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Abgas-Affäre bei Audi:Audi: Abgas-Manipulation übers Lenkrad

Audi

Die VW-Tochter Audi hat nach Worten von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) unzulässige Abgas-Software verwendet.

(Foto: dpa)
  • Die VW-Tochter Audi hat nach Worten von Alexander Dobrindt eine illegale Abgassoftware eingesetzt. Bisher war Audi in Deutschland keine solche Abschalt-Einrichtung nachgewiesen worden.
  • Das Verkehrsministerium verpflichtet den Konzern, 24 000 Audi-Fahrzeuge in die Werkstätten zurückzurufen.
  • Es geht um eine Software, die den Behörden zwar seit einem Jahr bekannt war. Doch erst jetzt wurde klar, dass sie auch als illegale Abschalt-Einrichtung dient und auf die Bewegung des Lenkrades reagiert.

Eigentlich schien sich der Diesel-Skandal für den VW-Konzern ein wenig zu beruhigen. Der Untersuchungsausschuss im Bundestag ist gerade zu Ende gegangen, ohne große neue Vorwürfe. Die drohenden Strafen in den USA sind dank milliardenschwerer Zahlungen weitgehend ausgeräumt. Und bei der Konzerntochter Audi sah es so aus, als ließen sich die dort aufgelaufenen Betrugsvorwürfe einigermaßen entkräften: Der Arbeitsvertrag von Audi-Chef Rupert Stadler wurde vor wenigen Tagen verlängert, nach langer Prüfung. Nicht mehr nur getrieben sein von Enthüllungen, das war die Hoffnung in der VW-Zentrale in Wolfsburg.

Doch am Donnerstagabend wurde in Berlin klar, dass sich die Affäre noch einmal ausweitet. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) verkündete, was Prüfern des Kraftfahrtbundesamtes erst am Tag zuvor bekannt geworden war: Die Konzerntochter Audi setzte nach Dobrindts Worten eine illegale Abgassoftware ein. Damit gerät auch die Premiummarke von VW immer stärker in Bedrängnis. Bisher war Audi in Deutschland keine illegale Abschalteinrichtung nachgewiesen worden. Jetzt verpflichtet der Verkehrsminister VW, 24 000 Autos der Tochter zurückzurufen: "Klar ist, dass die Fahrzeuge nicht in dem Zustand bleiben können."

Es geht um die Modellreihen A8 und A7 mit V6- und V8-Dieselmotoren. Betroffen sind Fahrzeuge der Baujahre 2009 bis 2013. Die Fahrzeuge seien jeweils zur Hälfte auf dem deutschen und auf dem europäischen Markt.

Daimler droht Sammelklage

Ein amerikanischer Bundesrichter in Kalifornien hat eine Sammelklage von Investoren gegen Daimler im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen angeblich überhöhter Dieselemissionen zugelassen. Richter S. James Otero lehnte am späten Mittwochabend einen Antrag Daimlers auf Abweisung der im vergangenen Jahr von Pensionsfonds und anderen Investoren eingereichten Klage ab. Er werde die Klage gegen Daimler und führende Daimler-Manager wie Konzernchef Dieter Zetsche, Finanzchef Bodo Uebber und den ehemaligen Entwicklungschef Thomas Weber zulassen. Ein Daimler-Sprecher sagte am Donnerstag, die Klage sei unbegründet. Das Unternehmen werde sich mit allen rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen. Im April hatte Daimler erklärt, das Unternehmen schließe angesichts der Ermittlung von US-Behörden wegen möglicherweise unerlaubter Funktionen in Diesel-Motoren empfindliche Geldstrafen nicht aus.

Auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt gegen Daimler. Seit dem Volkswagen-Abgasskandal sind Dieselfahrzeuge unter besondere Beobachtung durch die US-Behörden geraten. VW hatte eingeräumt, heimlich Software in Fahrzeuge eingebaut zu haben, um Abgasmessungen zu manipulieren. Reuters

Man erwarte vom Unternehmen bis zum 12. Juni Lösungsvorschläge für eine Umrüstung der betroffenen Fahrzeuge. Es geht um eine Software, die den Behörden zwar seit einem Jahr bekannt war. Doch erst jetzt wurde klar, dass sie auch als illegale Abschalteinrichtung dient. Nach Angaben des Ministeriums erkennt die Software den Grad von Lenkbewegungen. Wurde das Lenkrad wie auf dem Prüfstand über längere Zeit nur leicht bewegt, schaltet sie die Abgas-Reinigungssysteme an und die Drehzahl wird offenbar abgeregelt. Sobald das Lenkrad jedoch mehr als 15 Grad eingeschlagen werde, erhöhe sich der Ausstoß von gesundheitsschädigendem Stickoxid spürbar. Der Abgasausstoß verdoppelte sich laut Ministerium, das nun weitere Modelle des Konzerns dahingehend prüfen lassen will. Eine ähnliche Funktionsweise ist den US-Behörden schon seit Längerem aufgefallen. Audi hatt bereits eingeräumt, in den USA eine dort verbotene Software zur Abgasreinigung verwendet zu haben - und zahlte dafür bereits über eine Milliarde Euro Strafe. Die Auffälligkeiten nun habe man selbst festgestellt, erklärte der Autobauer. Audi habe "seit einigen Monaten systematisch eine große Anzahl von Motor-Getriebe-Kombinationen auf ihre Emissionen in bestimmten Fahrzuständen" untersucht, dabei seien diese Modelle nun aufgefallen. Vonseiten des Kraftfahrtbundesamtes oder des Bundesverkehrsministeriums gab es dazu keine Einschätzung.

Für die VW-Führung sind die neuen Enthüllungen äußerst unangenehm. VW-Chef Matthias Müller sei am Donnerstag zu Gesprächen ins Ministerium "einbestellt" worden, erklärte Dobrindt. Auch der Konzernchef habe erstaunt gewirkt. VW kooperiere bei den Tests. Der Skandal um manipulierte Abgaswerte im VW-Konzern war im September 2015 ans Licht gekommen. In den USA hatte VW deswegen Milliarden zahlen müssen. In Europa und Deutschland ist VW und auch die Tochter Audi aber der Auffassung, dass Abschalteinrichtungen in seinen Dieselmotoren gar nicht illegal gewesen sind.

Das Ministerium prüft weitere Modelle und setzt eine Frist

Tatsächlich sind derzeit laufende Updates der Autos offiziell noch als "freiwillig" deklariert. Allerdings ermitteln die Staatsanwaltschaften München und Braunschweig gegen Volkswagen und Audi wegen Betrugsverdacht. Vor diesem Hintergrund hatte Audi-Chef Stadler im März diesen Jahres erklärt: "Als Konsequenz aus der Diesel-Affäre stellen wir bei Audi alles auf den Prüfstand."

© SZ vom 02.06.2017/vd
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