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Abgasaffäre:Ein verhängnisvoller Tag im Juli

Martin Winterkorn

Er habe sich nichts zuschulden kommen lassen, sagte Martin Winterkorn zu Beginn der Affäre.

(Foto: dpa)
  • Am 27. Juli 2015 sollen VW-Vorstandschef Winterkorn und der neue VW-Vorstand Diess von Technikern aus dem mittleren Management von der Abgasaffäre erfahren haben.
  • Der 27. Juli ist deshalb so wichtig, weil nach offizieller Darstellung von VW der Vorstand erst Wochen später von den Manipulationen erfahren haben soll.

Der sogenannte Schadenstisch in Wolfsburg, das war lange Zeit eine sehr gefürchtete Veranstaltung bei Volkswagen. Techniker mussten sich vor Vorstandschef Martin Winterkorn rechtfertigen, wenn irgendetwas nicht funktionierte und dies für den Konzern teuer zu werden drohte.

Nach Möglichkeit lag das betreffende Autoteil, wenn es nicht gerade zu groß war, sogar auf jenem Tisch, um den herum sich die von Winterkorn angeführte Runde versammelt hatte. Der Chef, ein ausgewiesener Tüftler, inspizierte das Teil genauestens. Und nicht selten stauchte er diejenigen, die in seinen Augen versagt hatten, vor versammelter Mannschaft zusammen.

So ging das jahrelang, so war man das bei Volkswagen gewohnt. Bis zu einem Schadenstisch am 27. Juli 2015, der möglicherweise das Ende der Karriere Winterkorns einleitete. Dieser Tag könnte zu einem zentralen Datum in der Abgas-Affäre von Volkswagen werden. Winterkorn war zusammen mit dem neuen Vorstandskollegen Herbert Diess erschienen, der erst vier Wochen vorher von BMW in München zu Volkswagen nach Wolfsburg gekommen war. Und der sich in dem Konzern mit den vielen Marken von Audi bis Porsche um die VW-Fahrzeuge kümmert, um das schwächelnde Stammgeschäft also.

Am Ende des Schadenstisches vom 27. Juli 2015 soll auch das damals größte Problem im Konzern zur Sprache gekommen sein. Die Diesel-Fahrzeuge von VW in den USA stießen sehr viel mehr gesundheitsschädliche Stickoxide aus, als das gesetzlich erlaubt war. Das ließ sich, nach immer mehr und immer genaueren Messungen, nicht länger verheimlichen. Die US-Behörden wollten wissen, was da los war.

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An diesem 27. Juli sollen Winterkorn und Diess von Technikern aus dem mittleren Management erfahren haben, was Sache war: Volkswagen hatte die Umweltbehörden jahrelang mit gefälschten Messergebnissen betrogen. Ein heimlich eingebautes Defeat Device sorgte dafür, dass die Abgasreinigung bei den offiziellen Tests auf dem Prüfstand, im Labor also, bestens funktionierte. Auf der Straße dann aber abgeschaltet wurde, weil die Betriebs- und Wartungskosten für die Fahrzeuge sonst zu hoch und VW in Übersee nicht mehr konkurrenzfähig gewesen wäre.

Der 27. Juli ist deshalb so wichtig, weil nach offizieller Darstellung von VW der Vorstand erst Wochen später von den Manipulationen erfahren haben soll. Von dem angeblichen Vorgang am Schadenstisch haben zwei damalige VW-Techniker aus dem mittleren Management der US-Justiz berichtet. Sie werden als "kooperierende Zeugen" 1 und 2 geführt; die amerikanischen Ermittler schätzen sie als glaubhaft ein. Der Lohn für ihre Redseligkeit: Sie werden in den USA nicht strafrechtlich verfolgt. Diese Taktik wird in vielen Staaten praktiziert: die Unteren zu schonen, um die Oberen zu fassen. Sich von unten nach oben durch den Konzern arbeiten.

So war das auch bei Siemens gewesen, als die Münchner Staatsanwaltschaft vor einem Jahrzehnt ein weltweites System von schwarzen Kassen und Schmiergeldzahlungen bei Siemens enthüllt hatte. Der Industriekonzern hatte Regierungen, Beamte und Geschäftspartner bestochen, um lukrative Aufträge für den Bau von Kraftwerken, die Lieferung von Telekommunikationsanlagen und anderes mehr zu erhalten.

Diejenigen, die nach Erkenntnissen der deutschen Justiz ein "Rädchen im System" gewesen waren, kamen gut weg. Wenn sie denn auspackten. Die Ermittler wollten unbedingt in die Chefetage. Wollten wissen, wer letztlich schuld war an den kriminellen Machenschaften. Ein damaliger Siemens-Vorstand, der freilich die Vorwürfe alle zurückweist, kommt jetzt noch einmal vor Gericht. Solche Verfahren dauern lange.

Kronzeugen sind wichtig, aber sie müssen nicht immer die Wahrheit sagen. Ein früherer VW-Manager, der die Abgasaffäre und ihre Akteure gut bis sehr gut kennt und der auch von den Aussagen der Kronzeugen weiß, will deren Vorwürfe so nicht stehen lassen. Das seien "Schutzbehauptungen" von Leuten, die selbst in die Affäre verstrickt seien. Die unter Druck stünden, die sich freikaufen wollten, indem sie den Behörden belastende Aussagen über die Oberen lieferten. Der frühere VW-Mann, der das einwendet, ist kein Beschuldigter. Er ist frei von dem Verdacht, an den Betrügereien beteiligt gewesen zu sein oder davon gewusst zu haben.

VW hatte bereits vor knapp einem Jahr auf Schadensersatzklagen von Aktionären hin beim Landgericht Braunschweig zu dem Treffen am 27. Juli 2015 Stellung bezogen. Der "konkrete Inhalt dieser informellen Besprechung" lasse sich nicht im Detail rekonstruieren. Das gelte auch für die Frage, welcher Vorstand wann an diesem Schadenstisch teilgenommen habe. Möglicherweise hätten einzelne Mitarbeiter bei dieser Gelegenheit erstmals mitgeteilt, dass die Diesel-Probleme in den USA auf einer Software beruhten, die den Schadstoffausstoß bei den offiziellen Messungen auf dem Prüfstand beeinflusste. Von Verstößen gegen US-Recht sei "nach gegenwärtigem Kenntnisstand" aber nicht die Rede gewesen. Winterkorn habe gefordert, den Sachverhalt weiter aufzuklären.

Vorstand Diess ist in die USA gereist. Er will die Autofahrer dort wieder für VW begeistern

Das hat Volkswagen Ende Februar 2016 dem Landgericht Braunschweig mitgeteilt. Daran habe sich bis heute "nichts Wesentliches geändert", sagt VW. Winterkorn selbst bestreitet jegliches Fehlverhalten. Die Anwaltskanzlei, die ihn vertritt, äußerte sich zwar auf Anfrage nicht zu den Anschuldigungen. Bei VW und im Umfeld des Konzerns ist allerdings bekannt, dass Winterkorn bei den internen Ermittlungen des Unternehmens seine Unschuld beteuert hat. Ihm sei am 27. Juli 2015 am Schadenstisch mitnichten von den Manipulationen in den USA berichtet worden.

Auch Diess, heißt es bei Volkswagen, weise alle Vorwürfe zurück. Der frühere BMW-Mann und heutige VW-Sanierer ist sogar in die USA gereist, zur Automesse nach Detroit. Diess will Autofahrer in Übersee wieder für VW begeistern. Leicht dürfte das nicht fallen nach der Abgasaffäre. Aber wenigstens muss Diess anders als der jetzt festgenommene VW-Manager nicht befürchten, in den USA bleiben zu müssen. Dafür gibt es keine Anzeichen.

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