Süddeutsche Zeitung

Abgasaffäre:Die Autoindustrie muss sich ehrlich machen

Mit deutscher Gründlichkeit suchten die Hersteller nach Lösungen für den Diesel - und wählten den billigen Trick. Damit sollten sie dringend aufhören.

Kommentar von Max Hägler

Es ist beeindruckend, mit welcher Gründlichkeit deutsche Autobauer sich des Themas Dieselabgase angenommen hatten. Wenn man die Dokumente studiert, die jüngst zu den Kartellvorwürfen geführt haben, finden sich Arbeitskreise zu allen denkbaren Unterpunkten. Sauber gegliedert haben die Ingenieure und Manager beispielsweise beredet, wie sich die gesetzlichen Anforderungen zur Luftreinhaltung möglichst kostengünstig erfüllen lassen. Im Strategiekreis 3.1 etwa, dem für Pkw-Emissionen. Deutsche Gründlichkeit, klar strukturiert, sauber dokumentiert.

Dabei wird deutlich, dass sich die Autohersteller - nicht alle, aber viele - zu sehr vom Sparen haben leiten lassen. Zu sehr fügten sich Ingenieure und Finanzmenschen in unheilvoller Allianz den Renditevorgaben, anstatt für die besten, saubersten Lösungen einzutreten. Möglichst viel vom Umsatz sollte als Gewinn hängen bleiben, zur Freude der Aktionäre. Die Zielsetzung der gesetzlichen Anforderungen haben sie dabei viel zu oft aus den Augen verloren: Bessere Luft an den Straßen. Im Endeffekt haben deshalb viele Wagen, ob per illegaler Programmierung oder nur dank geschickter Tricks, weiterhin mehr gesundheitsschädliche Abgase ausgestoßen als nötig. Den meisten Herstellern war die eigentlich verfügbare Reinigungstechnik schlicht zu teuer.

Die Konzerne müssen den Diesel-Gipfel als Chance begreifen

Das ist die Ausgangsbasis vor diesem sogenannten Diesel-Gipfel, bei dem am Mittwoch Politik und Industrie über Auswege beraten. Dabei ist die Industrie und niemand sonst in der Verantwortung und muss Lösungen anbieten. Die Schärfe, mit der etwa das Umweltministerium bisher agiert, ist angemessen, aber eigentlich gar nicht nötig. Der Druck auf die Hersteller ist auch ohne den Gipfel enorm: Passiert nichts, dürften Fahrverbote kommen, von Gerichten erlassen.

Man stelle sich vor, Hunderttausende dürfen ihre Autos nicht mehr nutzen, um damit in die Arbeit zu fahren oder sonst wohin, obwohl sie erst vor wenigen Jahren viele Tausend Euro für ihre Gefährte gezahlt haben. Der Imageschaden für die betroffenen Hersteller wäre kaum bezifferbar. Insofern müssen die Manager den unangenehmen Termin am Mittwoch als Chance begreifen: Nur ein einvernehmlich beschlossener, guter Plan dort kann sie vor dem völligen Verlust des Ansehens bewahren. Klar strukturiert, gründlich ausgearbeitet, wie sie es gewohnt sind. Und sie müssen begreifen, dass die Umsetzung wahrscheinlich teuer wird.

Noch versuchen es die Automanager mit der Minimalvariante, setzen auf eine verbesserte Software in den Motoren. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Wie es aussieht, wird das aber nicht reichen; gerade hat das Verwaltungsgericht in Stuttgart entsprechende Zweifel angemeldet und klargemacht: Gesundheitsschutz geht vor Eigentum. Eine richtige Abwägung, damit rückt das Fahrverbot näher.

Wenn Nachrüsten unmöglich ist, muss eben zurückgekauft werden

Es ist an den Herstellern, weitere Vorschläge zu machen, um das doch noch abzuwenden. Es braucht Vorschläge, die plausibel und nachprüfbar sind, denn die Industrie hat selbst dafür gesorgt, dass das Vertrauen in ihre Arbeit beschädigt ist. Konkret wird es um Katalysatoren gehen, also Bauteile, die ins oder unters Auto geschraubt werden. Das wird aufwendig und teuer, ja. Aber das ist nicht das Problem der Autobesitzer. Die haben sich darauf verlassen, durften sich darauf verlassen, dass ihre Wagen nicht über die Maßen für schlechte Luft sorgen.

Sollten derlei Basteleien tatsächlich unmöglich sein, was derzeit noch aus fast allen Unternehmen zu hören ist, dann müssen sie das Problem anderweitig lösen. Per Rückkauf der älteren Diesel oder Abwrackprämie, aber eine privatwirtschaftlich finanzierte. Wobei diesmal der Begriff passen würde, noch eher als bei der ersten staatlichen Abwrackprämie, die nur ein wirtschaftlicher Stimulus war. Ein Auto, das nicht mehr fahren darf, das ist wirklich ein Wrack.

Es ist die Verantwortung der Autobauer, dass ihre Wagen so sauber sind wie versprochen und damit auch weiterhin fahren dürfen, dass sie eben nicht abgewrackt werden müssen. Und wenn es so kommt, müssen die Autobauer für Abhilfe sorgen, auf eigene Kosten. Es ist nicht die Verantwortung der Eigner oder der Steuerzahler, die Lösung des Diesel-Problems mitzutragen. Alle Vorschläge, die nun in der Diskussion sind, eine Klimaprämie oder Steuervorteile für Neuwagen, müssen im Blick behalten: Die größte Last muss die Branche übernehmen. Das mögen viele Millionen Euro sein, wahrscheinlich auch Milliarden. Das wird den Gewinn schmälern und für schlechte Laune bei den Aktionären sorgen. Aber ihr Wohl stand dafür die Jahre und Jahrzehnte zuvor im Blick.

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SZ vom 31.07.2017/sry
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