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Abgasaffäre Stadler soll schon 2010 vor Diesel-Problemen gewarnt worden sein

Audi-Chef Rupert Stadler, derzeit in Untersuchungshaft, soll laut einer Zeugenaussage schon 2010 von nicht gesetzeskonformen Funktionen in Dieselautos gewusst haben.

(Foto: dpa)
Von Hans Leyendecker und Klaus Ott , München

Der Motorentechniker aus dem Hause Audi, der am 30. Oktober 2017 bei der Staatsanwaltschaft München II zur Abgasaffäre aussagte, konnte sich an vieles genau erinnern. Vorgänge und Namen; der Zeuge nannte ein Detail nach dem anderen. Manchmal wusste er, nach Jahren, auch noch das genaue Datum. Das galt vor allem für eine Sitzung am 1. April 2010, die den langjährigen Audi-Chef Rupert Stadler noch mehr in Bedrängnis bringen könnte, als das ohnehin schon der Fall ist. An diesem Tag soll Stadler in einem Arbeitskreis mit dem Titel TPK erfahren haben, dass die Volkswagen-Tochter bei Diesel-Abgasen mit nicht gesetzeskonformen Funktionen unterwegs sei.

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So steht es nach Informationen von SZ, NDR und WDR im Vernehmungsprotokoll. Aus der Niederschrift geht hervor, dass Stadler bei der Sitzung nicht nachgefragt habe, was es damit auf sich habe. Zur Verwunderung des Motorentechnikers, einer Führungskraft bei Audi. Der Motorenspezialist, der noch als Zeuge aussagte, gehört inzwischen zum Kreis der Beschuldigten, wegen Betrugsverdacht. Ebenso wie Stadler, der in Untersuchungshaft sitzt, der aber seine Unschuld beteuert.

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Der Motorentechniker ist nicht der einzige, der den inzwischen beurlaubten Vorstandschef stark belastet. Auch der frühere Leiter der Dieselmotorenentwicklung bei Audi, Ulrich Weiß, hat den Ermittlern über Stadler berichtet. Bei Testfahrten im Sommer 2013 im Oman habe er Stadler gesagt, man benötige in den Fahrzeugen mehr Ad Blue für die Reinigung der Abgase. Ad Blue ist ein Gemisch aus künstlichem Harnstoff und Wasser, das die gesundheitsschädlichen Stickoxide neutralisiert. Stadler habe geantwortet, das interessiere ihn nicht. Weiß solle ihn, den Vorstandschef, mit dem Pipi in Ruhe lassen. Auch das steht so im Vernehmungsprotokoll. Die Staatsanwaltschaft stuft Weiß als Zeugen ein, nicht als Beschuldigten.

Zwei Aussagen, die zu einer zentralen Frage führen: Wusste Stadler wirklich nichts von dem enormen Schadstoffausstoß bei Dieselfahrzeugen und davon, wie das eigene Unternehmen jahrelang die Behörden getäuscht hatte? Oder wollte er es nicht wissen? Der Betrug war erst im Herbst 2015 durch US-Behörden entlarvt worden. Aber schon fünfeinhalb Jahre vorher (und dann später noch einmal durch Weiß) soll der Vorstandschef alarmiert worden sein. Nicht mit Hinweisen auf Betrug, aber deutlich genug, um einzugreifen. Vorausgesetzt, diese Aussagen treffen zu. Stadler weist alle Vorwürfe zurück.

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Der Motorentechniker hat den Ermittlern berichtet, 2010 seien bei Audi die Zulasser nervös geworden. Die Zulasser, das sind jene, die für neue Fahrzeugmodelle die erforderlichen Genehmigungen besorgen. Der Schadstoffausstoß auf der Straße sei bis zu zwölf Mal so hoch gewesen wie auf dem Prüfstand, auf dem Behörden die offiziellen Messwerte ermittelten. Der Motorentechniker will einem Kollegen gesagt haben, man müsse Richtung Vorstand erklären, dass mehr Ad Blue für die Abgasreinigung notwendig sei. Anschließend sei es zu dem TPK-Treffen am 1. April 2010 gekommen.

TPK steht für Technikproduktkreis. Dort wurden größere Probleme besprochen. An jenem 1. April soll, so der Motorentechniker, definitiv Stadler dabei gewesen sein; zusammen mit weiteren Vorständen. Der Motorenspezialist berichtete den Ermittlern, eine Kollegin von ihm habe das mit den nicht gesetzeskonformen Funktionen gesagt. Ein anderer Kollege habe eingewandt, dass das nicht in den großen Kreis gehöre, sondern in kleiner Runde besprochen werden solle. Keiner der Teilnehmer habe darauf reagiert. Auch die anwesenden Vorstände angeblich nicht.

Stadler erklärte bei Vernehmungen, er habe sich korrekt verhalten

Die Staatsanwaltschaft fragte den Motorentechniker, ob den Sitzungsteilnehmern hätte bewusst sein müssen, dass Audi möglicherweise Gesetze in den USA gebrochen habe. Die USA mit dem dort verkauften "Clean Diesel" waren damals ein großes Thema bei Volkswagen und der VW-Tochter Audi. Der Motorentechniker antwortete den Ermittlern, er habe nicht verstehen können, warum keiner der Sitzungsteilnehmer nachgehakt habe. Warum niemand genau habe wissen wollen, wo das Problem liege. Ob Audi noch im Graubereich sei oder ob das schon ein Gesetzesverstoß sei.

Genauso detailliert wie der Motorentechniker hat auch Weiß bei den Ermittlern ausgesagt. Es sei nicht normal gewesen, dass er bei seinem Gespräch mit Stadler im Sommer 2013 im Oman mehrere Hierarchieebenen übersprungen habe. Da es dort im Sommer extrem warm sei, habe man ein Zelt aufgebaut. Dort hätten sich die Teilnehmer der Probefahrten in den Pausen versammelt und etwas getrunken. Bei dieser Gelegenheit sei er, Weiß, auf Stadler zugegangen. Und habe das mit dem Pipi als Antwort bekommen.

Stadlers Anwalt war nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Stadler selbst hat bei Vernehmungen in der Untersuchungshaft erklärt, er habe sich korrekt verhalten. Audi erklärte, es sei Sache der Behörden und Gerichte, die Glaubwürdigkeit einzelner Zeugen und ihrer Aussagen zu bewerten. Bei einem derart komplexen Sachverhalt lägen unterschiedliche Erinnerungen vor. "Es verbietet sich, einzelne Aussagen isoliert aus der Akte herauszugreifen und zu kommentieren."

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