Süddeutsche Zeitung

Abgas-Skandal:VW legt Krisenplan vor - noch mehr Motoren unter Verdacht

  • Volkswagen musste den US-Behörden Vorschläge für eine Verringerung des Stickoxidausstoßes der Diesel-Motoren vorlegen.
  • Laut Epa räumt der Konzern ein, schon 2009 eine nicht zugelassene Software eingesetzt zu haben.
  • Geldgeschenke an Kunden bezeichnete die Chefin der Umweltbehörde nur als "nett".

Am guten Willen, die Sympathie und das Vertrauen der US-Kunden zurückzugewinnen, hat es dem Volkswagen-Konzern zuletzt nicht gemangelt - das hat am Freitag auch Mary Nichols, die Chefin der kalifornischen Umweltbehörde Carb, zugestanden. Jeder VW-Fahrer, der will, erhält vom Unternehmen 1000 Dollar - einfach so, 500 für Einkäufe im VW-Shop, 500 zur freien Verfügung. 120 000 Kunden haben sich das vorgezogene Weihnachtsgeschenk bereits abgeholt.

"Nett" sei das, hat Nichols dem Düsseldorfer Handelsblatt gesagt - und so mit einem einzigen Wörtchen klar gemacht, dass guter Wille zwar willkommen ist, aber längst nicht ausreichen wird, um die jahrelange Manipulation der Abgaswerte von VW-Dieselmotoren vergessen zu machen. Geldgeschenke und Zeitungsanzeigen seien "noch nicht einmal ansatzweise genug, um das Ausmaß des Schadens zu thematisieren", schob sie noch hinterher.

Am Freitag lief die Frist ab, die die Bundesbehörde Epa und die Carb Volkswagen gesetzt hatten, um Vorschläge für eine Verringerung des Stickoxidausstoßes der Diesel-Motoren vorzulegen. Beide Ämter äußerten sich im Tagesverlauf zunächst nicht dazu, ob die Ideen, die der Konzern präsentierte, ausreichen. Allerdings bekräftigten sie ihren Vorwurf, dass VW die Abgaswerte außer bei Zwei- auch bei Drei-Liter-Motoren manipuliert habe. Volkswagen hat das bisher stets bestritten und erklärt, die von der Carb und der Epa beanstandete Software in Oberklasse-Modellen der Marken VW, Audi und Porsche sei erlaubt. Allerdings habe es bei ihrer Anmeldung Fehler gegeben. Laut Epa räumten VW-Vertreter bei einem Treffen am Donnerstag immerhin ein, dass die beanstandete Software nicht nur in den Drei-Liter-Motoren der Baujahre 2014 bis 2016 stecke, sondern schon seit 2009 verwendet werde. Damit sind in den USA statt 10 000 nun 85 000 Oberklassewagen betroffen. Nichols deutete in dem Interview gar an, Volkswagen habe auch bei den Drei-Liter-Aggregaten Manipulationen zugegeben. "Am Anfang haben sie das vehement bestritten, aber später, nachdem wir ihnen die Daten gezeigt haben, gab es einfach keine andere Erklärung für das Verhalten der Fahrzeuge", sagte sie. Die technische Beseitigung der Probleme könnte für VW noch komplizierter - und teurer - werden als ohnehin befürchtet. Bisher setzt der Konzern darauf, die neueren der fast 500 000 betroffenen Mittelklassewagen mit einem Software-Update zu versehen und die Autos früherer Baujahre umzurüsten. Doch mit genau solchen Nachrüstungen, so die Carb-Chefin jetzt, habe man "in der Vergangenheit grundsätzlich schlechte Erfahrungen gemacht". Es sei daher "ziemlich wahrscheinlich, dass VW wenigstens einen Teil der Flotte von den Besitzern zurückkaufen muss". Bei diesem "Teil" handelt es sich um bis zu 325 000 Pkw der Baujahre 2009 bis 2014 - ein Rückkauf könnte den Konzern entsprechend Milliarden kosten.

Doch auch die Nachrüstung wäre teuer: Die Monteure könnten entweder eine neue, größere Auspuffanlage in die Autos einbauen, die aber die Leistung der Motoren verringern, den Kraftstoffverbrauch erhöhen - und damit die Kunden verärgern könnte. Oder sie greifen zu einer chemischen Lösung, bei der die giftigen Stickoxide, die der Motor produziert, in die harmlosen Substanzen Stickstoff und Sauerstoff aufgespalten werden. In diesem Fall müsste unter anderem ein Tank für den Harnstoff Urea eingebaut werden.

Damit nicht genug: Nichols verlangt von VW zusätzlich ein Umweltkonzept, das die bisherigen und die bis zur Lösung des Problems noch entstehenden zusätzlichen Emissionen ausgleicht. Ihr mache Sorgen, "dass der Umwelt-Aspekt nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die wir uns wünschen würden", sagte sie. Schließlich seien die betroffenen Autos "ja immer noch auf den Straßen unterwegs". Wie ein solches Konzept aussehen könnte, erläuterte sie allerdings nicht. Die Carb-Chefin machte lediglich klar, dass VW nicht damit davonkommen werde, "Bäume zu pflanzen". Nichols hatte bereits zuvor angedeutet, dass im Falle einer mangelnden Kooperationsbereitschaft des Konzerns die betroffenen Autos notfalls auch aus dem Verkehr gezogen werden könnten.

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SZ vom 21.11.2015/cmy
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