ozon erhöhen und potenziell tödliche Erkrankungen der Atemwege und des Herzens auslösen können. Allein in Kalifornien sei VW für "Tausende Tonnen zusätzlicher Stickoxid-Emissionen" verantwortlich, erklärte die Chefin des dortigen Umweltamts, Mary Nichols. Ihre Behörde war an der Aufdeckung des Skandals maßgeblich beteiligt gewesen.

Unkooperatives Verhalten des Managements

Ein weiteres Problem für VW könnte sein, dass das Justizministerium in der Klageschrift gleich mehrfach auf das unkooperative Verhalten des Konzerns nach Bekanntwerden der ersten Verdachtsmomente hinweist. In den Gesprächen mit dem Unternehmen hätten dessen Vertreter die Dinge monatelang verschleiert, irreführende Informationen geliefert und rasche technische Lösungen versprochen. Erst als die Beweise erdrückend waren, räumte VW demnach ein, dass das Unternehmen die Abgaswerte bewusst manipuliert hatte.

Ein VW-Sprecher bezeichnete die Klage als "unangenehm", man habe sie aber erwartet. "Wir prüfen das natürlich, sobald es uns vorliegt", sagte er. Volkswagen werde weiter mit den Behörden kooperieren.

Die Klage kommt wenige Tage vor der wichtigen Detroit Motor Show

Während der Konzern sich bemüht, Gelassenheit zu demonstrieren, wird die Lage in Berliner Regierungskreisen anders eingeschätzt. VW habe intern den Eindruck erweckt, man wolle eine Klage zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit allen Mitteln verhindern, hieß es. Das sei offenbar auch einer der Gründe gewesen für die geplanten Reisen von Konzernchef Matthias Müller und VW-Markenvorstand Herbert Diess in die USA. Die Strategie sei jedoch offensichtlich nicht aufgegangen.

Winterkorn-Nachfolger Müller und Diess wollen unter anderem die Automesse in Detroit besuchen und Gespräche mit US-Behörden führen. Müller will Beamte wie Politiker davon überzeugen, dass Volkswagen es mit der Aufklärung der Abgas-Affäre und einem Kulturwandel im Unternehmen ernst meint. Das soll solche Manipulationen künftig ausschließen.

Dass das Justizministerium die Klage gegen Volkswagen wenige Tage vor Beginn der Detroit Motor Show eingereicht hat, dürfte den Auftritt des deutschen Konzerns dort nicht erleichtern. In Detroit, bei einer der weltweit wichtigsten Automessen, hatten die deutschen Konzerne zuletzt viel Raum eingenommen und ihren Anspruch bekräftigt, auf dem wichtigen US-Markt voranzukommen. Jetzt geht es bei VW aber hauptsächlich darum, wie die in den USA verkauften Diesel-Fahrzeuge mit manipulierten Abgaswerten umgerüstet werden, um künftig den gesetzlichen Vorschriften zu entsprechen. Die bisherigen Verhandlungen haben nach Angaben der US-Umweltbehörde Epa noch "zu keinem akzeptablen Ergebnis geführt".

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