Abgasaffäre Volkswagen zahlte Mitarbeitern Bleibeprämien

Bleibeboni zahlen neben Volkswagen viele weitere Konzerne in den USA.

(Foto: dpa)
  • Der Autobauer gab 4,5 Millionen Dollar aus, um Mitarbeiter im Konzern zu halten.
  • Auch Manager, die in den Dieselskandal eingebunden waren, profitierten. Volkswagen weist Schweigegeld-Vorwürfe zurück.
Von Stefanie Dodt und Kathrin Werner, New York

Volkswagen hat in den USA 148 Beschäftigten nach Recherchen von SZ, NDR und WDR zwischen Januar 2015 und Juli 2017 Bleibeboni im Umfang von insgesamt rund 4,5 Millionen Dollar gezahlt. Unter den Empfängern sind Manager, die eng in die Abläufe der Abgasaffäre eingebunden waren, darunter der langjährige VW-Amerika-Chefjustiziar David Geanacopoulos. Mindestens zehn Bonusempfänger wurden bereits als Zeugen im Zusammenhang mit dem Skandal um manipulierte Schadstoffwerte bei Dieselfahrzeugen vernommen. Den höchsten Betrag, 450 000 Dollar, erhielt Audi-Amerika-Chef Scott Keogh. Die Manipulationen waren im September 2015 von der US-Umweltbehörde Epa bekannt gemacht worden.

Solche Bleibeboni sind in den USA üblich. Davon profitiert haben bei VW allerdings auch zwei Manager, die mit den umstrittenen Tests zu tun hatten, bei denen mehrere Affen Dieselabgasen ausgesetzt waren. Der VW-Jurist Geanacopoulos hatte von den ursprünglichen Plänen, das Experiment an Menschen durchzuführen, abgeraten. Dann hatte er persönlich die Studie an Affen genehmigt. Bei einem Jahresverdienst von etwa 800 000 Dollar erhielt er einen Bonus in Höhe von 150 000 Dollar. Auch der Volkswagen-Manager Stuart Johnson steht mit 60 000 Dollar, das ist etwa ein Drittel seines Jahresgehalts, auf der Liste der Bonusempfänger. Johnson hatte das Labor für den Affentest noch vor Beginn der Experimente besucht. Er arbeitet seit mehr als 30 Jahren für VW und hat der Aussage zufolge zuvor nie einen Bleibebonus bekommen.

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Wolfgang Schaupensteiner, pensionierter Oberstaatsanwalt und ehedem einer der führenden Ermittler bei Wirtschaftsdelikten in Deutschland, sieht solche Fälle kritisch. Wenn ein Mitarbeiter beispielsweise auf "schwerwiegende Weise gegen Unternehmensstandards verstoßen hat, dann darf man nicht mit einem Bonus rechnen, sondern mit einer Kündigung". VW-Vorstandschef Matthias Müller hatte den Affentest im Nachhinein als unethisch, falsch und abstoßend bezeichnet. Volkswagen antwortete auf die Frage, ob es falsch gewesen sei, Bleibeboni an Geanacopoulos und Johnson zu zahlen: Zu Gratifikationen an Einzelpersonen äußere sich die Volkswagen Group of America grundsätzlich nicht.

Generelle Kritik an den Bleibeboni von VW in den USA äußert der dortige Anwalt Michael Hausfeld. Er hat im Auftrag zahlreicher VW-Dieselkunden den Konzern auf Schadenersatz verklagt. Hausfeld sagt, die Boni-Zahlungen kämen einem Signal an die Mitarbeiter gleich, stillzuhalten. "Das sieht nach einem Schweigegeld aus, danach, dass Loyalität erkauft wird. Nicht im Sinne der Wahrheit, sondern im Sinne der Firma." VW weist den Schweigegeld-Vorwurf entschieden zurück. Das entbehre jeglicher Grundlage und sei "völliger Unsinn". VW-Mitarbeiter seien bei den US-Ermittlungen in der Abgasaffäre verpflichtet, wahrheitsgemäß auszusagen. Falsche oder unrichtige Angaben hätten "schwere strafrechtliche Konsequenzen".

Immer mehr US-Firmen gewähren Bleibeprämien

VW erklärte weiter, man habe in den USA solche Boni schon lange vor der Abgasaffäre gezahlt. Im Zuge der Affäre habe man im Herbst 2015 "mit einer Reihe hoch qualifizierter Mitarbeiter, die wichtig für das Unternehmen waren", solche Bonus-Vereinbarungen getroffen. In den USA seien solche Zahlungen "ein gängiges Instrument zur Mitarbeiterbindung". Ein Mitarbeiter erhalte die Gratifikation, wenn er über die vertraglich festgelegte Laufzeit im Unternehmen geblieben sei.

Der New Yorker Arbeitsrechtsanwalt Alan Sklover sieht in Bleibeprämien, die in den USA Retention-Boni genannt werden, grundsätzlich kein Problem. In den vergangenen zwei bis drei Jahren seien Retention-Boni "immer häufiger geworden", sagt Sklover. "Und zwar durchweg in allen Branchen." Bleibeboni seien auch üblich, wenn sich eine Insolvenz abzeichne, aber noch nicht feststehe, sagt Sklover. "Entweder werden die Boni gezahlt, weil es der Branche gerade besonders gut geht, oder in einer Art von Krise oder Skandal." Das könne auch bei Ermittlungen von Aufsichtsbehörden oder Staatsanwaltschaften so sein. Fast die Hälfte aller US-Konzerne gewährt laut dem Gehalts-Informationsdienst Payscale solche Boni, Tendenz steigend.

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