Abgas-Affäre US-Ankläger nehmen VW-Bosse aufs Korn

New Yorks Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman und zwei seiner Kollegen verlangen nun weitere Millionen von VW. Dass der Konzern sich um aufklärung bemüht, glauben sie nicht.

(Foto: AP)
  • Die neuen US-Klagen machen die Abgas-Affäre für VW noch viel gefährlicher, als sie es schon ist.
  • Die Ankläger greifen den heutigen Vorstandsvorsitzenden Müller, Aufsichtsratschef Pötsch und Ex-VW-Chef Winterkorn frontal an
  • Für die neuen Risiken muss der Konzern zusätzliches Geld beiseitelegen, die Vorsorge wurde bereits um 2,2 Milliarden aufgestockt.
Von Thomas Fromm und Klaus Ott

So ziemlich am schlimmsten kommt es für Volkswagen in Textziffer 232. Das ist jene Stelle in der neuesten Klageschrift aus den USA, in der die Generalstaatsanwälte von New York, Maryland und Massachusetts einen ihrer Ansicht nach verheerenden Umgang des deutschen Autokonzerns mit der Abgasaffäre beschreiben. Die Ermittler prangern eine Unternehmenskultur an, die Betrug und Schwindel belohne, bis heute, mit hohen Millionenzahlungen für das Management. Diese Unternehmenskultur gehe von der Konzernspitze aus ("very top"), von Vorstand und Aufsichtsrat. Die Ziffer 232 und die folgenden Passagen in der 90-seitigen Klageschrift machen klar: Die US-Ermittler halten all die schönen Sprüche von Konzernchef Matthias Müller und Ober-Kontrolleur Hans-Dieter Pötsch, dass Volkswagen die weltweiten Abgas-Manipulationen zutiefst bereue und dass nun alles anders und besser werde, für nichts als leeres Gerede.

Die bei den Obersten Gerichten der drei Bundesstaaten eingereichten Klagen machen die Affäre für Volkswagen noch viel gefährlicher, als sie es ohnehin schon ist. Die manipulierten Schadstoff-Messungen bei etwa einer halben Million Diesel-Fahrzeugen in den USA könnten den Konzern noch mehr kosten als die bislang vereinbarten 15 Milliarden Dollar. Wegen der Abgasaffäre muss VW nun zusätzliches Geld zur Seite legen, immerhin 2,2 Milliarden Euro, wie am Mittwoch bekannt wurde. Der Grund: In Nordamerika lauern eben noch mehr rechtliche Risiken, als bisher angenommen, weil hohe Strafzahlungen in den drei Bundesstaaten auf den Konzern zukommen könnten.

Wird Ex-VW-Chef Winterkorn geschont?

Die neuen Erkenntnisse der Ermittler lassen den Verdacht aufkommen, dass der Autokonzern unter seinen neuen Chefs Müller und Pötsch nicht umfassend aufklärt; dass vieles noch viel krimineller war als bislang bekannt; dass der stark belastete Ex-Konzernchef Martin Winterkorn geschont werde. Besonders übel nehmen die US-Ankläger demnach der Konzernspitze, dass Winterkorn trotz der Affäre von VW weiter Millionenbeträge an Gehalt und Boni bekommt - und dass ihm das Geld nicht gestrichen wird.

Die neue Konzernspitze mit Müller und Pötsch, die aus dem alten Management kommen, genießt kein richtiges Vertrauen in den Vereinigten Staaten. Verspieltes Vertrauen zurückgewinnen, das ist in den USA aber der wichtigste und zugleich schwierigste Schritt bei solchen Affären. Doch wie soll das noch gelingen angesichts der neuen Vorwürfe gegen Volkswagen sowie die beiden Töchter Audi und Porsche? Gleich sechs Generationen der Manipulations-Software (Defeat Device) soll es gegeben haben; drei bei VW, zwei bei Audi und eine bei Porsche. Ein Defeat Device erkennt, ob sich ein Auto auf dem Prüfstand befindet. Dann wird der Ausstoß von Stickoxiden auf ein Minimum reduziert. Außerhalb des Teststands, auf der Straße, wird dann umso mehr Schmutz ausgestoßen, zum Schaden von Mensch und Natur.

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Ursprung der Schummel-Software offenbar bei Audi

So ist das bei VW viele Jahre lang geschehen. Die Grenzwerte wurden nur auf dem Prüfstand eingehalten, Behörden und Kunden wurden getäuscht. Die Ursprünge des Defeat Device im VW-Konzern sollen bis ins Jahr 1999 zurückgehen, als bei Audi eine entsprechende Technologie entwickelt und in Europa eingesetzt worden sei. Weil die Autos so auch leiser geworden seien, habe Audi sein Defeat Device "Akustik-Funktion" genannt. Klingt ganz harmlos, war es aber wohl nicht. Später hätten dann die VW-Manipulationen in den USA begonnen. So steht es in der US-Klageschrift.

Den Erkenntnissen der Ermittler zufolge sollen mehrere Dutzend Mitarbeiter und Manager aus allen Hierarchie-Ebenen des Konzerns die Betrügereien in Übersee begangen oder zumindest davon gewusst oder Hinweise darauf bekommen haben. Das habe sich über fast zehn Jahre hingezogen; bei VW, bei Audi und bei Porsche. Bei dem Sportwagen-Hersteller war Matthias Müller von 2010 bis 2015 Vorstandschef, bevor er wegen der Abgasaffäre im September 2015 Winterkorn als Volkswagen-Konzernchef ablöste. Kaum war Müller auf seinem neuen Posten, da gab er schon eine gewagte These zum besten. Das "Fehlverhalten einiger weniger Personen" habe dem ganzen Unternehmen schweren Schaden zugefügt.

Winterkorn wurde von zwei Vertrauten gewarnt

Volkswagen hat anschließend immer wieder mal anklingen lassen, es habe sich um einen kleinen Kreis von hoch spezialisierten Technikern gehandelt, der im Geheimen alles ausgetüftelt habe und dem niemand auf die Spur habe kommen können. Von dieser Version, die den alten Vorstand um Winterkorn entlastete, bleibt nach Lektüre der neuen US-Klageschrift nicht mehr viel übrig. Im Gegenteil. An mehreren Stellen werden Begebenheiten geschildert, die Müller damals noch als Audi-Manager im Jahr 2006 und Winterkorn als VW-Chef im Frühjahr 2014 hätten stutzig machen können. Den Vorwurf gegen Müller hält das Unternehmen für unbegründet. Ansonsten äußert sich Volkswagen nicht im Detail zu den Anschuldigungen; wegen der nach wie vor laufenden Untersuchungen. Die haben ergeben, dass zwei Vertraute Winterkorn im Mai 2014 gewarnt hatten.

Der eine war Bernd Gottweis, der damals als eine Art betriebsinterner Feuerwehrmann den Arbeitskreis für Produktsicherheit leitete. Eine Mail von Gottweis an Winterkorn vom 23. Mai 2014 ist seit Monaten bekannt. Nun schildern die US-Ermittler, dass auch Frank Tuch, damals oberster Qualitätsschützer bei VW, Winterkorn an diesem Tag alarmiert habe. In einem Schreiben Tuchs an Winterkorn sei von dramatischen Stickoxid-Werten die Rede gewesen, für die es keine gründliche Erklärung gebe. Es sei anzunehmen, dass die US-Behörden untersuchen würden, ob VW in der Software ein Defeat Device installiert habe, das Abgas-Messungen auf dem Prüfstand erkenne. Tuch gab offenbar die Mail und die darin geschilderten Erkenntnisse von Gottweis weiter.

Ob und, falls ja, wie der viel beschäftigte Konzernchef die Warnung registrierte, müssen nun die Ermittlungen zeigen. Die US-Ankläger werfen Volkswagen vor, Spitzenleute hätten von weit überhöhten Schadstoffwerten gewusst und trotzdem nicht verhindert, dass die Behörden in Amerika weiter getäuscht worden seien. Bis September 2015, bis alles aufflog. Trotz dieser Erkenntnisse habe der VW-Aufsichtsrat das oberste Management inklusive Ex-Chef Winterkorn in diesem Jahr mit großzügigen Zahlungen geradezu überschüttet, inklusive Boni. Die Summe belaufe sich auf 63 Millionen Euro, rechnen die US-Ankläger vor. Und das mitten im größten und teuersten Desaster von Volkswagen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Aus Sicht der Ermittler zeigt das, wie verheerend es um die Unternehmenskultur bestellt ist. Nachzulesen ab Ziffer 232.

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