Abgasskandal Heftige Vorwürfe gegen Stadler

Soll seine Techniker gerüffelt haben für zu viel Ehrlichkeit: Der langjährige Audi-Chef Rupert Stadler.

(Foto: dpa)
  • Der langjährige Audi-Chef Rupert Stadler soll im Dezember 2015 vor möglichen Abgas-Manipulationen in Europa gewarnt worden sein.
  • Audi gibt jetzt Verstöße bis 2018 zu. Das bringt den Manager weiter in Bedrängnis.
  • Die Staatsanwaltschaft München II geht davon aus, dass Stadler von Ende 2015 an Manipulationen an Motoren, die für den europäischen Markt gebaut worden seien, billigend in Kauf genommen habe.
Von Klaus Ott

Der Termin, der dem langjährigen Audi-Chef Rupert Stadler aus Sicht der Staatsanwaltschaft München II zum Verhängnis werden könnte, fand am 16. Dezember 2015 statt. Drei Monate nach Beginn der Abgasaffäre bei Volkswagen, der Muttergesellschaft von Audi. Gut eine Woche vor Weihnachten trafen sich damals Vertreter von Audi und Porsche, einer weiteren VW-Tochter, mit Fahrzeug-Kontrolleuren des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA).

Das Gespräch sei konstruktiv, aber nicht gerade positiv verlaufen, schrieb anschließen ein mit der Aufklärung der Affäre befasster Audi-Manager einem Kollegen. Voraussichtlich im Januar werde ein Bericht des KBA mit schlechten Abgaswerten beim Porsche Macan erscheinen. Der Sportwagen, in dem ein von Audi entwickelter Motor steckt, stoße auf der Straße zehn bis zwölf Mal mehr Stickoxide aus als bei den offiziellen Messungen der Behörden auf einem Prüfstand. Dazu stehe ein Telefonat mit Audi-Vorstandschef Stadler an.

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Spätestens da, glaubt die für den Fall Audi zuständige Staatsanwaltschaft München II, sei Stadler gewarnt gewesen. Spätestens von diesem Tag an habe er Manipulationen an Motoren, die für den europäischen Markt gebaut worden seien, billigend in Kauf genommen. Das geht aus Ermittlungsunterlagen hervor, und nach den Vorstellungen der Staatsanwaltschaft soll das auch der Kern des Betrugs-Vorwurfs gegen Stadler sein.

Der damalige Audi-Chef habe nach den Enthüllungen über Gesetzesverstöße von Volkswagen und Audi in den USA frühzeitig Hinweise darauf gehabt, dass auch Dieselfahrzeuge in Europa nicht in Ordnung gewesen seien. Stadler hätte einschreiten müssen, glauben die Ermittler. Doch bei Audi habe damals und auch lange Zeit danach faktisch nicht einmal im Ansatz eine Aufklärung stattgefunden. Und nicht nur das. Stadler, bei dem als Vorstandschef alle relevanten Informationen zu diesem hochbrisantem Thema zusammengelaufen seien, habe sogar eine raschest mögliche Aufklärung verhindert.

Das sind heftige Vorwürfe gegen Stadler, der weiter in Untersuchungshaft sitzt. Der zuvor immer wieder beteuert hat, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Vorwürfe, die eine grundsätzliche Frage aufwerfen. Wie weit muss ein Vorstandschef bei solch einer Affäre gehen, um Schaden von sich abzuwenden? Die Produktion stoppen, zulasten des Unternehmens und der zahlreichen Beschäftigten, bis alles aufgeklärt ist? In den Ermittlungsunterlagen steht, Stadler habe durch aktives Tun die weitere Produktion und Auslieferung von betroffenen Dieselfahrzeugen an Zwischenhändler und letztlich an Endkunden befürwortet.

Dieser Vorwurf gehe zu weit, heißt es aus den Reihen der Strafverteidiger, die im Fall Audi aktiv sind. Ein Produktionsstopp hätte das Unternehmen mit seinen mehreren Zehntausend Arbeitsplätzen gefährdet, sagt einer der Anwälte. So aber hat Audi weiter Dieselfahrzeuge für Europa hergestellt und verkauft und mehrere Milliarden Euro eingenommen. Bis alle Modelle untersucht und alle offenbar manipulierten Motoren entdeckt worden waren, hat es nach der Warnung von Ende 2015 noch zweieinhalb Jahre gedauert. Viel zu lange, glaubt die Staatsanwaltschaft. Wegen der komplizierten Suche nach schwer auffindbaren Software-Teilen sei das nicht schneller gegangen, heißt es bei Audi.

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Die Ingolstädter Volkswagen-Tochter hat jetzt zugegeben, dass von 2004 bis 2018 "fortwirkend" bestimmte Dieselaggregate des Typs V6 und V8 nicht den Vorschriften entsprochen hätten. In der Organisationseinheit "Abgas Service/Zulassung Aggregate" seien Aufsichtspflichten verletzt worden. Audi teilte weiter mit, das sei nach den Feststellungen der Staatsanwaltschaft "mitursächlich" für die Verstöße, die nunmehr mit 800 Millionen Euro Bußgeld geahndet werden.

In dem Bußgeldbescheid werden keine Vorwürfe gegen Stadler erhoben. Der Verstoß gegen Aufsichtspflichten wird einem Beschäftigten aus dem mittleren Management angelastet. So ist das bereits im Schmiergeldskandal bei Siemens und vielen anderen Affären gelaufen. Eine Führungskraft, die in der Öffentlichkeit völlig unbekannt ist, muss für den Bußgeldbescheid herhalten. Was für die Ermittler den Vorteil hat, dass die Verfahren gegen die Oberen weiterlaufen. Was den mutmaßlichen Betrug anbelangt, verändert der Bußgeldbescheid Stadlers Lage nicht.

Es könnte für Schadenersatzforderungen reichen

Aber unternehmenspolitisch betrachtet gerät der Ex-Manager mehr und mehr in Bedrängnis. Er war von 2007 bis 2018 Vorstandschef. Also im größten Teil jener Phase, in der Dieselfahrzeuge nicht in Ordnung waren, wie Audi nun zugibt. Mehr denn je stellt sich also die Frage, ob Stadler etwas hätte merken müssen. Oder ob er das Unternehmen zumindest nicht so organisiert hat, dass Verstöße aufgefallen und abgestellt worden wären. Das kann Schadenersatzforderungen von Audi nach sich ziehen. Bei Siemens und anderen Konzernen sind Manager sehr wohl haftbar gemacht worden. Bis hin zum langjährigen Siemens-Chef Heinrich von Pierer, der fünf Millionen Euro zahlen musste. Der aber weiter jede Schuld von sich weist.

Audi und Volkswagen sind in dieser Hinsicht erstaunlich geduldig; sowohl bei Stadler wie beim früheren VW-Chef Martin Winterkorn. Was Staatsanwälte zutage fördern, könnte aber selbst dann Konsequenzen haben, wenn es zu keinen Verurteilungen käme. Weil es für Schadenersatzforderungen reichen könnte. Die Münchner Ermittler werfen Stadler vor, bei Audi habe eine interne Arbeitsgruppe (Task Force) zur Aufklärung der Lage in Europa viel zu spät mit der Arbeit begonnen. Von 2016 an habe Audi die Zulassung von 15 Fahrzeugtypen beantragt und bekommen, bei denen sich später herausgestellt habe, dass sie mit einer unzulässigen Abschalteinrichtung für die Abgasreinigung ausgestattet gewesen seien. Auch das wird Stadler angelastet.

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